75. Jahrestag der Reichspogromnacht - Das Kaufhaus Lamm im Prenzlauer Berg
Felix Neumann war Chef des Kaufhauses Lamm an der Danziger Straße Ecke Schönhauser Allee. Vergeblich wehrte sich der Jude gegen den Druck der Nazis. Sein Geschäft wurde "arisiert" und die Spur Neumanns verliert sich. In dem Haus an einer der bekanntesten Kreuzungen im Prenzlauer Berg wird heute wie damals Kleidung verkauft. Von André Tonn
Es ist laut an der Kreuzung Danziger Straße/Schönhauser Allee: Hier fährt die U-Bahn auf ihrer Hochbahntrasse und hier kreuzen sich die Schienen mehrerer Straßenbahnlinien. Auto- und Fahrradfahrer passieren die lebhafte Ecke. Viele Geschäfte locken die Kunden zum Einkaufen. Unübersehbar ist das markante orangefarbene Eckhaus an der Kreuzung. Wer vom U-Bahnhof kommt und die Straße überquert, steuert unwillkürlich auf die Meldestelle zu, ein Textilgeschäft mit trendigen Klamotten. Kaum einer der Kunden heute kennt allerdings die Historie dieses Geschäfts.
Einst befand sich genau hier – auch auf zwei Etagen - das Kaufhaus Lamm. Das war eines der großen Warenhäuser im Norden Berlins. Vor 80 Jahren gehörte es dem Unternehmer Felix Neumann, 40 Angestellte waren hier damals beschäftigt.
![Aufruf zum Boykott jüdischer Geschäfte, 1. April 1933 [Foto: dpa] Aufruf zum Boykott jüdischer Geschäfte, 1. April 1933 [Foto: dpa]](/politik/beitrag/2013/11/Pogrom-Juden-in-Berlin/_jcr_content/articlesContList/picture_2/image.img.jpg/rendition=original/size=320x180.jpg)
"Deutsche, kauft nicht bei Juden!"
Als 1933 die Nazis an die Macht kamen, boykottierten und terrorisierten sie den Kaufmann. Denn Felix Neumann war Jude. Für die Kunden, die heute, 80 Jahre danach, hier in der Meldestelle Jacken, Hosen, Pullis und Hemden einkaufen, ist so etwas schier unvorstellbar. "Menschen sind Menschen", sagen einige. Allerdings nicht für die Nazis. Für sie waren Andersdenkende und vor allem Juden erklärte Gegner. Einen ersten gezielten Angriff auf jüdische Geschäfte organisierten die Nationalsozialisten am 1. April 1933. Überall klebte die Parole: "Deutsche, wehrt euch, kauft nicht bei Juden!" Kunden jüdischer Geschäfte werden genötigt, hier nicht mehr einzukaufen.
Auch das ist ein Teil der Geschichte des Prenzlauer Bergs.
Die Erinnerung daran bewahren will Andreas Karsdorf, der Besitzer der "Meldestelle". Den Namen trägt der Laden, weil sich zu DDR-Zeiten in der zweiten Etage des Geschäfts eine Meldestelle der Volkspolizei befand. An das Kaufhaus Lamm erinnert ein plakatgroßes Foto unmittelbar am Kassentresen. Das ist oft Anlass für Gespräche mit seinen Kunden, erzählt Karsdorf: "Die Mitarbeiter kennen die Geschichte, dass hier immer schon Textilien am Standort waren. Und das kommt sehr, sehr gut an. Gerade durch die Größe, und weil es etwas Besonderes ist, solch ein altes Foto in der Größe an so einer repräsentativen Stelle zu zeigen."
Manches über die Geschichte des Kaufhauses Lamm weiß auch Gudrun Weber. Sie wohnt seit vielen Jahren direkt über dem Textilgeschäft. Sie erzählt, dass Felix Neumann jedes Jahr zu Weihnachten die Kinder aus dem Kiez einlud: "Zu Weihnachten wurde immer im Keller eine Weihnachtsausstellung gemacht mit Krippen. Und die Kinder der Umgebung haben sich immer schon darauf gefreut. Da sind dann die Kinder immer mit großen Augen runter."
Projekt "Wegmarken"
Erforscht hat die Geschichte von Felix Neumann und dem Kaufhaus Lamm in Prenzlauer Berg das Projekt "Wegmarken" von rbb Inforadio und Studierenden der Historischen Wissenschaften der Berliner Humboldt-Universität. Sie recherchierten in Berliner Archiven nach Briefen und persönliche Dokumenten, um die Geschichten von Berliner Juden in den 30er Jahren aufzuspüren.
