Das Trauma von Nachterstedt -
Wenn plötzlich die Erde rutscht
Als 2009 in Nachterstedt mehrere Wohnhäuser in einen Tagebausee rutschten, kostete das drei Menschen das Leben. Auch die Lausitz ist vor solchen Katastrophen nicht sicher. Riesige Flächen sind für Bau und touristische Nutzung gesperrt.
Die Katastrophe überraschte die Bewohner vollkommen: Am 18. Juli 2009 rutschte die Südböschung des Concordiasees im Salzlandkreis ab und riss mehrere Wohnhäuser in die Tiefe. Drei Menschen starben in den Trümmern ihrer Häuser, die übrigen 42 Bewohner mussten die Siedlung verlassen. Mittlerweile ist sie abgerissen, der Concordiasee gesperrt. Die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbauverwaltungsgesellschaft LMBV untersucht noch immer die Ursachen.
Ein LKW versinkt im Schlamm
Ein Jahr später ereignete sich nahezu das gleiche Drama in der Lausitz, auf der sächsischen Seite: Im Oktober 2010 rutschte ein Quadratkilometer Fläche in den entstehenden Bergener See nördlich von Hoyerswerda. 4,5 Millionen Kubikmeter Boden verflüssigten sich auf einmal, Wald, Wiese und Wege verwandelten sich in schlammigen Brei. Fünf LKW sackten ab, ein Fahrer musste mit dem Hubschrauber gerettet werden. Für 83 Schafe kam jede Rettung zu spät: Sie versanken mitsamt einem Hügel im Schlamm, über den kleinen Bergener See schwappte eine drei Meter hohe Flutwelle.
Das Grundwasser kehrt zurück
Auslöser der Rutschung am Bergener See war vermutlich ein plötzlicher Anstieg des Grundwassers, dessen Spiegel für den Tagebau über Jahre hinweg künstlich niedrig gehalten wurde - und das nach der Stillegung des Kohleabbaus zurück nach oben drängte. Dazu kamen heftige Niederschläge, die den durch den Kohleabbau gelockerten Boden zusätzlich von oben durchweichten.
Zweieinhalb Monate später rutschten in der Nähe des ehemaligen sächsischen Tagebaus Lohsa 26 Hektar Boden um drei Meter ab. Auch hier gilt ein Grundwasser-Einbruch als Ursache.
BUND: 100 Jahre kein Tourismus
Der Geschäftsführer des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland in Brandenburg, Axel Kruschat, erklärte kurz nach dem Unglück von Nachterstedt, eigentlich müsse man den Uferregionen an den neuen Tagebauseen der Lausitz 100 Jahre Zeit lassen, bis sie touristisch genutzt würden: "Die Ufer der Flutungsseen in der Region sind unberechenbar. So genannte Setzungsfließe wie in Nachterstedt sind auch in der Lausitz möglich." 100 Jahre will in der Lausitz aber niemand warten.
Die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbauverwaltungs GmbH informiert auf lmbv.de über die Entwicklung in der Region und über ihre Arbeit.
Gesperrtes Gebiet in der Lausitz
LMBV sperrt 35.000 Hektar Fläche
Dennoch: Bis die Gefahr aus Sicht der Experten gebannt ist, bleiben große Gebiete im Seenland für die touristische Nutzung gesperrt. 3.000 Schilder hat die LMBV in den letzten beiden Jahren aufgestellt. Rund 35.000 Hektar dürfen nicht betreten oder befahren werden.
Damit das Grundwasser unten bleibt, versucht die LMBV jetzt, in den gesperrten Gebieten, durch gezielte kleine Sprengungen den Boden wieder zu verdichten. Außerdem wird nach anderen Lösungen gesucht, das Wasser in Schach zu halten – zum Beispiel mit Drainagen.
Bis Ende 2013 soll ein kleiner Teil des Sperrgebietes und bis 2017 sollen dann vermutlich 50 Prozent wieder freigegeben werden. Das sei allerdings eine vorläufige Planung, betont der Pressesprecher der LMBV, Uwe Steinhuber.
Der Rest der gesperrten Fläche bleibt vielleicht für immer tabu. Zwei Drittel davon liegen auf Brandenburger Gebiet.
Senftenberg von oben: Die Wasserlandschaft ist von hier aus gut zu sehen.
Das "Lausitzer Seenland" ist zwischen Brandenburg und Sachsen aufgeteilt. Die Ost-West-Ausdehnung beträgt ungefähr 60 Kilometer - in nord-südlicher Richtung erstreckt es sich über rund 45 Kilometer.
Herzstück des "Seenlands" ist die Lausitzer Seenkette. Sie umfasst zehn Tagebauseen, die zum Teil noch in der Flutung sind. Zur "Kette" werden sie durch zwölf Überleiter, die aus den Seen eine riesige Wasserstraße machen. Rot gekennzeichnet ist hier der Koschener Kanal ("Überleiter 12") vom Senftenberger See zum Geierswalder See.
Freizeitkapitäne können sich darüber freuen, doch für das Land war der Bau der Überleiter ein teures Unterfangen. Allein beim Koschener Kanal stiegen die Kosten von anfangs geplanten 6,5 Millionen Euro auf rund 51 Millionen Euro.
Besondere Attraktion im Seenland sind die schwimmenden Häuser. Wer dort gern Urlaub machen möchte, hat die Wahl: Modell 1 ( Partwitzer See)...
... Modell 2 (auch Partwitzer See) ...
.. oder Modell 3 - etwas futuristischer - auf dem Geierswalder See.
Besonders spannend für Kinder: Floßfahren auf dem Senftenberger See
Im Seenland schwimmen nicht nur Häuser, sondern auch Tauchschulen: Zur Eröffnung 2007 stieg Inhaber Gunther Walter persönlich ins Wasser des Gräbendorfer Sees.
Die schwimmende Tauchschule wurde von der Internationalen Bauausstellung (IBA) gefördert.
Wegweiser zur Orientierung an Land - denn das Seenland ist auch Radlerland.
Hafenstadt Senftenberg: Der neue Stadthafen wurde im Frühjahr 2013 eingeweiht.
Und er zieht nicht nur Bootsbesitzer an, sondern auch Surfer.
Für heiße Tage: Badestrand am Geierswalder See
Die Marina am Schlabendorfer See
Maritimes Flair: Seit kurzem steht am Bärwalder See ein Leuchtturm.
Und das vor historischer Kulisse: Das Kraftwerk Boxberg spuckt ordentlich Dampf ins neue Seenland.
Die Kokereitürme in Lauchhammer sollen stehen bleiben - sie haben sich mittlerweile zum Tourismus-Magnet entwickelt.
Genauso wie die Förderbrücke F60 in Lichterfeld.
Von oben hat man einen wunderbaren Blick über die noch verbleibende Braunkohlewüste.
Jetzt ist der Überleiter fertig - ein komplexes Bauwerk, das eine Bundesstraße und einen Fluß untertunnelt. Für Aufregung haben die Kosten gesorgt: Der "Koschener Kanal" kostet knapp 51 Millionen Euro. Weitere Bildergalerien | Zum Thema
Lange drohte die Lausitz auszubluten. Und noch immer wandern die jungen Leute ab. Das Konzept "Seenland" soll der Region wieder auf die Beine helfen und attraktiv machen: für Investoren und Touristen, aber auch für die Einwohner.