Flughafenchef Karsten Mühlenfeld steht am 20.07.2015 in Schönefeld (Quelle: dpa)

Interview | BER-Chef Karsten Mühlenfeld ist ein Jahr im Amt - "Champagner wird es gar nicht mehr geben"

Seit einem Jahr ist Karsten Mühlenfeld BER-Chef. Kein Job, der viel Spaß verspricht - das Thema können alle jenseits von Berlin-Schönefeld längst nicht mehr hören. Ein "dickeres Fell" habe er sich schon zulegen müssen, sagt der Berliner. Und falls der Eröffnungstermin doch noch zerbröselt, habe er einen Plan B.

Herr Mühlenfeld, Sie sollen den Flughafen BER an den Start bringen. Verraten Sie mir doch einfach mal, für wann Sie den Champagner bestellt haben?

Champagner wird es gar nicht mehr geben, denn eigentlich sollte der Flughafen 2012 an den Start gehen. Jetzt planen wir für Ende 2017. Ich muss es ganz klar sagen: Wir können Ende 2017 noch erreichen. Aber es wird immer schwerer, weil es immer wieder neue Probleme gibt. Das bedeutet aber nicht, dass wir aufgeben wollen. Es muss Druck auf dem Kessel bleiben, denn nur so erreicht man auch Termine.

Aber einen konkreten Termin wollen Sie mir nicht nennen?

Nein, einen konkreten Termin können wir jetzt noch gar nicht nennen. Wir müssen uns noch anschauen, wie wir den Bau erstmal fertig bekommen. Das soll in diesem Sommer stattfinden. Dann gibt es die technische Inbetriebnahme und dann die operative Inbetriebnahme. Das muss noch ineinander verzahnt werden. Das geht aber nur, wenn wir das Endbausoll, all das was wir noch bauen müssen, kennen. Am Ende entscheidet aber nicht nur die Flughafengesellschaft, sondern auch das Bauordnungsamt. Da müssen wir uns mit denen noch einigen.

Die Inbetriebnahme muss geprobt werden. Ich war bei einem Testlauf 2012 auf der Baustelle mit einem Koffer unterwegs. Wann wird der nächste Komparsentest stattfinden?

Wir planen mit einem Komparsenbetrieb von insgesamt sechs Monaten. Machen wir mal die Annahme, wir werden irgendwann am Ende 2017 in Betrieb gehen, dann fangen wir im Sommer 2017 mit Komparsenarbeit an. Das geht dann in mehreren Stufen. Wir haben drei Stufen dafür, jeweils ungefähr zwei Monate.

Sie sind seit einem Jahr Geschäftsführer der Berliner Flughafengesellschaft, damit verantwortlich für den BER. Wenn Sie zurückschauen, was fällt Ihnen da ganz spontan ein?

Wir haben wirklich ein erfolgreiches Jahr gehabt. Wir haben die Organisation geändert, wir haben ein riesiges Passagierwachstum in Berlin gesehen. Anfang dieses Jahres 40 Prozent Wachstum an Passagieren in Schönefeld. Wir haben insgesamt seit 13 Jahren fünf Prozent Wachstum jedes Jahr am Flughafen. Das ist bei den alten Flughäfen, die wir haben, Tegel und Schönefeld, durchaus eine große Herausforderung.

Wenn Sie bei diesem Rückblick auf das Jahr spontan nur von den Erfolgen sprechen, frage ich mal nach, was denn das Schwierigste war?

Das Schwierigste ist natürlich der BER, dass es da jeden Tag neue Probleme gab. Dass wir immer wieder neue  Änderungen gefunden haben, die wir machen mussten und das hat zu Verzögerungen geführt.

Ich begleite den Flughafen auch schone eine gewisse Zeit: Ihr Job ist nicht gerade vergnügungssteuerpflichtig. Schmerzt es Sie eigentlich noch, wenn alle draufhauen?

Dass ab und zu mal auf den Flughafen gehauen und mit Häme drüber gesprochen wird: Ich glaube, daran kann man sich gewöhnen. Womit ich mich immer noch ein wenig schwer tue, sind die teilweise persönlichen Angriffe. Ich komme nicht aus dem Politikbetrieb, sondern aus der freien Wirtschaft, wo man eigentlich nie angegriffen wird. Man kommt gar nicht in der Presse vor. Man ist auch nicht auf der ersten Seite der Zeitung. Das habe ich inzwischen schon mehrfach geschafft. Daran muss man sich ein wenig gewöhnen, damit hatte ich am Angang Schwierigkeiten. Auch wie man sich in der Presse darstellt, erfordert Übung. Da bin ich in einer steilen Lernkurve, die ist bestimmt noch nicht zu Ende.

