Wirtschaftsperspektive Tourismus -
Hoffnung im Seenland
Lange drohte die Lausitz auszubluten. Und noch immer wandern die jungen Leute ab. Das Konzept "Seenland" soll der Region wieder auf die Beine helfen und attraktiv machen: für Investoren und Touristen, aber auch für die Einwohner.
Das große Abwandern kam mit der Wende. Damals arbeiteten 72.000 Menschen im Lausitzer Revier. Heute sind es nach Angaben der Gewerkschaft noch 8.000. Tendenz fallend, und dass die Braunkohle keine dauerhafte Perspektive bietet, wissen hier alle.
Wanderung durch den ehemaligen Tagebau Meuro (jetzt bald Großräschener See)
Die touristische Vermarktung der Braunkohlewüste begann um die Jahrtausendwende. Die Internationale Bauausstellung "Fürst-Pückler-Land" warb gezielt mit dem Charme der Mondlandschaft. So wurden die 78 Meter hohe Förderbrücke F60 in Lichterfeld und die Kokstürme von Lauchhammer zu wahren Publikumsmagneten. Tagestouren durch den ehemaligen Tagebau waren immer gut nachgefragt, der Renner dabei "Die Reise zum Mars". Viele Besucher probten hier auch für Exkursionen in den Grand Canyon.
Eine dauerhafte Perspektive für möglichst viele Menschen in der Region bietet das Wüstenspiel aber nicht. Neuer Geld- und Arbeitsplatzbringer soll jetzt das Seenland werden.
Bericht
Die Seenländer
Wir waren in Orten unterwegs, in deren Nähe das Seenland entsteht. Früher waren sie an der Tagebaukante - heute am Ufer eines Sees. Wie verändert das Seenland die Menschen im ehemaligen Kohlerevier? Philipp Manske hat einige von ihnen besucht.
Tauchschule am Gräbendorfer See
Tauchen im ehemaligen Tagebau
Tatsächlich ist an den künftig 25 Seen viel Platz für Ideen. Viele davon sind bereits verwirklicht: Schwimmende Häuser am Geierswalder See, eine Tauchschule am Gräbendorfer See und Floßfahrten auf dem Senftenberger See. Außerdem ist bereits eine Bootswerft in Planung. Am Partwitzer See werden Jet Ski und Motorbootfahren angeboten.
Am neuen Stadthafen Senftenberg können Freizeitkapitäne anlegen, die sonst eher im Ausland rumschippern – aus Mangel an geeigneten Wasserflächen in Deutschland. Die Nachfrage stimmt: Als der Hafen im Frühjahr 2013 eröffnet wurde, waren die Dauerliegeplätze längst vergeben. Wer den Senftenberger Stadthafen mit dem eigenen Boot besuchen will, darf dort nur vorübergehend anlegen.
Seenland muss sich erst durchsetzen
Trotzdem: Einfach ist es nicht. Die Naturschutz-Auflagen der Braunkohle-Nachfolgeregion bremsen Investitionen aus, teilweise warten Investoren jahrelang auf die notwendigen Genehmigungen. Große Gebiete sind gesperrt, weil dort Erdrutschungen drohen.
Gastronomie und Hotelgewerbe in der Lausitz suchen händeringend nach Angestellten und vor allem Auszubildenden, denn die jungen Leute wandern trotz der verbesserten Perspektiven in ihren Heimatorten immer noch ab. Sie gehen dorthin, wo sie mehr Geld verdienen. In der Lausitz werden selten mehr als acht Euro pro Stunde gezahlt.
Und die Konkurrenz für das neue Seenland ist groß: Spreewald, Mecklenburger Seenplatte, andere Seengebiete in Brandenburg. Diese Gebiete sind natürlich entstanden, verfügen über einen Marketingvorsprung und über eine gewachsene touristische Infrastruktur.
Brandenburg und Sachsen werben seit 2012 gemeinsam für die neue Urlaubsregion: Mit dem "Tourismusverband Lausitzer Seenland". Er ist auch Veranstalter der Besuchertage.
Deutliche Zuwächse
Um dagegen anzukommen, arbeiten Brandenburg und Sachsen jetzt mit vereinten Kräften. Seit 2012 gibt es einen gemeinsamen Tourismusverband, der 20 Tagebauseen des Seenlands als Paket vermarktet.
