Alfred Mann, Ortsvorsteher in der BER-Anrainergemeinde Selchow (Quelle: rbb)

BER-Anwohner im Ungewissen - "Wir sind mutterseelenallein und jeder kämpft für sich"

Selchow, ein Ortsteil von Schönefeld, könnte bald das lauteste Dorf Brandenburgs sein. Die Ortschaft mit 180 Einwohnern liegt unmittelbar neben der BER-Nord- und Südbahn. Sechzehn Familien mit 33 Menschen haben Anspruch darauf, von der Flughafengesellschaft eine Entschädigung zu erhalten, damit sie umziehen können. Doch es steht nicht fest, wie viel das sein wird. Der Zorn ist groß. Von Lisa Steger

Lutz und Ilona Ribbecke blicken von ihrem Vorgarten in Selchow auf eine Halle, die vielleicht hundert Meter von ihrem Gartenzaun entfernt ist. Wenn sie grillen, verstehen sie ihr eigenes Wort nicht mehr: Die Maschinen, die im alten Flughafen Schönefeld starten oder landen, ungefähr alle fünf Minuten, schweben hier in nur 30 bis 40 Metern Höhe.  "Später werden hier im 45-Sekunden-Takt die Flieger hoch- und ´runtergehen", sagt der der 53-jährige Landwirt. "Wir als Familie wollen hier weg." Doch das ist gar nicht so leicht: Der Grund sind die Verträge, die die Gemeinde, das Land Brandenburg, Berlin, der Bund und die Flughafengesellschaft ausgehandelt haben.

Lutz und Ilona Ribbecke haben, wie viele andere hier, ein Recht darauf, den aktuellen Verkehrswert des Hauses und einen Zuschlag in Höhe von zehn Prozent zu erhalten. Offen ist: Wann wird der Wert bestimmt? Er ist nämlich gesunken – wegen der Lage direkt am Flughafen: "Jetzt stehen wir im Grunde genommen mutterseelenalleine hier und jeder kämpft für sich", berichtet Ribbecke.

Wert der Häuser ist noch nicht geklärt

Die Ribbeckes haben von der Flughafengesellschaft Anträge auf Entschädigung bekommen. Doch sie haben die Formulare noch nicht ausgefüllt, berichtet Ilona Ribbecke: "Die Flughafengesellschaft hat das Haus noch immer nicht schätzen lassen." Ein Gutachter, den das Ehepaar auf eigene Kosten beauftragte, hat den Wert von Haus und Garten auf deutlich über 200.000 Euro taxiert. Doch dieses Gutachten erkennt die Flughafengesellschaft nicht an, so Ilona Ribbecke.

Somit ist unklar, wie viel das Eigenheim zur Zeit überhaupt wert ist. Auf dem freien Markt verkaufen können sie das Haus auch nicht, sagt ihr Mann Lutz resigniert. Keiner will es. Außerdem: "Wir versuchen hier wegzukommen – und wollen denn anderen Leuten die Bürde auflasten? Das kann man niemandem antun."

Ortsvorsteher: Chaos bei der Flughafengesellschaft

Der Selchower Ortsvorsteher Alfred Mann berichtet, dass von den 16 Familien, die eine Entschädigung erhalten könnten, erst drei entsprechende Vorverträge mit der Flughafengesellschaft unterschrieben haben. Er versteht das gut: "Man bietet Sachen an, die keiner vertreten kann, weder heute noch morgen!", so Mann. Die meisten Häuser seien schon älter. Daher könnten sich die Selchower mit der Entschädigung in Höhe des Verkehrswertes kein neues Haus an anderer Stelle leisten.

Straße durch Selchow (Quelle: rbb)
Straße in Selchow

Viele stellen sich daher darauf ein, zu bleiben, doch die Angst vor dem BER ist  groß, hat der Ortsvorsteher erfahren. Umso mehr, als sich Brandenburg im Mai mit seinem Vorschlag für ein Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr nicht gegenüber Berlin durchsetzen konnte. Es bleibt also bei einem Flugverbot nur von Mitternacht bis fünf Uhr früh. Eine Zumutung, findet Alfred Mann: "Was auf uns zukommt, weiß doch keiner!"

Dutzende Anträge auf Schallschutz – ohne Antwort

83 Mieter und Eigentümerfamilien wohnen etwas weiter weg vom BER – sie haben keinen Anspruch auf eine Umsiedlung, sehr wohl aber auf Schallschutz. Sie haben ihn beantragt, doch niemand hat bisher Antwort erhalten. Schönefelds Bürgermeister Udo Haase betont auf Anfrage des rbb: "Wir warten weiter. Ich weiß nicht, wie lange das noch dauert."

Die Formel für den Schallschutz geht so: Alle sollen neue Fenster erhalten. Wenn sich bei den Berechnungen jedoch herausstellt, dass der Schallschutz mehr als 30 Prozent des Hauswertes betragen würde, zahlt die Flughafengesellschaft dem Eigentümer diese Summe aufs Konto. Er oder sie kann selbst entscheiden, was er damit macht.

Haus der BER-Anrainerfamilie Stippekohl in der Gemeinde Selchow (Quelle: rbb)
Noch ist es hier idyllisch: Haus der Familie Stippekohl in Selchow

Karlheinz und Brigitte Stippekohl haben den Antrag vor zehn Jahren gestellt und warten bis heute. Der Schriftwechsel mit der Flughafengesellschaft umfasst mehrere Aktenordner. "Das wurde alles vermessen", erzählt der 72-Jährige. "Dann kamen die Anträge immer wieder zurück zum Unterschreiben, aber da waren so viele Unstimmigkeiten, dass wir also mindestens sechsmal Widerspruch einlegen mussten."

Lärmschutz muss neu berechnet werden

Im April letzten Jahres schließlich entschied das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg, dass der bis dahin geplante Lärmschutz nicht ausreicht. Jetzt haben die Berechnungen neu begonnen. "Das ist eigentlich ein Trauerspiel", findet Karlheinz Stippekohl. "Ich glaube nicht daran, dass sie in diesem Jahr noch irgendwas in die Reihe kriegen." Ein Flughafensprecher bestätigt: "Die Briefe sind noch nicht raus." Karlheinz Stippekohl ist sauer: "Das Haus sollte eigentlich unsere Lebensversicherung sein", sagt er, "nun stehen wir da und es ist im Prinzip nichts mehr wert."

Ortsvorsteher Alfred Mann hofft jetzt auf den 3. Juli. An diesem Tag hat er ein Gespräch mit einem Immobilienmanager der Flughafengesellschaft. Welche Themen anstehen, weiß er schon: Umzüge und Schallschutz. Es ist die erste Information, die Alfred Mann von dort seit Jahren erhalten hat, sagt er.

Beitrag von Lisa Steger