Warum haben Sie sich das angetan?

Ich habe 20 Jahre bei Rolls-Royce gearbeitet. Dann habe ich mir überlegt, ich muss mal was anderes machen. Es kann nicht sein, dass ich mein Leben lang bei dem gleichen Arbeitgeber bin - auch wenn ich dort ganz erfolgreich war. Und dann rief mich Herr Woidke (Ministerpräsident Brandenburgs, d. Red.) an und hat gefragt, ob ich den Flughafen übernehme. Ich bin Berliner, habe die ganze Misere auch miterlebt und da war es eigentlich wie eine Pflichterfüllung zu sagen: Ok, ich mache das und probiere, wie ich das hinbekommen kann. Ich glaube inzwischen auch, dass es gut war. Erstmal ist es für mich eine neue Aufgabe, es sind neue Anforderungen, die auf einen zukommen – und ja, nicht alles funktioniert immer.

Unternehmenschef zu sein ist das eine, BER-Chef das andere. Ihre Gesellschafter sind der Bund, Berlin und Brandenburg. Wie politisch ist dieser Job?

In den Unternehmen, in denen ich vorher war, gab es auch politische Ränkespiele. Da musste man auch darauf achten, dass man nicht unter die Räder kommt. Das gibt es hier auch. Es ist hier vielleicht ein wenig anstrengender. Das Anstrengendste daran ist, dass alle Themen, die am Flughafen existieren, die man intern abarbeiten sollte, nach außen getragen werden und dadurch die Diskussion nicht mehr sachlich ist, sondern häufig sehr emotional wird.

Am 22. April trifft sich der Aufsichtsrat zum nächsten Mal. Werden Sie dort definitiv sagen, ob es 2017 losgehen kann oder ob es später wird?

So definitiv kann ich es nicht sagen. Wir wissen, wann wir den fünften Nachtrag fertig bekommen können. Das ist unser Thema am 22. April. Das bedeutet aber nicht, dass uns auf der Strecke danach nicht noch ein Malheur passieren kann, was uns dann nochmal verzögert. Deshalb sage ich nur: Am 22. April sind wir in der Lage zu sagen, ob wir 2017 - nach heutigem Stand der Ding - halten können. Die Airlines fordern von uns, zwei Flugperioden vor Inbetriebnahme genau informiert zu werden. Das heißt, wir müssen den Airlines im Oktober sagen, ob es 2017 wird oder nicht. Sie wollen im Oktober 2016 wissen, ob es Oktober oder November oder vielleicht auch Dezember 2017 wird.

In Berlin wird gewählt im September: Haben Sie so lange Zeit mit der Entscheidung, denn dann wird der BER mal wieder einmal Thema im Wahlkampf?

Ich glaube, dass es wichtig ist, dass wir den Flughafen fertig bekommen. Und ich glaube, wenn wir gute Argumente haben, warum es sich nochmal verzögert, dann wird das auch in der Wahl keine Rolle spielen, weil die Leute wissen: Wir arbeiten hart dran, wir versuchen es hinzubekommen und tun unser Bestes. Aber manchmal ist das Beste halt nicht gut genug.

Das Zertifizierungszeugnis, das Sicherheitszeugnis für den Flughafen Tegel, läuft am 31.12.2017 aus. Wann müssen Sie ein neues beantragen?

Es ist so, dass ab dem 1. Januar 2018 alle Flughäfen ER-Zertifiziert sein müssen. In Deutschland gibt es zurzeit nur einen einzigen Flughafen, der zertifiziert ist und das ist Berlin-Schönefeld. Das bedeutet, wir sind Vorreiter. Wir wissen, wie man Tegel zertifizieren könnte. Wir wissen, welche Maßnahmen wir dafür ergreifen müssen und wir haben uns einen Plan zurecht gelegt. Aber wir haben den noch nicht scharfgeschaltet, denn wir gehen ja nach wie vor aus, dass wir 2017 erreichen werden.

Die Gefahr, dass Berlin eines Tages ganz ohne Flughafen dasteht, weil BER noch nicht fliegt und Tegel nicht mehr fliegt, die sehen Sie nicht?

Nein, darauf sind wir uns vorbereitet, da sind wir vorgeplant. Jeder muss immer einen Plan B in der Tasche haben.

Das Gespräch mit Karsten Mühlenfeld führte Thomas Rautenberg für Inforadio. Diese Verschriftlichung ist ein Auszug, das vollständige Interview können Sie oben im Beitrag im Audio hören.

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