2011 gab es knapp 400.000 Übernachtungen. 2020 sollen es dann bereits eine Million sein, doch dafür muss sich im Seenland noch einiges tun. Bisher läuft das Geschäft fast ausschließlich im Sommer.
Zur Zeit ergeben sich die Steigerungsraten noch fast von selbst, schließlich entsteht in der Lausitz jedes Jahr ein neuer See. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die Zuwächse im Seenland deutlich größer sind als in den anderen Wassersportregionen.
Neues Selbstbewusstsein
Ein Selbstläufer ist das Seenland nicht. Noch dazu wäre das alles undenkbar ohne die Investitionen der öffentlichen Hand. Aber für die Menschen in der Region ist es ein deutliches Signal der Hoffnung. Jahrelang sind die Leute nur weggegangen aus der ausgelutschten Braunkohlewüste. Jetzt passiert endlich wieder etwas in der Lausitz.
Senftenberg von oben: Die Wasserlandschaft ist von hier aus gut zu sehen.
Das "Lausitzer Seenland" ist zwischen Brandenburg und Sachsen aufgeteilt. Die Ost-West-Ausdehnung beträgt ungefähr 60 Kilometer - in nord-südlicher Richtung erstreckt es sich über rund 45 Kilometer.
Herzstück des "Seenlands" ist die Lausitzer Seenkette. Sie umfasst zehn Tagebauseen, die zum Teil noch in der Flutung sind. Zur "Kette" werden sie durch zwölf Überleiter, die aus den Seen eine riesige Wasserstraße machen. Rot gekennzeichnet ist hier der Koschener Kanal ("Überleiter 12") vom Senftenberger See zum Geierswalder See.
Freizeitkapitäne können sich darüber freuen, doch für das Land war der Bau der Überleiter ein teures Unterfangen. Allein beim Koschener Kanal stiegen die Kosten von anfangs geplanten 6,5 Millionen Euro auf rund 51 Millionen Euro.
Besondere Attraktion im Seenland sind die schwimmenden Häuser. Wer dort gern Urlaub machen möchte, hat die Wahl: Modell 1 ( Partwitzer See)...
... Modell 2 (auch Partwitzer See) ...
.. oder Modell 3 - etwas futuristischer - auf dem Geierswalder See.
Besonders spannend für Kinder: Floßfahren auf dem Senftenberger See
Im Seenland schwimmen nicht nur Häuser, sondern auch Tauchschulen: Zur Eröffnung 2007 stieg Inhaber Gunther Walter persönlich ins Wasser des Gräbendorfer Sees.
Die schwimmende Tauchschule wurde von der Internationalen Bauausstellung (IBA) gefördert.
Wegweiser zur Orientierung an Land - denn das Seenland ist auch Radlerland.
Hafenstadt Senftenberg: Der neue Stadthafen wurde im Frühjahr 2013 eingeweiht.
Und er zieht nicht nur Bootsbesitzer an, sondern auch Surfer.
Für heiße Tage: Badestrand am Geierswalder See
Die Marina am Schlabendorfer See
Maritimes Flair: Seit kurzem steht am Bärwalder See ein Leuchtturm.
Und das vor historischer Kulisse: Das Kraftwerk Boxberg spuckt ordentlich Dampf ins neue Seenland.
Die Kokereitürme in Lauchhammer sollen stehen bleiben - sie haben sich mittlerweile zum Tourismus-Magnet entwickelt.
Genauso wie die Förderbrücke F60 in Lichterfeld.
Von oben hat man einen wunderbaren Blick über die noch verbleibende Braunkohlewüste.
Jetzt ist der Überleiter fertig - ein komplexes Bauwerk, das eine Bundesstraße und einen Fluß untertunnelt. Für Aufregung haben die Kosten gesorgt: Der "Koschener Kanal" kostet knapp 51 Millionen Euro. Weitere Bildergalerien | Zum Thema
Das Lausitzer Seenland ist zwar noch nicht ganz fertig - erst 2017 wird der Großteil der Seen geflutet sein. Trotzdem gibt es dort schon einiges zu sehen.