Ein Stadtteil im Aufbruch - "Schöner weiden ohne Nazis"
Bislang galt Schöneweide als Angstzone. Aber die Hochburg der Neonazis bröckelt: Sie werden verdrängt von Studenten, jungen Familien und Künstlern, die den Stadtteil am Spreeufer für sich entdeckt haben. rbb-Reporter Adrian Bartocha und Olaf Sundermeyer über den Berliner NPD-Chef, Vermieterstrategien und Anfang und Ende eines Raumkampfes.
Den Strom hat Sebastian Schmidtke schon abgestellt. Schon seit Wochen ist sein Militaria-Geschäft "Hexogen" in der Brückenstraße an der S-Bahn-Station Schöneweide geschlossen. Schmidtke sagt, dass ihm die Kunden ausgeblieben seien. Als er die Tür seines Ladenlokals aufschließt, fällt Tageslicht in den Raum, in dem sich gepackte Kartons stapeln. Daneben stehen Kampfstiefel. Blaue Trainingsanzüge der Bundeswehr hängen auf einem Kleiderständer. Der Landesvorsitzende der rechtsextremen NPD will Ende April hier ausziehen.
Die Hauseigentümer sind gegen Neonazis
Schmidtke redet mit dem rbb Magazin "Klartext" über seinen Rückzug aus der Brückenstraße, die lange Zeit als braunste Straße in Berlin galt. Nachdem immer mehr Neonazis in den runtergekommenen Kiez gezogen waren, entwickelte er sich in den vergangenen zehn Jahren zu einem Schwerpunkt der rechtsextremen Gewalt. Schöneweide wurde so zu einer Angstzone für Menschen, die nicht in das nationalsozialistische Weltbild von Rechtsextremisten passten. Immer wieder wurden hier Migranten und Linke attackiert.
Der mehrfach vorbestrafte Schmidtke sagt, er habe damals seinen Laden bewusst in der Nähe des "Henkers" eröffnet - einer Gaststätte, hundert Meter vom "Hexogen" entfernt, die der rechtsextremen Szene bis heute als Treffpunkt dient. Aber auch der "Henker" muss in drei Wochen gehen. Sein Hauseigentümer hatte die Kündigung im Dezember vor Gericht erstritten. Gemeinsam hatten die Neonazis die Räume in der Brückenstraße besetzt, und gemeinsam verlassen sie diesen Ort nun wieder.
"Ich bin ja schon am Packen", sagt Schmidtke, als er in dem dunklen Laden steht. "Einen Teil der Ware werde ich schon jetzt im Abverkauf rausverkaufen." Über das Internet. Und dann will er umziehen: "In einen anderen Stadtteil, unter einer anderen Belegschaft. Unter dem Namen 'Hexogen' wird es den Laden aber nicht mehr geben."

In den Westteil der Stadt soll es gehen. Dort gäbe es einen "aufgeschlossenen Vermieter", der mit der politischen Gesinnung von Rechtsextremisten kein Problem habe. Das ist in Schöneweide inzwischen anders. Etwa bei der Degewo: Die größte Berliner Wohnungsbaugesellschaft sieht sich mit ihren 3.500 Wohnungen in Schöneweide als kommunales Unternehmen in der sozialen Verantwortung. Deshalb verpflichtet sie ihre Vertragspartner nun zu einer gesonderten Klausel, die Degewo-Sprecher Lutz Ackermann im Gespräch mit "Klartext" erläutert: "Unsere Mietverträge bei Gewerberäumen verbieten seit einiger Zeit, dass die Geschäfte rechtsextremes Gedankengut verkaufen. Das können Modestücke sein, das können Tonträger sein. Bei Kneipen und Gaststätten verbieten wir außerdem, dass die auch für Versammlungen von Rechtsextremen genutzt werden."
Unberührt davon bleiben allerdings die privaten Mietverträge. Aber künftig werde man bei der Auswahl der Mieter verstärkt darauf achten, wer sich für eine Wohnung der Degewo bewirbt.
Schöneweide ist für Kreative
Es sieht so aus, als wichen die Rechtsextremisten dem allmählichen Wandel eines Stadtteils, der immer mehr Studenten und Kreative anlockt. 2006 bezog die "Hochschule für Wirtschaft und Technik" (HTW) den "Campus Wilhelminenhof" auf dem Gelände der ehemaligen abgewickelten "Kabelwerke Ost" (KWO), damals mit rund 800 Studenten. Inzwischen sind es 9.000 – aus über 100 Nationen. Sie machen den einst braunen Stadtteil bunt.
