Frau mit Kinderwagen vor Grafitti-Wand "Schöner Weiden" (Quelle: rbb/Klartext)

Kommentar - Raumkampf am Spreeknie

Neonazis können sich nur dort ausbreiten, wo die Demokratie schwach und das soziale Gefüge instabil ist. Deshalb gibt es nur eine Möglichkeit, ihrer menschenfeindlichen Ideologie langfristig entgegenzuwirken: Über Menschen, die wiederum Vielfalt und Toleranz leben. Sie sind die einzige Chance für den einst als verloren geltenden Stadtteil Schöneweide, meint Olaf Sundermeyer.

Menschen, die Vielfalt und Toleranz leben, sind die einzige Chance für den einst als verloren geltenden Stadtteil Schöneweide, der rechtsextremen Hochburg in Berlin: Junge Menschen, Familien und Studenten, Künstler und Café-Betreiber, die an ihre Zukunft im Kiez glauben, schaffen Immunität gegen Fremdenfeindlichkeit, Hass auf Andersdenkende oder Schwule. Schließlich können Neonazis an keinem Ort ohne Unterstützung agieren, nicht einmal dann, wenn sie in Gruppen auftreten. Sie sind immer auf die anschlussfähigen Einstellungen der Bevölkerung angewiesen. Derer konnten sie sich leider jahrelang auch bei einem großen Teil der Menschen in Schöneweide sicher sein.

Stadtteilansicht von Schöneweide (Quelle: rbb/Klartext)
Keine Angstzone mehr: Schöneweide verliert sein braunes Image.

Vielfalt und Toleranz beschleunigen den Wandel

Nicht jeder Rassist ist automatisch ein Neonazi, aber eine schweigende Mehrheit trägt die Gewalt einer aktiven Minderheit mit. Ja ermöglicht sie erst. So war es lange Zeit auch in Schöneweide, wie früher in Lichtenberg, in Hoyerswerda oder Rostock-Lichtenhagen. Aber je mehr die Menschen im Kiez erkennen, dass Vielfalt und Toleranz den Wandel in Schöneweide beschleunigen, hin zu einem lebenswerten Ort für alle, umso stärker schwindet die Präsenzmöglichkeit der Neonazis. Und ihr aggressiver Kampf um die Vorherrschaft des öffentlichen Raumes geht verloren, wenn vorwärtsgewandte Menschen so die Räume besetzen, die bislang von Neonazis beherrscht worden sind. Das ist schon jetzt die Lehre aus dem eingesetzten Wandel in einem Stadtteil, der vielen Berlinern bislang als Angstzone galt, auch wenn die Entwicklung hin zu einer stabilen Zivilgesellschaft in Schöneweide noch längst nicht abgeschlossen, aus der instabilen noch keine stabile Lage geworden ist. Aber der Anfang ist gemacht.

Blaupause für andere Stadtteile

Hier ist Demokratie möglich, weil der Wandel unaufhaltbar ist - wenn auch gehörig forciert durch die Verdrängung aus den teuren Innenstadtbezirken in die bislang vernachlässigten Stadtteile Berlins, wo der Wohnraum noch erschwinglich ist. Beim genauen Blick auf Schöneweide lässt sich deshalb eine Blaupause erkennen für andere Stadtteile und andere Kommunen mit einem ähnlichen rechtsextremen Problem. Es erscheint jetzt aber auch als zwingend erforderlich, dort hinzuschauen, wohin sich die Neonazis in Berlin bewegen. Denn wo sie sind, ist immer auch die Gewalt.

Kommentar von Olaf Sundermeyer

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