Vorwiegend ältere Menschen prägen das Stadtbild (Bild: DPA)
Video: Beate Tyron, Brandenburg Aktuell | 02.10.2013

Report der Volkssolidarität - Ältere Ostdeutsche blicken pessimistisch in die Zukunft

Rund die Hälfte der älteren Ostdeutschen sind besorgt um ihre Versorgungslage im Alter. Das ist das Ergebnis einer Umfrage der Volkssolidarität. Viele Ältere sehen sich wenig gewappnet gegen Arbeitslosigkeit und Pflegebedürftigkeit. Einer der Hauptgründe: Gebrochene Erwerbsbiografien nach der Wiedervereinigung. Ein Studienautor spricht von einer "Verlierergeneration". Jüngere Ostdeutsche sind dagegen deutlich optimistischer.

Ältere Ostdeutsche sorgen sich immer stärker um ihre finanzielle Situation. Aus dem am Dienstag veröffentlichten Sozialreport der Volkssolidarität geht hervor, dass 61 Prozent der 50- bis 64-Jährigen in den ostdeutschen Bundesländern unzufrieden mit ihren Zukunftsaussichten sind.

Laut der Studie fühlt sich inzwischen die Hälfte der älteren Ostdeutschen für das Alter oder für den Fall von Arbeitslosigkeit und Pflegebedürftigkeit nicht abgesichert. Eine deutliche Mehrheit rechnet mit weiteren Verschlechterungen hinsichtlich der finanziellen Situation, des eigenen Wohlstands und der Kaufkraft im Alter. Rund ein Viertel der Menschen ab 55 Jahren hat Angst davor, dass die Rentenzeit einen sozialen Abstieg bedeutet. Fast jeder Zehnte wünscht sich die DDR zurück.

Volkssolidarität (dpa-Archivbild)
Das Logo der Volkssolidarität

Zum zwölften Mal seit 1990 hat die Volkssolidarität im "Sozialbericht 50+" das Befinden der Älteren in Ostdeutschland untersucht. Dafür hat das Sozialwissenschaftliche Forschungszentrum Berlin-Brandenburg in diesem Jahr 1.256 Menschen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR befragt, 350 gehörten der Altersgruppe 50 bis 65 Jahre an. Vergleichswerte für andere Bundesländer wurden nicht vorgelegt.

Studienautor: "Verlierergeneration"

Der Mitautor der Studie, Thomas Hanf, betonte, diese Menschen hätten als damals 25- bis 40-Jährige am aktivsten am politischen Umbruch teilgenommen. Gekennzeichnet sei diese Generation durch "Karrierestau" in der DDR. Die Wiedervereinigung habe Hoffnung auf neue Perspektiven gegeben, die dann aber enttäuscht worden sei. So sei diese Gruppe auf dem Arbeitsmarkt am meisten benachteiligt gewesen.

Gebrochene Erwerbsbiografien wirkten sich nun auf die finanzielle Situation im Alter aus. Hanf sagte, die Tragik dieser Generation zeige sich im diesjährigen Altersbericht so deutlich wie nie zuvor. Nach seinen Worten müssen man von einer "Verlierergeneration" sprechen.

Tatsächlich bewerten laut der Studie nur wenige der Älteren ihre Entwicklung seit 1990 als Aufstieg. Ein Drittel der 50- bis 64-Jährigen zieht gar eine negative Bilanz der zurückliegenden 23 Jahre. Demnach misstrauen sie auch den Versprechungen aus der Politik, dass bis 2019 die Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost und West erreicht werde.

Dietmar Bartsch, Die Linke (Quelle: dpa)
Dietmar Bartsch, Vize-Fraktionschef der Linken im Bundestag

Anteil Älterer unter den Arbeitslosen steigt weiter

Auch Dietmar Bartsch (Die Linke), Vize-Fraktionschef im Bundestag, übte anlässlich der Studien-Veröffentlichung Kritik: "Die 50- bis 64-Jährigen im Osten werden mehr und mehr zu den Verlierern der Einheit. Sie sind die Opfer einer Politik, die das Ziel der Angleichung der Lebensverhältnisse längst aufgegeben hat und dauerhafte Arbeitslosigkeit und Altersarmut sehenden Auges in Kauf nimmt."

Bartsch fordert, das Amt des Ost-Beauftragten im Kanzleramt anzusiedeln und im Parlament einen Ausschuss für die Deutsche Einheit einzurichten.

Zufriedenheit insgesamt etwas gestiegen

Laut dem Sozialreport drückt sich bei den Ängsten der Rentner die Tatsache aus, dass der Anteil Älterer unter den Arbeitslosen weiter steigt. Lag er 2007 bei 28 Prozent, sind heute 35 Prozent der Menschen ab 50 Jahren arbeitslos.

