
Wohnraum kontra Freiraum - Volksbegehren für Erhalt des Tempelhofer Feldes gestartet
Noch ist auf dem Tempelhofer Feld in Berlin genug Platz, um überdimensionale Drachen steigen zu lassen, wie beim Festival der Riesendrachen am Samstag. Zeitgleich hat die Bürgerinitiative "100 % Tempelhofer Feld" ihr Volksbegehren zum Erhalt des Geländes des früheren Flughafens gestartet. Es soll die Baupläne des Senats für das Areal noch stoppen. 1.700 Wohnungen sollen dort entstehen.
Mit dem öffentlichen Auslegen der Unterschriftenlisten hat die Bürgerinitiative am Samstag die zweite Stufe des Volksbegehrens gegen eine Bebauung des Tempelhofer Feldes gestartet. Innerhalb der vorgegebenen Frist von vier Monaten müssen mindestens 174.000 gültige Unterschriften von Wahlberechtigten in Berlin zusammenkommen. Die Initiative selbst hat sich das Ziel gesetzt, bis Januar 280.000 Unterschriften zu sammeln, um die Freihaltung des Felds durchzusetzen – wenn nötig, eben über einen Volksentscheid, die dritte Stufe eines Volksbegehrens.
1.700 Wohnungen auf dem Tempelhofer Feld
Berlins Bausenator Michael Müller (SPD) hatte am Donnerstag seine Pläne für die Bebauung am Tempelhof Feld vorgestellt. Bis zu 1.700 Wohnungen umfasst das Projekt, die Hälfte soll für maximal acht Euro pro Quadratmeter vermietet werden.
Anfang 2016 rücken nach Müllers Zeitplan die Bagger am Tempelhofer Feld an. Unterschrieben wurde dazu eine entsprechende Absichtserklärung mit drei Wohnungsunternehmen. Am Tempelhofer Damm werden demnach "moderne, urbane Wohnquartiere gebaut, die im Einklang stehen mit der übergeordneten Entwicklung Berlins stehen", so Müller. 50 Prozent der Wohnungen sollen für mittlere und untere Einkommensgruppen bereitstehen, das heißt zu "Nettokaltmieten von sechs bis acht Euro Quadratmeter". Bauen werden die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften Stadt und Land, degewo und die Baugenossenschaft Ideal.
"Bezahlbare Wohnungen für die Berliner"
Die grüne Fläche im Zentrum des Feldes bleibt laut Müller von den Plänen unberührt. "Wir haben immer klar formuliert: Die Ränder des Tempelhofer Feldes sollen für neuen und bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung stehen, während die grüne Freifläche im Zentrum bleibt." Zudem werde nicht das vielzitierte "Luxussegment" bedient, sondern es entstünden bezahlbare Wohnungen für die Berlinerinnen und Berliner.

Bürgerinitiative zweifelt an Zusagen
Der Vorsitzende der Bürgerinitiative, Felix Herzog, glaubt allerdings nicht, dass ein Großteil der Wohnungen nur maximal acht Euro pro m² kosten werden. Er befürchtet weiterhin den Bau von vielen Luxuswohnungen. rbb online sagte Herzog: "Weiterhin haben wir das Ziel, das Feld als umweltbedeutsamen zusammenhängenden Raum vor jeglicher Bebauung und Privatisierung dauerhaft zu schützen."
Der Bürgerinitiative reicht außerdem Müllers Zusage, die Bebauung beschränke sich nur auf den Rand des Feldes, nicht aus. Auch eine Randbebauung würde schon viele andere Aktivitäten auf dem Feld sehr weit in die Mitte drängen. Kritisch sieht die Initiative beispielsweise auch die Pläne für ein 30.000 Quadratmeter großes Wasserbecken, das bereits im Oktober angelegt werden soll und als Teil der künftigen Parklandschaft auf dem Tempelhofer Feld gedacht ist.
Grüne: Berliner vor falsche Alternative gestellt
Im Streit um das Tempelhofer Feld meldeten sich auch die Berliner Grünen-Vorsitzenden Bettina Jarasch und Daniel Wesener zu Wort. Ihrer Ansicht nach stellen der rot-schwarze Senat und die Initiative die Berliner vor die falsche Alternative. Setze sich der Senat durch, drohe eine überdimensionierte Bebauung mit Luxuswohnungen. Setze sich das Volksbegehren durch, rücke die Lösung der Berliner Wohnungskrise in noch weitere Ferne.
Weder die Betonpolitik des Senats noch die ewige Käseglocke seien mit moderner Stadtplanung vereinbar, so die Grünen-Politiker weiter. Die Partei plädiere für ein zweijähriges Moratorium und echte Bürgerbeteiligung bei der Entwicklung des Feldes.

Berlin braucht neue Wohnungen
Das Hauptargument des Bausenators dagegen bleibt der angespannte Wohnungsmarkt in Berlin. Neue Wohnungen sind dringend nötig, denn Berlins Bevölkerung soll bis 2030 um rund 250.000 Menschen - quasi einen ganzen Stadtteil - wachsen. Jedes Jahr braucht Berlin laut Müller 10.000 neue Wohnungen. Weitere Wohnungen sind deshalb später auch östlich des Tempelhofer Feldes, an der Oderstraße, geplant.
Entlang des stark befahrenen Tempelhofer Damms und der Stadtautobahn sollen außerdem lärmunempfindliche Nutzungen mit Büros und Dienstleistungen sowie Technologie- und Forschungseinrichtungen entstehen. Die zentrale öffentliche Investition ist der Bau der Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) mit etwa 50.000 m² Grundfläche im Südwesten des Areals, in direkter Nähe zum S- und U-Bahnhof Tempelhof. Mit ersten Baumaßnahmen wird ab dem Jahr 2016 gerechnet.
Ausgleich über 230 Hektar Grünfläche
Die mit der zukünftigen Bebauung verbundenen Eingriffe in Natur und Landschaft müssen nach dem Bundesnaturschutzgesetz ausgeglichen werden. Dieser Ausgleich soll zu einem großen Teil direkt auf dem Tempelhofer Feld durchgeführt. Die zentrale Freifläche soll nach Senatsangaben unbebaut rund 230 Hektar groß bleiben.
Der Flugbetrieb am innerstädtischen Airport Tempelhof ist seit 2008 eingestellt. Das Areal hat sich seitdem zum beliebten Freizeitgebiet entwickelt.