Aber zunächst hatten nach der Wende Zehntausende ihren Arbeitsplatz hier verloren. Wo der Industriestandort zerfiel, klaffte plötzlich eine urbane Lücke, in der sich später Neonazis unbehelligt breit machen konnten. Der Leerstand war groß, der Wohnraum preiswert und von vielen der verbliebenden Bewohner wurden sie akzeptiert. So hat es der Rechtsextremismusforscher Dierk Borstel vor zehn Jahren erlebt: "Damals haben die Rechtsextremisten diesen Ort auserkoren, um sich hier breit zu machen. Das war der Beginn ihres Raumkampfes." Nach seinem Verständnis konnten sie so mit Gewalt ihre Deutungshoheit über einige Orte durchsetzen.
Erst anschließend löste die Hochschule eine Entwicklung aus, die zusätzlich durch eine neue Fußgängerbrücke über die Spree beschleunigt wurde, mit der die beiden Ortsteile Nieder- und Oberschöneweide vom Campus der Hochschule aus miteinander verbunden sind.

Der Bürgermeister will Räume besetzen
Nun also bröckelt die Hochburg der Neonazis, die nach und nach ihre Symbolorte verlieren. Bezirksbürgermeister Oliver Igel (SPD) hofft deshalb, dass das braune Image des Stadtteils verblasst, und der Weg für die weitere aufstrebende Entwicklung von Schöneweide frei wird. Schon jetzt ist es der jüngste Stadtteil in seinem Bezirk Treptow-Köpenick: "Es gibt hier unglaublich viele Nachfragen. Von Studenten, von Künstlern, auch von anderen, von kreativen Köpfen. Und ich hoffe, dass sie genau diese rechten Symbolorte dann auch besetzen."
So wie es die Berliner Mosaik-Künstlerin Heike Belz tut. Vor drei Monaten hat sie in der Brückenstraße ihr Atelier eröffnet, genau zwischen dem "Henker" und dem "Hexogen", weil sie fand, dass irgendjemand damit anfangen musste, Kultur in die Angstzone zu bringen. "Zum einen wusste ich gar nicht, dass die jetzt hier gehen würden. Sondern für mich war klar, das wäre jetzt auf lange Zeit meine Nachbarschaft. Und ich habe es akzeptiert, weil ich dachte, das kann nicht sein, dass eine ganze Straße in Verruf kommt, nur weil da so eine Kneipe existiert", sagt sie. Sie sieht Schöneweide "im Aufbruch".
An diesen Aufbruch glaubt auch Peter Rudolph, ein Student des Kommunikationsdesign. Er kam aus dem Schwarzwald nach Berlin, und zog vor einem Jahr aus Nord-Neukölln nach Schöneweide, um mit anderen einen so genannten "Co-Working Space" zu gründen, also einen Raum, indem sich Kreative Arbeitsplätze auf Zeit teilen. Für Rudolph verschwindet mit dem Wegzug von "Henker" und "Hexogen" der "letzte große Haken an Schöneweide", wie er es nennt, für Leute, die sich noch scheuen, aus der Stadt hierher an den südöstlichen Rand Berlins zu ziehen. "Wobei ich auch vorsichtig wäre zu sagen, wir haben hier kein Naziproblem mehr. Es sind aber symbolbehaftete Orte – und wenn die weg sind, ist es eher gut als schlecht."
Das Kiki Blofeld zieht nach Schöneweide
Mehr als 200 Künstler wirken inzwischen in Schöneweide, in Ateliers entlang der Wilhelminenhofstraße, in deren Umfeld auch Studentenwohnheime und vereinzelte Cafés entstanden sind. Sie heißen "Espressobar La-Lü" oder "Schoeneweile". Noch haben sie abends und an den Wochenenden geschlossen, und in der vorlesungsfreien Zeit läuft ihr Geschäft schleppend, weil die allermeisten Studenten noch aus anderen Bezirken hierher pendeln. Aber auch das könnte sich bald ändern, weil Schöneweide von der allgemeinen Verdrängung aus den Innenstadtbezirken profitiert.
Es scheint jetzt der ideale Zeitpunkt für Menschen, die in Berlin an neuen Orten die Trends setzen. So wie die Betreiber des berühmten Clubs "Kiki Blofeld" am Kreuzberger Ufer der Spree, die dort vor drei Jahren dem Immobilienboom weichen mussten. Im Mai wollen sie ein paar Kilometer Spreeaufwärts einen neuen Szeneclub eröffnen: in Schöneweide. Mit Beachvolleyball, Kulturprogramm und Public Viewing während der Fußballweltmeisterschaft im Sommer. Und die Neonazis? Ziehen weiter in andere Stadtteile. Nebenan, in Johannisthal, auch dahinter in Rudow, häufen sich die rechtsextremen Vorfälle, seitdem sie in Schöneweide weniger wurden.






