
Eine Künstlerin zieht es nach Schöneweide - "Bis jetzt habe ich es nicht bereut"
Die Berliner Künstlerin Heike Belz hat im Dezember ein Künstleratelier in Schöneweide eröffnet. In der Brückenstraße, die bislang als "braunste Straße Berlins" galt. Hier arbeitet sie an aufwändigen Mosaiken - genau zwischen der Gaststätte "Zum Henker", dem rechten Szenetreff, und dem Militaria-Geschäft von NPD-Landeschef Sebastian Schmidtke. Ein Interview aus dem Raum dazwischen.
Was genau machen Sie in Ihrem Atelier?
Ich bin freischaffende Künstlerin und mache zeitgenössische Mosaikkunst. Ich arbeite frei nach eigenen Ideen und Vorstellungen, nehme aber auch Auftragsarbeiten an.
Das Atelier haben Sie vor kurzer Zeit in der Brückenstraße eröffnet. Warum haben Sie sich für diesen Standort entschieden?
Das hat zum einen private und ganz praktische Gründe. Es liegt fünf Fahrradminuten von meinem Zuhause entfernt. Der Raum ist sehr schön, entspricht voll und ganz meinen Bedürfnissen. Außerdem ist er wahrscheinlich günstiger als in Friedrichshain oder Kreuzberg. Ob sich ein Künstler ein Atelier leisten kann oder nicht, spielt natürlich auch eine Rolle. Auch die Verkehrsanbindung finde ich klasse. Ich beabsichtige in Zukunft Mosaik-Kurse zu geben, und da möchte ich, dass mich die Leute komfortabel erreichen können. Der S-Bahnhof Schöneweide ist in der Nähe, die Straßenbahn hält vor der Tür.
Außerdem denke ich, irgendjemand sollte auch anfangen, sollte den Mut haben zu sagen: 'Okay, ich nehme jetzt einen Raum und mache was.' Bis jetzt habe ich es nicht bereut. Ich fühle mich hier wohl und bin glücklich über diesen Raum.
Stichwort Raum: In den letzten Jahren haben Nazis versucht, hier Räume zu besetzen - speziell in einer Straße in Ihrer unmittelbaren Nachbarschaft. Jetzt kommen Menschen wie Sie, die Kunst machen wollen. Glauben Sie, dass weitere solche Orte entstehen und Schöneweide damit die Chance hat, sich zu verändern?
Definitiv. Ich hatte aufgrund der unmittelbaren Nähe zum "Henker" anfangs Bedenken. Ich fand zwar den Raum schön und die Konditionen gut, aber habe mich erst ein halbes Jahr später dafür entschieden. Bisher habe ich aber keinerlei negative Erlebnisse gehabt. Ich bin weder behelligt worden noch habe ich einen dieser Leute gesehen.
Ich finde es ist wichtig, dass man ein positives Signal sendet, dass man sagt: 'Warum sollte dieses Gebiet jetzt 'besetzt' sein und sich niemand mehr hierher trauen?' Die Leute hier sind glücklich darüber, dass sich jemand traut einen Laden zu mieten und was anderes zu machen. Und ich könnte mir vorstellen, dass es vielleicht auch anderen Leuten Mut macht.
Sie eröffnen ihr Atelier in Schöneweide, während die Nazis weggehen: Der rechte Szenetreff "Henker" macht dicht, NPD-Landeschef Schmidtke schließt seinen Militaria-Laden. Auch wenn Sie in erster Linie nicht gekommen sind, um etwas gegen Nazis, sondern um Kunst zu machen: Befindet sich die Gegend um die Brückenstraße in einer Aufbruchsphase?
Ich wusste ja zu dem Zeitpunkt gar nicht, dass die Läden schließen. Für mich war klar, das ist jetzt auf lange Zeit meine Nachbarschaft - und das habe ich akzeptiert. Ich dachte, es kann nicht sein, dass eine ganze Straße in Verruf kommt, nur weil da so eine Kneipe oder so ein Laden existiert.
Die Brückenstraße befindet sich definitiv im Umbruch. Aktionen wie "Kunst am Spreeknie" zeigen, wie viele Künstler hier mittlerweile leben und arbeiten, Ausstellungen machen und die Türen für ihr Publikum öffnen. Auch die Hochschule für Technik und Wirtschaft hat ihr Übriges dazu beigetragen, dass das Stadtbild sich verändert hat. Dieser Stadtbezirk ist in Bewegung. Und es macht Spaß, das zu sehen und ein Teil dieses Prozesses zu sein.

Sie sind eine Pionierin in der Brückenstraße. Glauben Sie, dass es Leute gibt, die sich an Ihnen ein Beispiel nehmen?
Ich hoffe, dass es eine positive Signalwirkung bringt. Wenn ich den Mut habe, mein Atelier hier zu eröffnen, könnte es durchaus sein, dass andere genauso den Mut finden, sich hier für ein leerstehendes Objekt zu entscheiden. Ansonsten werden Niederschöneweide und gerade die Brückenstraße immer noch gemieden. Die überwiegende Zahl der Künstler konzentriert sich noch auf das Fabrikgelände in Oberschöneweide, auf die Rathenau Hallen und die Reinbeckhallen. Da entsteht wesentlich mehr.
Mit Aktionen wie "Schöner weiden ohne Nazis" versucht man den Rechten im Kiez zu begegnen. Sehen Sie Ihre Kunstausübung auch als Möglichkeit, denen entgegenzutreten und zu zeigen: Es gibt auch angenehme Sachen, die man hier im Stadtteil machen kann?
Man kann dem durch eigene Aktivitäten schon entgegenwirken. Es ist immer besser, aktiv zu sein, als passiv einer negativen Entwicklung zuzuschauen. Aber ich bin nicht so optimistisch zu glauben, dass man durch vereinzelte Aktionen die Nazis aus dem Stadtbezirk herausbekommt. Vielleicht gehen sie irgendwann mehr in die Peripherie und Oberschöneweide wird nicht mehr deren zentraler Standort sein, aber das Problem an sich werden wir so nicht beseitigen.
Aber glauben Sie, dass Sie ein Anfang dafür sind, dass das Problem in der Brückenstraße geringer wird?
Ja, zumindest ist es ein Anfang. Dieser negative Aspekt der Brückenstraße wird teilweise kompensiert durch Leute wie mich, die sagen: 'Ist mir jetzt egal, ich eröffne trotzdem mein Atelier hier.' Das war zwar nicht mein primäres Ziel, als ich mich für diesen Standort entschieden habe, aber ich versuche dem etwas entgegen zu setzen.
Wie ist die Reaktion der Nachbarn, im Umfeld und von Freunden?
Was ich erlebt habe, ist durchweg positiv. Als ich noch gar nicht richtig eröffnet hatte, klopften Leute an, waren neugierig und wollten wissen, was denn hier passiert. Wenn ich Ihnen dann von meinem Atelier erzählte, haben sie sich einfach gefreut.
Und was sagen die Ihnen?
Ich fertige ja Mosaiken an, das ist nicht unbedingt populär und eher selten - das finden die Menschen interessant. Und dass in ihrer Straße ein Atelier entstehen soll, finden sie natürlich auch spannend. Üblicherweise ziehen hier Dönerläden ein.
Das Interview führten Adrian Bartocha und Olaf Sundermeyer

