Eine Pflegehausbewohnerin in einem Seniorenzentrum hält sich in ihrem Bett an einem Haltegriff fest (Bild: DPA)
Fremde Pflege | Inforadio Nahaufnahme von Anna Corves

Pflegekräfte aus Asien - Helfer, die auch Hilfe brauchen

Pflegekräfte aus dem Ausland – sie sollen dazu beitragen, den Personalnotstand in Deutschland zu lindern. Ende September traf in Berlin eine Gruppe von 19 Vietnamesinnen ein, die hier zu Altenpflegerinnen ausgebildet werden. Doch die Idee ist umstritten. Bereits in den 1960er und -70er Jahren wurden Asiatinnen als Gastarbeiter für Pflegeberufe angeworben. Ihre Erfahrungen geben zu denken. Von Anna Corves

"Was machen Ihre Schmerzen?“ Gum-Sun Kim guckt die Patientin auf dem Krankenbett prüfend an. Die junge Frau ist wegen starker Beschwerden in der Nierengegend in die Rettungsstelle des Kreuzberger Urban-Krankenhaus gekommen. Die 61- jährige Pflegerin alarmiert die urologische Station. "Hier ist die Rettungsstelle, Schwester Gum-Sun. Wir haben eine Patientin für Sie …." Sie spricht extra laut und deutlich - ihr koreanischer Akzent ist hartnäckig, auch nach 37 Jahren in Deutschland. Besonders am Telefon ist sie noch immer schwer zu verstehen - und auch sie muss sich ganz auf ihren Gesprächspartner konzentrieren.

Die südkoreanische Pflegerin Kum-Sun Kim (Bild: A. Corves, rbb-Inforadio)
Gum-Sun Kim an ihrem Arbeitsplatz

"Wir wollten die Welt ansehen"

Seit drei Jahrzehnten arbeitet sie hier in der Rettungsstelle. Gum-Sun Kim ist eine von 10.000 koreanischen Krankenschwestern, die im Zuge eines Anwerbeabkommens zwischen 1970 und 1977 nach Deutschland kamen. Von Kolleginnen, die vor ihr diesen Schritt gewagt hatten, wusste sie, dass das Leben in der Fremde hart sein kann. Schließlich siegte die Abenteuerlust. „Ich wollte endlich mal die Welt ansehen.“

Südkorea war in dieser Zeit für eine junge Frau wie sie ein Land mit wenigen Freiheiten und großer Armut. Als der Vater starb, stand die Mutter alleine mit sieben Kindern da. Die Gastarbeit in Deutschland wurde so zum finanziellen Hoffnungsanker. Gum-Sun hatte ihre Ausbildung zur Krankenschwester bereits abgeschlossen - in Korea erfordert das ein dreijähriges Fachhochschulstudium. Die Pflegerinnen erhielten zur Vorbereitung einen dreimonatigen Deutschkurs. „Danach konnten wir 'guten Tag' sagen, 'guten Abend', 'mein Name ist...' - mehr nicht.“ An einem eiskalten Februartag landete Gum-Sun Kim zusammen mit 35 anderen koreanischen Pflegerinnen in Berlin.

Wickeln, Waschen, Wischen – in Korea keine Aufgaben für Krankenpfleger

Sie kamen nach Hohengatow, an ein Krankenhaus mit Schwesternwohnheim. Alles war neu für die jungen Frauen: „In Korea arbeiten die Schwestern eng mit den Ärzten zusammen, übernehmen medizinische Aufgaben wie Spritzen oder einen Katheter zu legen.“ Pflegetätigkeiten wie Patienten waschen oder wickeln, das erledigen entweder die Familienangehörigen oder die so genannten Pflegehelfer. Dass das dagegen in Deutschland zu den Hauptaufgaben der Krankenschwestern gehört, war gewöhnungsbedürftig für die studierten koreanischen Fachkräfte. Sie fühlten sich degradiert - und wegen der Sprachprobleme wurden manche tatsächlich vor allem zum Putzen eingesetzt.

Schwester Conny kann gut nachvollziehen, was damals vermutlich alles schief gelaufen ist. Seit vielen Jahren arbeitet sie mit der Koreanerin zusammen, sie sind ein eingespieltes Team. Gum-Sun sei erfahren, mit den Sprachproblemen arrangiere man sich, man müsse eben langsam, deutlich und eindeutig sprechen, sagt sie. Aber unterm Strich gelte schon: Ausländische Pflegekräfte in die Station zu integrieren, bedeute doppelte Arbeit. „Es ist wie bei Schülern. Man muss alles erklären, kontrollieren, weil man ja nicht weiß, ob der Andere es richtig verstanden hat.“ Das Problem: Für diese Einarbeitung ist in der Praxis keine Zeit - schließlich sollen die ausländischen Pflegekräfte fehlende voll ausgebildete deutsche Schwestern ersetzen.

