Eine Jugendliche sitzt alleine auf einer Treppe (Quelle: dpa)

Nach Entscheidung Haasenburg-Heime zu schließen - Münch: Geschlossene Unterbringung als "Ultima Ratio"

Die Misshandlungsvorwürfe gegen die umstrittenen Kinder- und Jugendheime der Haasenburg haben eine Debatte über die geschlossene Unterbringung von Jugendlichen entfacht. Brandenburgs Bildungsministerin Martina Münch hält freiheitsentziehende Maßnahmen in Einzelfällen für gerechtfertigt. Gleichzeitig mahnt sie eine klarere rechtliche Regelung für die Unterbringung in Heimen an.

Die geplante Schließung der Haasenburg-Heime hat eine Diskussion über die geschlossene Unterbringung von Jugendlichen angestoßen. Im rbb erklärte Brandenburgs Jugendministerin Martina Münch (SPD), dass freiheitsentziehende Maßnahmen aus ihrer Sicht das Mittel der Wahl sein könnten - allerdings nur in Einzelfällen. "Ich teile die Auffassung, dass wir für Kinder als Ultima Ratio so etwas anbieten müssen wie ein Festhalten, um überhaupt Beziehungsarbeit zu ermöglichen", so die Ministerin.

In den drei umstrittenen Heimen der Haasenburg GmbH in Brandenburg waren ihren Angaben zufolge 50 Plätze für die Unterbringung von Jugendlichen mit freiheitsentziehenden Maßnahmen vorgesehen. Dies bedeutet, dass die Jugendlichen nicht die Möglichkeit haben, sich frei zu bewegen. So müssen sie auf dem Zimmer essen und ihre Hausaufgaben machen. Der Kontakt zu anderen Jugendlichen besteht nicht oder nur sehr eingeschränkt.

Eine von der Ministerin eingesetzte Untersuchungskommission hatte berichtet, dass diese Maßnahmen in den umstrittenen Heimen allerdings ungewöhnlich lang eingesetzt wurden. "Bei einigen Jugendlichen hat sich diese Phase bis zu einem Jahr und sogar noch länger hingezogen", so Kommissionsmitglied Hans Hansen.

Kinder wurden als potentielle Gefahr betrachtet

Münch kritisierte vor allem den bestrafenden Charakter des Freiheitsentzugs."Es soll auf keinen Fall eine Bestrafung sein, sondern es soll ein Angebot sein, Beziehungen aufzunehmen", so die Ministerin. Diese Maßnahmen machten nur Sinn, wenn sie relativ kurz seien und gleichzeitig kontinuierlich das Angebot gemacht werde, mit einer Bezugsperson Kontakt aufzubauen.

Die Ministerin begründete die geplante Schließung der Heime abermals damit, dass die Einrichtungen nicht reformierbar seien. Münch kritisierte, "dass hier mit einem sehr rigiden Menschenbild gearbeitet wird und dass nicht auf positive Ressourcen der Kinder und Jugendlichen eingegangen wird."

Daran habe sich auch trotz zahlreicher Auflagen nichts geändert, so Münch. "Die Kinder werden als potentielle Gefahr betrachtet und im Grunde als jemand, den man zu reglementieren und zu maßregeln hat."

Das Jugendministerium bereitet derzeit die Schließung der Einrichtungen in Jessern (Dahme-Spreewald), Neuendorf (Dahme-Spreewald) und in Müncheberg (Märkisch-Oderland) vor und will dem Heimbetreiber, der Haasenburg GmbH, die Betriebsgenehmigung entziehen.

Derzeit sind allerdings noch Jugendliche in den Heimen untergebracht. Die zuständigen Jugendämter müssten nun eine Möglichkeit finden, um die Jugendlichen anderweitig unterzubringen, so Münch. Das könne eine Weile dauern. Die Haasenburg GmbH will sich juristisch gegen die Schließung ihrer Heime wehren.

Jugendliche klagten über menschenunwürdige Behandlung

Im Kontext der Diskussion um Haasenburg sei zudem deutlich geworden, so Münch, dass es an vergleichbaren gesetzlichen Regularien fehle, wie es sie in der Psychiatrie und im Justizvollzug gebe. Zum Beispiel müsse geprüft werden, ob nicht auch bei den Jugendheimen eine unabhängige Besuchskommission einzurichten sei, die die Heime unangekündigt besuchen kann. Auch fehle es an einem Beschwerdemanagment, das es den Jugendlichen ermögliche, im Falle von Missständen um Hilfe zu bitten.

Bei den Misshandlungsvorwürfen gegen die Haasenburg-Heime war auch immer wieder die Rede von sogenannten Fixierliegen gewesen. Als Mitglied der Untersuchungskommission erklärte der Sozialpädagoge Hansen allerdings, dass sich dieser Vorwurf nicht mit Beweisen unterlegen habe lassen. Allerdings sei es immer wieder zu sogenannten Begrenzungsmaßnahmen oder Fixierungen gekommen, womit das Festhalten durch einen oder mehrere Personen gemeint ist. Auch dies sei von den Jugendlichen als "menschenunwürdig" wahrgenommen worden, so Hansen. Münch betonte: "Es kann nicht sein, das Fixierungen überhaupt zu pädagogischen Zwecken eingesetzt werden."

Die aktuelle Diskussion böte die Möglichkeit, die Jugendhilfe stärker ins Bewusstsein der Gesellschaft zu rücken, so Münch. "Das sind oft sehr traurige und sehr deprimierende Schicksale." Viele Kinder hätten nie eine verlässliche Beziehung erfahren. Trotzdem habe die Gesellschaft die Aufgabe, diesen Jugendlichen eine positive Erfahrung zu ermöglichen, auch wenn es um den Preis sei, die Freiheit für eine gewisse Zeit einzuschränken.

Untersuchungskommission kritisierte auch das Ministerium

Die Untersuchungskommission hatte auch zahlreiche Mängel bei der Aufsicht über die Haasenburg-Heime kritsiert. Die meisten Maßnahmen der Kontrollbehörde seien wirkungslos geblieben, kritisieren die Experten. Es hätte früher und konsequenter gehandelt werden können, so die Kritik an die örtlichen Jugendämter, das Landesjugendamt - und das Ministerium.

Münch kündigte daraufhin weitere interne Untersuchungen an. Die Heimaufsicht werde neu aufgestellt. Derzeit sind drei Mitarbeiter für die Aufsicht über 400 Heime zuständig, dieses Personal werde gegebenenfalls aufgestockt.

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