Flugzeug überfliegt Wegweiser zum Flughafen Schönefeld (Quelle: imago/Steinach)

Spart der BER auf Kosten der Anwohner? - Die unendliche Geschichte des Schallschutzes am BER

Der Flughafen BER in Schönefeld wird teurer und teurer. Kein Wunder also, dass bei den Ausgaben für das Schallschutzprogramm gespart werden muss, obwohl den Anwohnern einst der "weltbeste" Schutz versprochen wurde. Thomas Rautenberg hat ein Ehepaar aus Blankenfelde-Mahlow getroffen, das noch eine Rechnung mit dem Flughafen offen hat.  

"Meine Akte ist sehr dick. Das hier ist alles nur Flughafen. Das ist das Schallprüfungsergebnis, und das ist alles nur Wintergarten", sagt Elke Bohr, als sie mit ihrem Mann Horst in die Bürgersprechstunde ins Schönefelder Fluglärmberatungszentrum gekommen ist. Vor ihnen auf dem Tisch liegt ein dicker Ordner.

Die Bohrs wohnen in Blankenfelde-Mahlow, im Ortsteil Am Bruch, direkt in Verlängerung der Südstartbahn. Sie haben Anspruch auf den "weltbesten" Schallschutz und dennoch fühlt sich die 72-Jährige bis heute vom Flughafen allein gelassen. "Wir sind keine Fachleute und können die Vorschläge gar nicht richtig prüfen", so Elke Bohr. Sie sagt deshalb aber auch, dass sie sich irgendwie verlassen vorkämen.

Wintergarten hat 40.000 Euro gekostet

Die Bohrs wollten ihr Haus so schnell wie möglich gegen den drohenden Fluglärm schützen. Sie stellten einen Antrag auf baulichen Schallschutz. Was dann passierte, hätte sich Horst Bohr  nie träumen lassen. Ein Mitarbeiter eines Ingenieurbüros sei in ihr Haus gekommen und hätte sich grußlos sofort zum Wintergarten des Hauses bewegt. Er habe gesagt: "Das Ding können sie abreißen". "Das Ding" habe beim Bau 40.000 Euro gekostet, sagt Bohr. "Wir haben gebaut, weil wir ein kleines Haus haben und den Raum brauchen", erzählt er weiter.

Schallschutzberaterin Nicole Brettschneider (Quelle: rbb/Thomas Rautenberg)
Schallschutzberaterin Nicole Brettschneider gilt als unabhängige Instanz

800 Bürgern haben bereits Hilfe gesucht

Eine Geschichte, wie sie Schallschutzberaterin Nicole Brettschneider öfter hört. Etwa 800 Bürger aus dem Flughafenumfeld haben bei ihr im vergangenen Jahr Hilfe gesucht. Die Schallschutzberatung wird von den Landkreisen Teltow-Fläming und Dahme-Spreewald sowie von der Brandenburger Landesregierung getragen. Nicole Brettschneider gilt damit als unabhängige Instanz, die gegenüber dem Flughafen vermitteln soll.

Ihre Erfahrungen zeigen, dass die die Betroffen mit dem Flughafen zu kommunizieren versuchen. Problematisch sei es allerdings, wenn sie gar keine Antwort bekämen, monatelang drauf warten müssten oder Antwort unbefriedigend ist. "Mit jeder versendeten neuen Anspruchsermittlung wächst natürlich der Stapel der Widersprüche, der Aufwand bei der Flughafengesellschaft und auch der Aufwand in den Ingenieurbüros", berichtet Schallschutzberaterin Brettschneider.  

7.000 Euro für neue Fenster

Auch die Familie Bohr hat Widerspruch eingelegt. Sie will ihren Wohnwintergarten nicht abreißen. Es ist der zentrale Raum des Hauses, ausdrücklich genehmigt vom zuständigen Bauamt. Wenn die Familie einen Schallschutzanspruch hat, dann doch wohl für diesen Raum. Das hat Schallschutzberaterin Brettschneider dem Flughafen auch geschrieben und wiederum eine abschlägige Antwort bekommen.

Familie Bohr streitet sich mit dem Flughafen nicht nur um den Wintergarten. Das Ehepaar hat auch Schallschutzfenster einbauen lassen. Die technischen Vorgaben kamen vom Flughafen. Mit der Bauausführung haben die Bohrs als Eigentümer eine Spezialfirma beauftragt. Anfang des Jahres wurden die Fenster für fast 7.000 Euro gewechselt. Was die Bohrs nicht ahnen konnten: Die vom Flughafen vorgeschriebenen Dämmwerte im Haus wurden nicht erreicht, die Kosten wurden also auch nicht erstattet.  

Ingenieurbüro beim Schallschutz dazuholen

Das sei nicht die Schuld des Flughafens, stellt Ralf Wagner, Chef des BER-Schallschutzprogrammes, klar. Der Eigentümer sei der Auftraggeber und insofern gegenüber der Firma auch vertraglich gebunden. Bevor ein Eigentümer einer Baufirma tatsächlich einen Auftrag erteilt, empfiehlt Wagner dringend, das zuständige Ingenieurbüro dazuzuholen. So habe das Büro die Möglichkeit auch zu schauen, ob die Maßnahmen so umgesetzt seien, "wie das nach unserer Anspruchsermittlung notwendig" gewesen wäre. "Wenn das nicht so ist, dann würde es sich auch nicht empfehlen, diese Unterschrift als Eigentümer zu leisten," sagt der BER-Schallschützer weiter.   

