Studenten der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) in einer Einführungsveranstaltung für das Wintersemester 2011/2012. (Quelle: dpa)

Start des Wintersemesters - Brandenburgs Hochschulen locken mit neuen Angeboten

Jüdische Theologie, Pflegeausbildung mit Studienabschluss oder Jura-Studium ohne Staatsexamen - an Brandenburger Hochschulen starten zum Beginn des Wintersemesters zahlreiche neue Angebote. Mit ihnen wird teilweise bundesweit Neuland betreten. Ziel von Wissenschaftsministerin Sabine Kunst ist es, weiterhin viele neue Studienanfänger zu gewinnen. Außerdem will sie die Hochschulen auch für Studenten ohne Abitur öffnen.

An Brandenburgs Hochschulen startet in diesen Wochen das neue Wintersemester. Vielerorts gibt es neue Fächer und Einrichtungen, mit denen zum Teil bundesweit Neuland betreten wird. "Damit werden bundesweit beachtete Akzente gesetzt", sagte Wissenschaftsministerin Sabine Kunst (parteilos) am Montag in Potsdam.

Dort startet im Oktober der bundesweit erste Universitäts-Studiengang für jüdische Theologie. Die 40 Studienplätze für das erste Semester an der Universität Potsdam seien bereits weitgehend vergeben, sagte Wissenschaftsministerin Kunst.  Die Ausbildung jüdischer Theologen wie Rabbiner und Kantoren direkt an der Universität sei "etwas Außergewöhnliches" in Deutschland und komme einem Quantensprung gleich, betonte die Ministerin. Veranstaltungen im Fach jüdische Theologie könnten nun erstmals von allen Studierenden besucht werden. Bislang wurden theologische Fragen vor allem am 1999 gegründeten Abraham-Geiger-Kolleg behandelt, das mit der Hochschule kooperiert. Das Abraham-Geiger-Kolleg und sein Direktor Walter Homolka haben lange um diesen Universitäts-Studiengang gekämpft.

"Diese bunte Mischung bietet sonst niemand"

Die Studierenden an der neuen "School of Jewish Theology" kommen nach Angaben der Universität unter anderem aus Polen, Israel, Russland, Ungarn, Deutschland, den USA, Frankreich, Schweden und Norwegen. An der Einrichtung mit acht Professoren können nun Rabbiner der liberalen und der konservativen Strömungen des Judentums ausgebildet werden, die anders als im orthodoxen Judentum nur mit Hochschulabschluss ordiniert werden. "Diese bunte Mischung bietet sonst niemand", sagte Kunst.

Ebenfalls an der Universität Potsdam startet ein weiterer neuer Studiengang: Angehende Lehrer können dort nun ein Studium mit inklusionspädagogischem Schwerpunkt absolvieren, um sich besser auf die geplante Einführung gemeinsamen Unterrichts von Kindern mit und ohne Handicap oder Lern- und Verhaltensproblemen vorzubereiten. "Das ist Neuland in Deutschland", betonte die Ministerin.

Drei Millionen Euro pro Jahr bekommt die Universität für den neuen Studiengang zusätzlich, vier neue Professuren wurden eingerichtet. Das Interesse ist groß: Für die 60 Studienplätze seien knapp 400 Bewerbungen eingegangen, sagte Kunst.

Bachelorzeugnis mit Berufsausbildung

An der neu gegründeten Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg werden erstmals die Fächer Therapiewissenschaften und Pflegewissenschaft angeboten. Sie sind als duale Studiengänge konzipiert. Das bedeutet, dass das Studium mit einer Berufsausbildung kombiniert wird. "Absolventen werden mit dem Bachelorzeugnis dann auch einen Berufsabschluss in der Tasche haben", erklärte Kunst.  Auch hier nehme Brandenburg bundesweit eine Vorreiterrolle ein, betonte die Wissenschaftsministerin. 

Mit Neuerungen wie dem dualen Studium will Kunst an den Hochschulen mehr Durchlässigkeit erreichen: In bestimmten Fällen soll auch Bewerbern ohne Abitur ein Studium ermöglicht werden. Weil es immer weniger Schulabänger gebe, sei es sonst nicht möglich, den Fachkräftebedarf zu decken, so die Ministerin.

Gegen die Fusion der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus und der Hochschule Lausitz, die am 1. Juli vollzogen wurde, gab es monatelangen Protest von Studierenden und Mitarbeitern. Die Fusion soll die Universität aus Sicht der Wissenschaftsministerin wettbewerbsfähig machen. Die Gegner der Fusion haben Verfassungsbeschwerde eingelegt. Zudem läuft bis zum 9. Oktober ein landesweites Volksbegehren zum Erhalt der BTU Cottbus und der Hochschule Lausitz.

Mehr Interessenten für technische Berufe

In Richtung der Öffnung von Hochschulen für neue Gruppen von Studierenden geht auch eine Neuerung, durch die man mehr Interessenten vor allem für technische Berufe finden will: Schulabgänger ohne Abitur, mit zu schlechten Noten, anderen Abiturschwerpunkten oder Berufsabschluss sollen ab 2014 an einem neuen College in der Lausitz auf das Studium vorbereitet werden.

Hauptportal der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) (dpa-Bild)
Die Viadrina in Frankfurt (Oder)

Auch die Juristenausbildung wird reformiert: In Frankfurt an der Oder und Potsdam gibt es nun neben dem klassischen Jura-Studium mit Staatsexamen ein dreijähriges Bachelor-Studium, das auch in Abschlüsse anderer Fachrichtungen münden kann. Die Universität der Landeshauptstadt betritt mit einem verwaltungswissenschaftlich ausgerichten Rechtsstudium neue Wege. An der

Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) kann Jura künftig erstmals mit Wirtschaftswissenschaft verknüpft werden.

Ziel sei, die hohe Abbrecherquote im Fach Jura zu senken, sagte Kunst. Richter, Staatsanwalt oder Rechtsanwalt können die Absolventen dann zwar nicht werden. Sie könnten jedoch einen qualifizierten juristischen Abschluss erwerben, um in andere Berufe einzusteigen.

10.000 Studenten mehr als vor sieben Jahren

Ziel der Neuerungen sei es, weiter viele Studienanfänger für die Hochschulen zu gewinnen, erklärte Wissenschaftsministerin Kunst. Die Hochschulen im Land rechnen für das beginnende Wintersemester mit 8.500 bis 9.000 Studienanfängern, ungefähr so viele wie im vergangenen Jahr.

Insgesamt gibt es derzeit in Brandenburg 52.000 angehende Akademiker. Das sind etwa 10.000 mehr als  vor sieben Jahren. "Wir haben den größten Aufwuchs in den neuen Ländern", resümiert die Wissenschaftsministerin. Wenn es gelinge, den zu halten, stehe das Land gut da.

In Potsdam sind die Chancen dafür gut. Dorthin strahlt Berlin aus. Berlinferne Regionen haben es jedoch schwerer. "Dort ist es ein hartes Brot, die Zahlen zu halten", so Kunst. Aber ich bin hoffnungsvoll, dass  aufgrund der besonderen Angebote auch das klappen wird."

Im Ländervergleich allerdings weit hinten ist Brandenburg bei der Finanzierung seiner Hochschulen. Ein Umstand, den die Hochschulrektoren regelmäßig kritisieren.

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