Dr. Gisela Glaser-Paschke, Leiterin der Zentrale für Tuberkulosebekämpfung analysiert Röntgenbilder von Tuberkulosepatienten. (Quelle: Imago)
Video: Sandra Stalinski, Abendschau | 16.09.2013

Zahl der Erkrankten steigt - Das Berliner Tuberkulose-Zentrum ist überlastet

Jahrzehntelang war die Tuberkulose beinahe von der Bildfläche verschwunden -  jetzt steigt die Zahl der Erkrankten in Berlin wieder. Das Tuberkulose-Zentrum in Lichtenberg ist überlastet und fordert vom Senat mehr Personal. Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) wies im rbb darauf hin, dass das Zentrum dieses Jahr bereits eine zusätzliche Stelle bekommen habe. Von Sandra Stalinski

Während die Zahl der Tuberkulosefälle deutschlandweit stagniert, haben gerade Großstädte von Jahr zu Jahr wieder mehr Erkrankte. Gerade in Berlin nehmen die Fälle zu: "Seit 2009 ist die Zahl der Erkrankten um beinahe ein Viertel gestiegen", sagt Gisela Glaser-Paschke besorgt. Sie ist die Leiterin des Tuberkulose-Zentrums in Berlin-Lichtenberg, der einzigen Stelle in Berlin, die für Tuberkulose-Fürsorge zuständig ist. Doch unter anderem wegen der steigenden Fallzahlen, ist die Behörde überlastet. "Wir arbeiten hier am Limit und brauchen dringend mehr Personal", sagt Glaser-Paschke.

Im Tuberkulose-Zentrum muss jeder Fall von Tuberkulose in Berlin erfasst und verfolgt werden. 324 Fälle zählte das Zentrum im vergangenen Jahr in Berlin. Sozialarbeiter müssen herausfinden, mit wem ein Erkrankter Kontakt hatte – das können manchmal mehrere Hundert Menschen sein. Denn jeder, der mit einem Tuberkulose-Kranken Kontakt hatte, muss sich selbst testen lassen.

Schwierige Lebensverhältnisse erschweren die Behandlung

Durch Beratungsgespräche und Hausbesuche begleiten sie die Erkrankten dann während ihrer Behandlung und müssen dafür sorgen, dass sie die Therapie nicht abbrechen. Auch diese Arbeit ist in den letzten Jahren schwieriger geworden. 100 Fälle hat ein Mitarbeiter im Schnitt zu betreuen und die Lebensumstände der Patienten haben sich deutlich verschlechtert. "Wir haben sehr viel mehr Wohnungslose, Migranten und Menschen, die in schwierigen sozialen Verhältnissen leben", sagt die Sozialarbeiterin Daniela Zachow. Auch sie muss Überstunden machen, um ihre Arbeit noch zu schaffen.

Tuberkulose-Test mit Spritze im Zentrum für tuberkulosekranke und -gefährdete Menschen in Berlin-Lichtenberg. (Quelle: Imago)
Tuberkulose-Test.

Besonders gefährdet, sich mit Tuberkulose anzustecken, sind Menschen, die auf sehr engem Raum zusammenleben und Menschen mit anderen gesundheitlichen Problemen. Deshalb müssen beispielsweise Wohnungslose oder Asylbewerber vor ihrer Aufnahme in eine Sammelunterkunft routinemäßig auf Tuberkulose getestet werden. Doch das Zentrum in Lichtenberg, kommt mit den Röntgenuntersuchungen nicht hinterher. Vier Wochen warten Asylbewerber derzeit auf den Termin für eine Untersuchung, die laut Infektionsschutzgesetz eigentlich "unverzüglich" stattfinden müsste. Und das obwohl bei dieser hoch ansteckenden Krankheit jeder Tag zählt.

Georg Classen vom Berliner Flüchtlingsrat findet diesen Zustand "unzumutbar". "Diese Untersuchung dient der Sicherheit der Bewohner in Asylbewerberheimen und der Mitarbeiter. Hier wird ganz klar gegen gesetzliche Regelungen verstoßen."

