
Ehemaliger Erzieher im Gespräch - "Ich hoffe, der Kampf hat sich gelohnt"
Er hat als Erzieher in einem Heim der Haasenburg GmbH gearbeitet, doch er will anonym bleiben. Bereits 2010 hat er sich gemeinsam mit anderen Kollegen an das Landesjugendamt gewendet, um Missstände aufzudecken. Als er sich an der Gründung eines Betriebsrats beteiligte, wurde er entlassen. Nun wurde er von der Untersuchungskommission befragt und sprach mit dem rbb über seine Erfahrungen.
Wie ist das, wenn man auf Leute aus der Untersuchungskommission trifft, die Jahre später versuchen, das Unrecht aufzuarbeiten?
Ich kann persönlich nur sagen, dass die Leute, die ich von der Kommission kennengelernt habe, mir sehr sympathisch gewesen sind. Sie haben sich sehr offen für die ganze Problematik interessiert. Und sie haben sehr gezielte Fragen gestellt.
Sind Sie überrascht, dass der Bericht so schnell fertig geworden ist?
Ja. Ich habe gedacht, dass sich die Kommission bis Jahresende Zeit nimmt. Weil gerade aufgrund der großen Anzahl der Kinder und Jugendlichen sehr viel Material gesichtet werden musste.
Sie haben sich, was die Aufarbeitung der Vorfälle in der Hasenburg betrifft, sehr engagiert. Wie es Ihnen heute geht?
Ich habe Höhen und Tiefen miterlebt in der ganzen Zeit und ich hoffe, dass sich dieser Kampf gelohnt hat.

Was erhoffen Sie sich als Konsequenz?
Ich hoffe, dass die Betriebserlaubnis der Haasenburg entzogen wird. Ich bin mir ganz sicher, dass viele Kollegen, die seit Jahren für die Kinder und Jugendlichen gekämpft haben, darüber sehr glücklich wären.
Sie haben noch Kontakt zu ehemaligen Heiminsassen – wie reflektieren die heute diese Aufarbeitung?
Die sind sehr glücklich, weil jetzt endlich auch in der Öffentlichkeitsarbeit mal nachgewiesen wurde, dass die, die dort den Mut hatten, den Mund aufzumachen, keine Lügner sind, sondern die Wahrheit gesagt haben.
Wenn es um die Frage geht: 'Wohin mit Kindern, die kriminell sind, mit denen man nicht anders fertig wird?', herrscht die landläufige Meinung: 'Man braucht so eine Art Haasenburg' – braucht man das wirklich?
Ich denke, man hat sich in den letzten Monaten sehr viele Gedanken gemacht über alternative Möglichkeiten und ich denke, dass das, was momentan in Brandenburg und auch deutschlandweit diskutiert wird, sehr gute Alternativen sind. Die einfach den Jugendlichen eine andere Perspektive bieten und andere Möglichkeiten, um mit diesen negativen Erfahrungen, die sie mal gesammelt haben und teilweise auch noch sammeln, im Leben zurechtzukommen.

Was sind das für Perspektiven?
Dass sie aufgefangen werden, dass sie pädagogisch anhand von vernünftigen Konzepten betreut und begleitet werden. Und nicht mit rigiden Maßnahmen in Form einer sogenannten Verhaltenslöschung in irgendwelche Deckelpositionen katapultiert werden, wo sie irgendwann später mal – ohne Kontrolle – eskalieren, so, wie ich das bei einigen Jugendlichen erleben musste. Die teilweise nach der Haasenburg Gefängnisstrafen antreten mussten. Wenn ich immer wieder lese und höre, dass eine 50-prozentige Erfolgsquote da sein soll, gerade, was die Kinder in der Haasenburg betrifft, da frage ich mich schon: Wer hat denn die 50 Prozent errechnet?
Wo liegt denn der Kardinalfehler? Dass im Prinzip so eine Einrichtung privatwirtschaftlich betrieben wird?
Ich möchte nicht sagen, dass es, nur weil es eine GmbH ist, als Fehler zu betrachten ist. Es geht darum, dass dieses veraltete Konzept, diese pädagogische Herangehensweise, der sogenannten Brechung von Kindern und Jugendlichen und ihres Verhaltens, einfach keine Zukunftsperspektive bietet.
Das Konzept ist also, den Willen zu brechen? Zeichen setzen? Können Sie das mal beschreiben?
Dieses Konzept ist einfach alt und nicht mehr zeitgemäß. Ich habe damals mitbekommen, dass dieses Konzept zusammengestellt wurde aus mehreren so genannten Artikeln aus dem Internet, und daraus wurde dann irgendein Fundament als Konzept geformt. Mitarbeiter haben auch immer wieder versucht, Dinge zum Positiven zu verändern. Das wurde immer diskutiert, aber immer wieder nach hinten katapultiert und letzten Endes nicht zugelassen, wenn dort neue Ideen eingeworfen wurden, die dem Kindeswohl entsprachen.