Frau füttert alten Menschen, Quelle: dpa
Altenpflegerin und Patientin: "Es geht nicht um 'Waschen, Legen, Dreifuffzig'"

Die schnelle Lösung – in der Praxis schwierig

Seit dem 1. Juli wurde die Zuwanderung von Fachkräften aus Nicht-EU-Ländern vereinfacht - Pflegeberufe gelten als Mangelberufe. Hierzulande fehlen verschiedenen Schätzungen zufolge rund 30.000 Pflegefachkräfte. Aktuell pflegt die Bundesregierung deshalb mehrere Vermittlungsabsprachen mit Ländern, in denen es, so betonen es die beteiligten Ministerien, ein Überangebot an Pflegefachkräften gibt. 80 ausgebildete Krankenpfleger aus Bosnien wurden bereits nach Deutschland geholt, bis Ende 2014 sollen weitere 2.000 Pflegekräfte kommen, aus Südosteuropa  und von den Philippinen. Zusätzlich wird auch in Südeuropa und Tunesien Personal gesucht. In diesen Tagen treffen 100 Vietnamesinnen und Vietnamesen ein, die – ein Modellprojekt – erst in Deutschland zu Altenpflegern ausgebildet werden sollen. 19 von ihnen landeten am Sonntag in Berlin, sie werden in Altenpflegeeinrichtungen von Vivantes arbeiten.

Christine Vogler ist wenig begeistert davon. Sie ist Vorsitzende des Landespflegerates Berlin-Brandenburg und leitet die Gesundheits- und Krankenpflegeausbildungsstätte Wannseeschule. Dort nimmt sie auch Kenntnisstandprüfungen zur Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse ab. Fast immer seien die Anwärter hochmotiviert. „Die strengen sich unglaublich an.“ Und doch brechen viele ab. „Da ist zum einen eine große sprachliche Barriere, gerade für Pfleger aus dem asiatischen Raum.“ Außerdem unterscheide sich das Berufsbild von Land zu Land. Etwa darin, wie selbständig die Pflegekräfte arbeiten dürfen oder auch kulturell, wie mit Krankheit und Kranken in der jeweiligen Gesellschaft umgegangen wird.

"Vieles leichter gesagt als getan"

Gerade, wenn es um die Pflege von älteren Menschen geht, sieht Christine Vogler ein weiteres Problem: „Natürlich muss ich wissen, wie die biographischen Hintergründe sind.“ Jemand, der in Japan groß geworden ist, könne schwerlich die Lebensgeschichte einer 80-jährigen Frau aus Deutschland nachvollziehen. Im Krankenhausalltag, wo es um die Erstversorgung gehe, sei das vielleicht nicht so entscheidend. In Altenheimen aber schon. Voglers Haltung ist klar: „Es geht nicht um 'Waschen, Legen, Dreifuffzig', sondern es geht darum, den Menschen zu versorgen.“

Natürlich könne man ausländischen Pflegekräften die Sprache und den kulturellen Kontext beibringen - theoretisch. Aber in der Realität werde von ihnen erwartet, dass sie herkommen und gleich losarbeiten. Vogler findet das den Angeworbenen gegenüber unfair. Sie erlebt, dass viele in ihre Heimatländer zurückkehren – oder in schlecht bezahlten Pflegehilfsjobs landen, für die sie völlig überqualifiziert sind.

Hedwig François-Kettner, seit 30 Jahren Pflegedirektorin an der Charité, kann das nur bestätigen. Sie erzählt von einem Modellprojekt mit zwölf chinesischen Krankenschwestern, die auf den Stationen gearbeitet und ergänzend Sprachkurse und Schulungen erhalten haben. Nach einem Jahr hat sich die Charité entschieden, sie nicht weiterzubeschäftigen. „Das lag überwiegend an der Sprache. Wir arbeiten mit einem komplett elektronischen Patientendokumentationssystem, da kommt es auch auf das Leseverständnis an.“ In anderen Fällen haben asiatische Arbeitskräfte von sich aus abgebrochen. „Wenn es um die Integration ausländischer Pfleger geht, dann ist vieles leichter gesagt als getan.“

Eine Infusion wird gewechselt (Quelle: rbb)
Alltag für Pfegekräfte: Keine Zeit, kein Geld, keine Anerkennung

Wurzel allen Übels: Die Rahmenbedingungen für Pflege in Deutschland

François-Kettner betont, dass die Integration erfolgreich sein könnte – wenn die Rahmenbedingungen stimmen: „Man müsste zuerst die hiesige Situation verbessern, für Schulungen ausreichend Geld zur Verfügung stellen und für eine ordentliche Personalausstattung sorgen, damit wir für die Einarbeitung ausreichend Zeit haben.“ Der Mangel an Zeit, Geld und Anerkennung aber wiederum sei auch genau der Grund, warum es so wenig deutschen Nachwuchs für die Pflegeberufe gebe.

Die 61-jährige Gum-Sun Kim hat miterlebt, wie sich der Krankenpflegeberuf seit den 1970er Jahren verändert hat. Bei ihrer Ankunft hätten die Schwestern Zeit gehabt, sie einzuarbeiten, erzählt sie. Mit Geduld, Händen und Füßen hätten sie sich verständigt und mit den Patienten fast nie Probleme gehabt. „Die mochten uns koreanische Schwestern. Wir haben immer gelächelt und ihnen fast alle Wünsche erfüllt, auch weil wir ja anfangs wenig verstanden haben.“

Gum-Sun Kim hat sich damals schnell in Deutschland eingelebt, einen deutschen Mann geheiratet, ein Kind bekommen. Die Familie lebt zufrieden in Kreuzberg. Sie habe Glück gehabt, sagt sie. Aber um die Pflegerinnen und Pfleger, die jetzt als Gastarbeiter angeworben werden, macht sie sich Sorgen. „Sie werden hier sehr große Schwierigkeiten haben. Die Schwestern haben keine Zeit für die Neulinge. Anstatt etwas zu erklären, macht sie es lieber schnell selbst. Sonst schaffen sie das Pensum nicht!"

Beitrag von Anna Corves, Inforadio

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