Jüngere Menschen in Ostdeutschland sind zufriedener als die Älteren: Während von Letzteren nur 47 Prozent zufrieden mit ihrer Gesamtsituation sind, liegt der Wert bei der Betrachtung aller Altersgruppen in Ostdeutschland bei 57 Prozent. Mit der wirtschaftlichen Situation sind nur 33 Prozent der Älteren zufrieden (alle Altersgruppen: 43 Prozent).

Insgesamt gesehen stieg die Zufriedenheit im Vergleich zu früheren Jahren etwas an. Nur zwölf Prozent der Befragten äußerten sich ausdrücklich als unzufrieden. Dabei geht es weniger um Bereiche wie Wohnung, Partnerschaft oder Freizeitgestaltung, sondern um Gerechtigkeit, soziale Sicherheit und Demokratie.

Ob jemand mehr mit Befürchtungen oder Hoffnungen in die Zukunft blickt, ist der Umfrage zufolge stark mit der beruflichen Position verknüpft - so sieht nur jeder zehnte Arbeitslose Grund zu Optimismus, aber fast jeder vierte Hochschulabsolvent. Insgesamt blicken in Ostdeutschland etwas mehr Menschen mit Befürchtungen in die Zukunft als mit Hoffnungen.

Bundespräsident Joachim Gauck bei seinem Besuch in Israel und den palästinensischen Gebieten (Bild: DPA)
Das Vertrauen der Ostdeutschen in den Bundespräsidenten ist groß.

Nur jeder dritte Ostdeutsche fühlt sich als "richtiger Bundesbürger"

Als "richtiger Bundesbürger" fühlt sich laut der Studie inzwischen etwa jeder dritte Ostdeutsche - wobei jüngere eher integriert sind als ältere. Der Wert stieg in den vergangenen Jahren stetig an. Die Mehrheit sieht die Wiedervereinigung als Gewinn.

Stärker als die Identifikation mit der Bundesrepublik ist allerdings die mit dem Bundesland oder mit Ostdeutschland. So fühlten sich 60 Prozent der Befragten mit ihrem Land verbunden, 69 Prozent sogar mit dem Begriff "neue Bundesländer".

Unter den politischen Institutionen ist das Vertrauen in den Bundespräsidenten mit 41 Prozent am größten. Auf Bundes- oder Landesregierung würde sich nur etwa jeder Fünfte verlassen.

41 Prozent der Befragten ordneten sich der Mittelschicht zu, 35 Prozent der Arbeiterschicht und 10 Prozent der Unterschicht.

Präsident der Volkssolidarität fordert mehr Prävention gegen Altersarmut

Der Präsident der Volkssolidarität, Gunnar Winkler, forderte die Politik auf, mehr Beschäftigungsmöglichkeiten für Ältere zu schaffen und damit gegen Altersarmut vorzubeugen. Der Verband, der die Interessen der Ostdeutschen vertritt, drängt zudem auf eine schnelle Angleichung in Ost und West bei Mindestlöhnen und Rentenniveau.

Die Renten im Osten betragen im Schnitt 91 Prozent der Westrenten. Wann eine Angleichung erfolgt sein muss, ist Streitpunkt in der Politik. Winkler sagte, eine Angleichung, die noch einmal 20 Jahre dauert, sei nicht hinnehmbar. Er verlangte, sie müssen bis zum Ende der gerade beginnenden Legislaturperiode erfolgen.

Verdienst in Ostdeutschland noch immer 17 Prozent niedriger als im Westen

Eine ebenfalls am Dienstag vorgestellte Untersuchung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zeigt, dass die Verdienste im Osten auch mehr als zwanzig Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung noch erheblich niedriger sind als die im Westen: Während die Tariflöhne in Ostdeutschland inzwischen fast Westniveau erreicht haben, liegen die effektiven Bruttoverdienste noch immer um 17 Prozent unter denen in Westdeutschland.

Der WSI-Tarifexperte Reinhard Bispinck machte vor allem die deutlich geringere Tarifbindung in Ostdeutschland für die Diskrepanz verantwortlich. Immer weniger Unternehmen orientierten sich in den neuen Ländern an Tarifverträgen.

Laut WSI haben die tariflichen Grundvergütungen in den neuen Bundesländern 20212 rund 97 Prozent des Westniveaus erreicht. Unterschiede gebe es vor allem noch bei den tariflichen Arbeitszeiten und bei Sonderzahlungen wie dem Weihnachtsgeld. Der Einkommensrückstand bei ostdeutschen Beschäftigten, die nicht nach Tarif bezahlt würden, sei dagegen deutlich größer.