Kleine Wohnküchen nicht schützenswert

Ein Angebot des Flughafens, das die Eheleute Bohr - beide älter als 70 Jahre - nicht genutzt haben. Das war sicherlich ein Fehler. Nun sind sie die Gekniffenen und sitzen bis heute auf den Kosten. Dass die Anwohner beim Schallschutz als Bauherren agieren müssen und damit auch alle Risiken des Umbaus tragen, ist nicht das einzige Problem, das die Verständigung zwischen Flughafen und Lärmbetroffenen derzeit so schwierig macht.

Elke und Horst Bohr in der Schallschutzberatung (Quelle: rbb/Thomas Rautenberg)
Horst und Elke Bohr waren 31 Mal im Schönefelder Flughafenberatungszentrum

Nach der Definition des Flughafens werden beispielsweise Wohnküchen kleiner als zehn Quadratmeter nicht als schützenswert anerkannt. Auch Wohn- und Schlafzimmer, die nicht die vorgeschriebene Bauhöhe zwischen 2,40 und 2,50 Meter haben, bleiben bei der Schallschutz-Berechnung außen vor. Es sei denn, die abweichende Bauhöhe ist beispielsweise in DDR-Zeiten amtlich genehmigt worden.

Mit so viel Wenn und Aber komme man beim Schallschutz nie auf einen gemeinsamen Nenner, sagt Detlef Gärtner, SPD-Beigeordneter des Landkreises Teltow-Fläming. Dabei wäre ein Kompromiss doch so einfach. "Fakt ist doch: Wenn die Menschen da wohnen, dann wohnen sie da, und dann ist das nach meiner Meinung auch Wohnraum", so Gärtner. 

Strittige Fragen künftig nach verbindlicher Anleitung entscheiden

Eigentlich sollten die Probleme längst abgeräumt sein. Seit einem Jahr bemüht sich das sogenannte Dialogforum um einen Kompromiss. Die Landesvertreter von Berlin und Brandenburg, der Flughafengesellschaft und der Anrainerkommunen sitzen zusammen, um die unterschiedlichen Interessen beim Lärmschutz unter einen Hut zu bekommen. Strittige Fragen wie Wohnraumhöhen, Küchengrößen oder Wintergärten sollen künftig nach einer verbindlichen Anleitung entschieden werden.

Das Brandenburgische Infrastrukturministerium hat inzwischen einen entsprechenden Vorschlag auf den Tisch gelegt. Diese sogenannte "Matrix" bestätigt im Grunde, dass der Flughafen derzeit beim Schallschutz alles richtig macht. Für Änderungen gebe es also gar keinen Grund, sagt BER-Schallschutzchef Ralf Wagner. "Für uns ist wichtig, dass wir das Schallschutzprogramm auf sauberen, stabilen Rechtsgrundlagen abwickeln."

Weltbester Schallschutz ist eine Chimäre

Allerdings wollen andere diese vom Flughafen definierten und vom Potsdamer Infrastrukturministerium gut geheißenen Rechtsgrundlagen so nicht akzeptieren. Rainer Hölmer, SPD-Baustadtrat von Treptow-Köpenick, fordert beispielsweise Nachbesserungen im Interesse der Lärmbetroffenen und ein klares Votum der verantwortlichen Politiker. Er möchte, dass sich tatsächlich positioniert wird, "ob wir nun hier in Berlin-Brandenburg bezüglich dieses Flughafens um jeden Preis Euros sparen oder ob wir einen vernünftigen Lärmschutz für die Bürger haben wollen".

Diese Entscheidung sei politisch zu fällen. Wenn schon das nicht gelinge, wäre für ihn das Dialogforum, das sich um Ausgleich, Schutz und ein einvernehmliches Nebeneinander der Bürger und Flughafen einsetzen sollte, gescheitert. "Das mit dem weltbesten Schallschutz, den wir hier haben wollen, das ist offenkundig eine Chimäre, die wir nie erreichen werden", stellt Hölmer verärgert fest.

BER und die Bohrs haben sich geeinigt

Im Schönefelder Flughafenberatungszentrum packen Elke und Horst Bohr ihre Akten zusammen. Das Wort vom "weltbesten" Schallschutz können sie nicht mehr hören. 31 Mal haben sie hier schon gesessen - 31 Termine, ohne dass den beiden wirklich geholfen wurde. 

BER-Schallschutzchef Ralf Wagner ist dieser Fall spürbar unangenehm, als er davon erfährt. Darum wolle er sich kümmern. Man könne ja auch nicht erwarten, dass die Bohrs bei allem "was wir hier technisch zu tun haben, schlichtweg nicht den Überblick haben". In diesem Fall hat der Flughafen Wort gehalten. Inzwischen hat er mit dem Ehepaar Bohr eine einvernehmliche Lösung gefunden.

Beitrag von Thomas Rautenberg

Das könnte Sie auch interessieren