Frauen mit Kopftuch laufen in Berlin-Neukölln über die Karl-Marx-Straße (Quelle: dpa)

Mehr als 1.000 Menschen befragt - Viele Deutsch-Türken klagen über Alltagsrassismus

Beschimpfungen, abgelehnte Bewerbungen, sogar körperliche Gewalt - solchen Alltagsrassismus erleben viele türkischstämmige Migranten in Deutschland. Das hat eine Studie im Auftrag des rbb ergeben. Die Autoren machen aber zugleich auch einen "deutlich positiven Trend" aus.

Von Beschimpfungen über die Ablehnung bei Bewerbungen bis hin zu körperlicher Gewalt: Diskriminierung gehört zur Alltagserfahrung vieler türkischstämmiger Migranten in Deutschland. Das ist das Ergebnis einer neuen repräsentativen Umfrage des Instituts INFO GmbH im Auftrag von Radioeins vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb).

Von den 1.011 Befragten über 15 Jahren gab fast jeder Vierte (23 Prozent) an, in der Öffentlichkeit wegen seines Aussehens bereits beschimpft worden zu sein. 19 Prozent glauben, wegen ihres türkischen Namens oder Aussehens keinen Arbeits- oder Ausbildungsplatz bekommen zu haben.

Beunruhigend ist die Zahl derer, die Gewalterfahrungen gemacht haben: Jeder zehnte Befragte berichtete in den Telefoninterviews, wegen seiner "türkischen Abstammung" bereits körperlich angegriffen worden zu sein - bei den 15- bis 29-Jährigen waren es sogar doppelt so viele.

Positive Entwicklung

Dennoch machen die Autoren der Studie auch einen "deutlich positiven Trend" aus: Im Vergleich zu den Vorjahren haben die Diskriminierungserfahrungen spürbar abgenommen.

Für Holger Liljeberg, Geschäftsführer der INFO GmbH, eine Folge des NSU-Skandals: "Vielen Menschen ist bewusst geworden, wohin Rassismus führen kann." Es gebe eine zunehmende gesellschaftliche Ächtung bei diesem Thema.

Deutsch-Türken erleben Alltagsrassismus

Integrationswillen wird bestraft

Besorgniserregend ist für Liljeberg allerdings, dass mit den Jüngeren und Gebildeten vor allem diejenigen Diskriminierung erfahren, die sich integrieren und ein aktiver Teil der Gesellschaft sein wollen. So gaben 35 Prozent der 15- bis 29-Jährigen an, allein wegen ihrer Religionszugehörigkeit in der Öffentlichkeit bereits beschimpft worden zu sein - bei den über 50-Jährigen waren es nur knapp über 10 Prozent.

Und während nur gut 10 Prozent der Befragten ohne bzw. mit einem niedrigen Schulabschluss sagten, sie seien wegen ihres türkischen Namens bei einer Bewerbung abgelehnt worden, waren es bei den Befragten mit einem hohen Schulabschluss 30 Prozent. "Wer sich aktiv in diese Gesellschaft einbringen will, macht häufiger die Erfahrung, ausgegrenzt zu werden", so Liljeberg gegenüber radioeins. "Ein gefährliches Signal."

Türkische Gemeinde fordert parlamentarischen Ausschuss

In einer ersten Reaktion auf die Ergebnisse der Umfrage appellierte der Vize-Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Hilmi Kayar Turan, an Politik und Medien, das Problem der Diskriminierung anzuerkennen. Deutschland habe sich hier bislang schwer getan, sagte er am Montag dem rbb. Turan verlangte, einen parlamentarischen Ausschuss zu gründen. Dort müsse man über die Ursachen von Rassismus sowie über Schulungen von staatlichen Bediensteten sprechen und versuchen, das Phänomen so zu bekämpfen, dass es keine Chancen mehr in der deutschen Gesellschaft habe. Seine Landsleute forderte Turan auf, sich dennoch weiter um Integration zu bemühen.  

Anzahl der Befragten, die Diskriminierungen erlebt haben (Auswahl)

- Beschimpfungen in der Öffentlichkeit durch Deutsche wegen meines türkischen Aussehens: 23 Prozent (2012: 42 Prozent)

- Beschimpfungen wegen der Religionszugehörigkeit: 21 Prozent (15- bis 29-Jährige: 35 Prozent)

- Ablehnung einer Bewerbung um einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz wegen meines türkischen Namens oder Aussehens: jeweils 19 Prozent (Befragte mit hohem Schulabschluss: 30 Prozent)

- Körperliche Angriffe wegen meiner türkischen Abstammung: 10 Prozent (15- bis 29-Jährige: 20 Prozent)