Alexander Wassermann (li.), Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Dessau auf dem Jüdischen Friedhof im Gespräch mit Autor Jo Goll. (Bild: rbb, Anna-Katharina Schulz)

Antisemitismus in Deutschland - "Ich würde niemals mit Kippa auf die Straße gehen"

"Es gibt inzwischen No-Go-Areas für Juden", sagt der Berliner Rabbiner Daniel Alter in der rbb-Koproduktion Antisemitismus heute - wie judenfeindlich ist Deutschland? über seine Stadt. Fast genau 75 Jahre liegt die Pogromnacht vom 9. November 1938 zurück. Doch wie sieht es heute mit der Judenfeindlichkeit aus? Mit dieser Frage hat sich der rbb-Journalist Jo Goll zusammen mit zwei Kollegen auf eine filmische Reise durch Deutschland begeben. Im Gespräch mit rbb online erzählt er, welche überraschenden und erschreckenden Erfahrungen sie dabei gemacht haben.

Herr Goll, wie judenfeindlich ist Deutschland?

Kirsten Esch, Ahmad Mansour und ich sind für die Recherchen und Dreharbeiten quer durch Deutschland gezogen. Aus unserer Sicht ist der Befund erschreckend: Antisemitismus ist in der deutschen Gesellschaft tief verankert.

Wo haben Sie sich umgeschaut?

Einmal natürlich bei den Rechtsextremisten. Dass die antisemitisch sind, hat uns nicht überrascht. Aber das Ausmaß ist doch erschreckend. Das macht sich beispielsweise in der rechtsextremen Musik bemerkbar. Dort wird Antisemitismus brutal transportiert, mit Texten, die unglaublich sind, in denen sich ein tiefer Hass gegen Juden ausdrückt. Wir haben auch erfahren, dass es bei muslimischen Jugendlichen tief verwurzelte Vorurteile gibt, die in den Familien teilweise vorgelebt werden. Da wird wirklich am Abendbrottisch mit ganz alten Klischees über Juden gesprochen: Juden haben lange Nasen, Juden töten Kinder, Juden essen Kinderfleisch. Solche Dinge haben uns arabisch- und türkischstämmige Jugendliche erzählt, die in Duisburg bei dem Projekt "Heroes" mitmachen, das sich offen gegen Antisemitismus wendet.

In Berlin leben etwa 300.000 Muslime und 12.000 Juden. Ist das Konfliktpotenzial hier besonders hoch?

Ich glaube, dass Berlin eine Art Brennpunkt ist. Zum einen ist da eine sehr rege jüdische Gemeinde, zum anderen haben wir in manchen Bezirken einen hohen muslimisch geprägten Anteil an Migranten. Von ihnen holen einige den Nahost-Konflikt, von dem sie natürlich auch betroffen sind, mit nach Deutschland. Gleichzeitig bricht sich eine tief verwurzelte Judenfeindlichkeit Bahn.

Wie beim Fall des Rabbiners Daniel Alter, der im letzten Jahr bundesweit für Aufsehen sorgte!

Richtig. Daniel Alter ist von fünfzehn- und sechzehnjährigen Jungs auf der Straße angegriffen worden. Die haben ihn schwer verprügelt und seine kleine Tochter rassistisch und antisemitisch beleidigt. Man fragt sich: Wo kommt das her? Denn mit dem Palästinakonflikt hat das eigentlich nichts zu tun. Da brechen ganz alte Vorurteile auf. Der Rabbi betont im Interview allerdings auch, dass es über Wochen hinweg Solidaritätsbekundungen für ihn gab. Das ist die andere Seite. Aber wir haben auch erfahren, dass es in Berlin Bezirke gibt, wo Menschen ihr Jüdisch-Sein nicht zeigen wollen und können, beispielsweise in Teilen von Neukölln oder Wedding. Weil es einfach gefährlich ist. Und nicht nur dort. In unserem Film erklärt der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Dessau: Ich würde niemals mit der Kippa auf die Straße gehen, das ist zu gefährlich.

Der Journalist Jo Goll (Quelle: wdr.de)
Der Journalist Jo Goll

Antisemitische Vorurteile sind selbst in der bürgerlichen Mitte stark verbreitet. Warum?

Der Antisemitismus aus der Mitte und von Links ist wahrscheinlich die schwierigste Form. Da muss man unterscheiden: Was ist noch berechtigte Kritik an der Politik des Staates Israel, und wo wird politische Kritik verbrämt mit antisemitischen Vorurteilen. Da werden dann alte Stereotype aufgegriffen: Juden haben Geld und nutzen ihre wirtschaftliche Macht hemmungslos aus. Wir haben zum Beispiel eine Linguistik-Professorin gesprochen, die über Jahre hinweg Briefe auswertete, die an Juden geschickt wurden. Dabei hat es uns am meisten überrascht, dass hochgebildete Menschen, Doktoren, Professoren, eindeutig antisemitische Mails schreiben.

Nur ein verschwindend geringer Teil, ganze 0,2 Prozent der deutschen Bevölkerung, sind Juden. Warum sind negative Stereotypen und Klischees dennoch so gegenwärtig in unserer Gesellschaft?

Rational ist das nicht zu erklären. Das sind Dinge, die ganz tief im Unterbewusstsein schlummern und manchmal aufbrechen. Uns hat eine jüdische Rechtsanwältin im Film erzählt, dass sie sich von ihren nicht-jüdischen Freunden komplett distanziert hat. Weil sie von ihrem Bekanntenkreis, also von Bankern, Rechtsanwälten, Juristen und Medizinern, Sprüche hören muss wie: Wenn ihr so weitermacht, mit den Banken, dem Geld und der Politik des Staates Israel, dann werdet ihr noch sehen, was auf euch zukommt. Ich kann gut verstehen, dass jemand dann sagt: Die Freundschaft ist für mich an diesem Punkt beendet. Wir haben Leute erlebt, die tief gekränkt sind. Sie sagen: Ich ertrage es nicht mehr.

Müsste die Politik stärker gegen Antisemitismus vorgehen?

Unser Film beginnt in einem Fußballstadion bei einem Regionalligaspiel, wo Dutzende Fans laut "Judenschweine" brüllen. Eigentlich hätte der Schiedsrichter das Spiel abbrechen müssen. Denn der DFB hat klar geregelt, dass Rassismus im Stadion sofort zu ächten ist. Der Verein, dessen Fans rassistische Äußerungen gemacht haben, müsste von den Statuten her bestraft werden. Aber mir ist nicht bekannt, dass in Deutschland jemals ein Spiel wegen Rassismus abgebrochen wurde. Die Schiedsrichter sagen dann immer. Ich hab’s nicht gehört. Das ist doch unglaublich. Es fehlt einfach der Wille zu sagen: Wir müssen ein Zeichen setzen. Auf der politischen Ebene ist es ähnlich: Auch da wird der Antisemitismus klein geredet. Wir sprechen über das Phänomen fast gar nicht, obwohl wir es dringend tun sollten. Da müsste auch aus der Politik ein deutliches Zeichen kommen.

Das Gespräch führte Ula Brunner.

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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