Sie haben bereits in unserem ersten Gespräch gesagt, die Kinder hätten bei diesen körperlichen Begrenzungen vor Schmerzen geweint. Das war also auch Teil des Konzeptes?
Das war Teil des Konzeptes. Und deswegen sage ich auch ganz klar, es wurde uns seitens der Geschäftsführung vorgeführt, in Situationen so genannte Antiagressionsmaßnahmen und Verhaltensunterbrechung anzuwenden, also, wie wir mit den Kindern und Jugendlichen zu verfahren haben. Um dort die entsprechenden Verhaltensänderungen hervorzurufen.
Welche Rechte hatten die Kinder und Jugendlichen?
Eigentlich keine. Heute lese ist, dass in jedem Zimmer wohl ein frankierter Brief für eine Beschwerdekommission war. Es gab damals schon den so genannten Kummerkasten. Die Kinder konnten sich dort beschweren – in dem Kasten wurden aber alle anderen Gegenstände gefunden, nur keine Beschwerdebriefe. Das hätte damals auch keinen interessiert. Und wenn die Kinder sich irgendwo beschwert haben, dann wurden sie auch innerhalb der Haasenburg als Lügner hingestellt.
Es gab damals auch Proteste von den Eltern oder den Erziehungsberechtigten. Die sind auch nicht gehört worden?
Ja, heute stellt sich heraus, dass es doch einige Eltern gab, Verfahrenspfleger und Rechtsbeistände, die sich an die entsprechenden Ämter gewandt haben – unter anderem an das Landesjugendamt in Brandenburg. Und die zuständigen Personen haben immer wieder nichts getan.

Das Landesjugendamt spielt für Sie eine ganz negative Rolle?
Das Landesjugendamt ist jemand gewesen, wo man großes Vertrauen hatte. Viele Mitarbeiter hatten damals Vertrauen, das aber bitter enttäuscht wurde.
Inwiefern?
Wir haben damals persönlich Missstände mitgeteilt. Daraufhin kam Bewegung ins Haus, es waren mehr Leute von der Geschäftsführung zu sehen in diesen Zeiten. Aber letztendlich wurde alles so gedeckelt, dass die Mitarbeiter, die sich an die vorderste Front gewagt hatten, immer nur negative Erlebnisse hatten - bis hin zur Kündigung.
Haben Sie denn heute Vertrauen in die Behörden?
In das Landesjugendamt definitiv nicht mehr.
In das Ministerium?
Das Ministerium wusste damals ja auch teilweise, dass es Missstände in der Haasenburg gab. Denn die haben sich damals auch schon geäußert und gesagt, dass es in der Haasenburg wohl Mitarbeiter gibt, die sehr couragiert gegen bestimmte Dinge vorgehen. Die wurden sogar vom Bildungsministerium für die Zeit 2010 gelobt.
Wenn man die Staatsanwaltschaft hört: Gab es tatsächlich Misshandlungen, gab es Demütigungen? Ist das der Hauptfokus?
Das ist der Hauptfokus, und ich gehe davon aus, dass in diesem Bericht auch diese Sachen stehen werden, was physische und psychische Gewalt in der Haasenburg bei Kindern und Jugendlichen betraf. Wenn Kinder mit Antiaggressionsmaßnahmen konfrontiert werden, die bis zu Verletzungen führen, dann ist das einfach des Letzte, was es gibt auf Gottes Erden. Und wenn dann das Ministerium nicht begreift, dass dort Handlungsbedarf besteht und diese Leute wirklich zur Verantwortung gezogen werden, dann frage ich mich: Wo bleibt denn das Recht eines Einzelnen heutzutage?
Das Interview führte Sabine Tzitschke
