In einer Templiner Ganztagsschule malen Kinder gemeinsam (Bild dpa)

Bildungsfoscher plädiert dennoch für mehr Ausbau - Berlin und Brandenburg stark bei Ganztagsschulen

Ganztagsschulen sind beliebt - zumindest bei Eltern. Laut Umfragen von infratest dimap und Emnid würden rund 70 Prozent der Deutschen gerne ihre Kinder ganztägig in der Schule sehen. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung hat nun ergeben, dass Berlin und Brandenburg diese Nachfrage schon ganz ordentlich bedienen, vor allem verglichen mit anderen Bundesländern.

Die Hauptstadt nimmt beim Angebot von Ganztagsschulen laut Bertelsmann-Studie bundesweit einen Spitzenplatz ein. Mit 54,2 Prozent wurde im Schuljahr 2011/2012 mehr als jeder zweite Schüler ganztags betreut. Nur in Sachsen (78,5 Prozent) und Hamburg (56,8 Prozent) lag der Anteil höher. Der bundesweite Durchschnitt betrug 30,6 Prozent, insgesamt 2,3 Millionen Kinder und Jugendliche. Ein Jahr zuvor betrug die Quote 28,1 Prozent.

Im Vergleich zum Vorjahr war in Berlin zudem ein deutlicher Anstieg der Ganztagsschüler um 48 Prozent auf 148.266 zu beobachten.

Positiv wertet die Bertelmann Stiftung auch die im bundesweiten Vergleich hohe Quote bei gebundenen Ganztagsschulen - Einrichtungen, in denen für alle Schüler einer Klasse der Nachmittagsunterricht verpflichtend ist. In Berlin lag der Anteil im Schuljahr 2011/2012 bei 26 Prozent - im Gegensatz zu einem bundesweiten Durchschnitt von 13,7 Prozent.

Brandenburg schwächelt bei gebundenen Ganztagsschulen

Brandenburg belegt bei der ganztägigen Betreuung von Schülern einen Platz im oberen Mittelfeld. Mit 46,6 Prozent besuchten 89.115 Kinder und Jugendliche im Schuljahr 2011/2012 eine Ganztagsschule.

Bei den gebundenen Ganztagsschulen lag Brandenburg allerdings leicht unter dem Bundesdurchschnitt. Der Studie zufolge, die von Bildungsforscher Klaus Klemm erstellt wurde, besuchten 13,1 Prozent aller Schüler die Einrichtungen, in denen für alle Schüler einer Klasse der Nachmittagsunterricht verpflichtend ist. Bundesweit waren es im Schnitt 13,7 Prozent.

Da sich der Unterricht auf den ganzen Tag konzentriert, biete das Modell der gebundenen Ganztagsbetreuung Möglichkeiten, zwischen Konzentrations- und Entspannungsphasen abzuwechseln, sagte Bertelsmann-Vorstand Jörg Dräger. In offenen Ganztagsschulen würden die Kinder dagegen nur vormittags unterrichtet.

Mehr Tempo beim Ausbau von Ganztagsschulen gefordert

Bundesweit sind Ganztagsschulen zehn Jahre nach dem ersten Förderprogramm des Bundes jedoch noch immer Mangelware. Die Nachfrage übersteige das Angebot bei weitem, kritisiert die Bertelsmann Stiftung und fordert einen Rechtsanspruch. Nur so könne der Ausbau beschleunigt werden.

"Wenn sich das Tempo beim Ausbau der Ganztagsangebote nicht deutlich erhöht, dauert es noch Jahrzehnte, bis die Nachfrage der Eltern befriedigt ist", sagte Jörg Dräger vom Stiftungsvorstand. "Ein Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz ist der entscheidende
Hebel für eine staatliche Investitionsoffensive."

Nicht einmal jeder Zweite der Ganztagsschüler besuchte eine Schule mit festem Nachmittagsangebot, also eine gebundene Ganztagsschule (13,7 Prozent aller Schüler). Dieser Schulform schreiben Forscher besonders große Möglichkeiten zu, "das soziale und kognitive Lernen zu fördern - und damit auch Benachteiligungen von Kindern aus
bildungsfernen Familien zu verringern", so die Studie. Die Länder hätten die Milliardenhilfe des Bundes aber vorrangig in offene Ganztagsangebote investiert. Ein umfassender Ausbau der gebundenen Ganztagsschule würde laut Berechnungen von Bertelsmann jährlich rund 9,4 Milliarden Euro kosten.

Die Verteilung von Ganztagsschulen sei keineswegs eine Frage von Ost und West. In Brandenburg (46,6 Prozent) ist der Ganztagsanteil doppelt so hoch wie beim Nachbarn Sachsen-Anhalt (23,6). Hamburg hat eine doppelt so hohe Ganztagsquote (56,8) wie Bremen (28,3), und in Nordrhein-Westfalen (34,8) gehen doppelt so viele Schüler auch am Nachmittag in die Schule wie in Baden-Württemberg (17,2).

Die stellvertretende SPD-Vorsitzende Manuela Schwesig kündigte im Fall eines Wahlsieges ein weiteres Ganztagsschulprogramm des Bundes an. "Dabei geht es uns nicht nur um einen quantitativen, sondern vor allem auch um einen qualitativen Ausbau des Angebotes." Der FDP-Bildungsexperte Patrick Meinhardt lehnte einen Rechtsanspruch dagegen ab. Nötig seien "passgenaue Angebote, die von den Schulen vor Ort kommen müssen".

Mehr zum Thema

Tafel im Klassenzimmer einer Schule (Quelle: imago)

Streit um neue Lehrer - GEW kritisiert Brandenburger Schulpolitik

Aus Sicht der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) tut Brandenburg zu wenig, um junge Lehrer an die Schulen zu bringen. Die 550 Lehrer, die zum neuen Schuljahr eingestellt werden, seien zu wenig, um den notwendigen Generationswechsel zu meistern, sagte GEW-Landeschef Günther Fuchs am Mittwoch.

Kinder unter drei Jahren in der Kindertagesstätte (Bild: dpa)

Stichtag 1. August - Tag der Wahrheit für die Kinderbetreuung

Seit Donnerstag gilt der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz auch für unter Dreijährige. Die Lage in Berlin und Brandenburg ist relativ entspannt, allerdings entbrennt nun eine Debatte über den Personalmangel. Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) sieht die Lösung bei Quereinsteigern, Elternvertreter fürchten allerdings eine qualitativ schlechte Betreuung.