Auch Gisela Glaser-Paschke bestätigt die langen Wartezeiten. Doch wegen der steigenden Asylbewerberzahlen hätten die Röntgenuntersuchungen sich in den letzten fünf Jahren beinahe verdoppelt. "Wir haben bereits die Sprechzeiten erweitert, röntgen quasi ohne Pause durch und kommen trotzdem nicht hinterher." Vom Senat fordert sie jetzt deshalb mehr Personal. 22 Stellen hat das Tuberkulose-Zentrum derzeit. Doch dieser Personalschlüssel wurde 2008 festgelegt, als man noch von sinkenden Tuberkulosezahlen ausging.

Czaja: Zentrumskonzept wird derzeit nachjustiert

Die Situation sei nicht gut, und das Zentrum weise zu Recht auf diesen Missstand hin, sagte Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) am Montag dem rbb. Gleichzeitig betonte er, dass die Wartezeit für eine Untersuchung seit seinem Amtsantritt von sechs auf vier Wochen gesunken sei. Zudem habe das Zentrum in diesem Jahr bereits eine zusätzliche Stelle bekommen, damit seien dort alle Stellen besetzt.

"Aber richtig ist, dass die Zahl der Fälle, die untersucht werden müssen, gestiegen sind und wir deswegen das Zentrumskonzept - unter anderem auch das Zentrum für Tuberkulose-Erkrankungen - noch einmal nachjustieren und erweitern müssen", räumte Czaja ein. Daran werde gegenwärtig gearbeitet. Das neue Zentrumskonzept liege inzwischen beim Rat der Bürgermeister und werde danach im Senat erörtert. Dabei gehe es auch um weitere Einrichtungen wie das Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Familienplanung.

Angesichts der langen Wartezeiten betonte Czaja, dass auch jeder Röntgenarzt die Untersuchung durchführen könne. Außerdem sei die Senatsverwaltung mit Vivantes und anderen Krankenhäusern im Gespräch, ob sie unterstützen können.

Das Zentrum für tuberkulosekranke und -gefährdete Menschen in Berlin-Lichtenberg. (Quelle: imago)
Das Zentrum für tuberkulosekranke in Berlin-Lichtenberg.

Immer mehr Menschen stecken sich auf Reisen an

Ein Grund für den Anstieg der Tuberkulosezahlen ist, dass die Menschen häufiger in Länder mit hohen Tuberkuloseraten reisen. In Asien und Südafrika ist die Krankheit besonders verbreitet. Außerdem ist Berlin ein Magnet für Zuwanderer, gerade aus Osteuropa, wo Tuberkulose ebenfalls ein großes Problem ist. "Grund zur Panik besteht nicht", sagt Gisela Glaser-Paschke. Aber die Entwicklung mache ihr Sorge.

Eine andere große Gefahr sieht die Leiterin des Tuberkulose-Zentrums in der zunehmenden Entwicklung der Resistenzen gegen Tuberkulosemedikamente. "Immer mehr Menschen sind gegen die gängigen Mittel immun. Dann müssen wir auf teurere Medikamente mit deutlich mehr Nebenwirkungen zurückgreifen." Das mache die Behandlung sehr viel schwieriger und langwieriger.

Resistenzen können entstehen, wenn Menschen die Behandlungen abbrechen oder – wie es häufig in ärmeren Ländern passiert – nicht den richtigen Medikamentencocktail bekommen. Die Gefahr, dass die Krankheit dann nicht mehr heilbar ist, erhöht sich dadurch. "Deshalb müssen wir alles tun, damit die Krankheit sich nicht weiter ausbreitet und dass unsere Patienten ihre Therapien nicht abbrechen", sagt Glaser-Paschke. Doch dafür braucht das Tuberkulose-Zentrum in Lichtenberg mehr Personal.

Beitrag von Sandra Stalinski, rbb-Reporterpool