Es ging darum herauszufinden, wie diese Menschen die Verfolgung in der NS-Zeit erlebten und welche Entbehrungen und Qualen sie erleiden mussten. Neben Dokumenten fanden die Autoren auch Angehörige und Nachkommen, die einige Zeugnisse ihrer Familiengeschichte teils noch gar nicht kannten.
Auf der Website des Online-Projekts sind die einzelnen Geschichten auf einer Stadtkarte markiert. Alle erzählen anhand von Original-Dokumenten, Bildern und Audio-Zitaten bewegende Geschichten von Verfolgung, Verzweiflung und enttäuschter Hoffnung im Berlin der 30er und 40er Jahre.
Eine Ecke mit Sturmlokalen der SA
So wie die des Kaufhauses Lamm und seines Besitzers.
Die Ecke Danziger am Kaufhaus Lamm war ab 1933 auch ein Ort, an dem die Nazis aufmarschierten. Nur wenige Häuserblocks entfernt befand sich eines der berüchtigten Sturmlokale der SA. Für den jüdischen Geschäftsinhaber Felix Neumann war das eine permanent gefährliche Situation, sagt Christoph Kreutzmüller. Der Geschichtswissenschaftler der Gedenk- und Bildungsstätte "Haus der Wannsee-Konferenz" erforscht die Geschichte der Verdrängung der Juden aus Berlin. "Da kommen diese betrunkenen SA-Leute um die Ecke. Das ist ja doppelt aufgeladen. Einmal ist es ein jüdisches Unternehmen und es ist ein Warenhaus. Und gegen beides richtet sich das Programm der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei." Eine Bedrohung auch für Felix Neumann, sagt Kreutzmüller.
SA bringt sich in Stellung
Bis 1933 war der Prenzlauer Berg eine Hochburg von SPD, KPD und USPD. Doch mit dem Machtantritt der Nazis nimmt der Druck auf jegliche politische Gegner zu. Sie werden verhaftet und eingesperrt und in Gefängnisse und Konzentrationslager verschleppt.
Ob sich die Nachbarn von Felix Neumann an den Ausschreitungen der SA gegen das Kaufhaus Lamm beteiligt haben, ist nicht belegt.
Damals wie heute ist die Ecke direkt an der Kreuzung und dem Hochbahnviadukt einer der belebtesten Orte im Norden Berlins. Dennoch gibt es wenige Zeitdokumente, die die Geschichte widerspiegeln. Bilder aus dieser Zeit hat Bernt Roder, Leiter des Museums Berlin-Pankow. Darauf bauen sich SA-Leute in einer Drohkulisse vor dem Kaufhaus auf. Zu sehen sind aber auch von Menschen, denen es sichtlich unangenehm ist, Teil dieser Kulisse zu sein.

Der Kaufhaus-Besitzer wehrt sich
Wer heute hier im Geschäft trendige Klamotten kauft, muss in der Regel nicht aufs Geld schauen. Anders vor 80 Jahren. Die Kunden von Felix Neumann konnten häufig nur ins Kaufhaus Lamm kommen, weil sie Berechtigungsscheine hatten. Die gab das Wohlfahrtsministerium an bedürftige Berliner aus. Mit der Machtübertragung an die Nazis verboten diese dem jüdischen Geschäftsinhaber allerdings Waren gegen Bezugsscheine abzugeben. Das aber nahm Felix Neumann nicht widerspruchslos hin. Da die Repressionen immer mehr zunahmen, setzte sich Felix Neumann im Januar 1934 in seinem Büro an die Schreibmaschine und verfasste ein Schreiben an das Wohlfahrtsministerium. Er protestierte damit gegen die Beschränkungen: "Ein großer Teil der treuen Kundschaft meines Unternehmens ist Empfänger von Bedarfsdeckungsscheinen und auf Wohlfahrtsunterstützung angewiesen. (...) Ich erlaube mir, darauf hinzuweisen, im Alter von 18 Jahren habe ich mich sofort bei Kriegsbeginn freiwillig zur Fronttruppe gemeldet... Es widerstrebt mir, mich meiner Verdienste um das deutsche Vaterland rühmen zu wollen, da ich darin lediglich die Erfüllung meiner vaterländischen Pflichten erblicke", schreibt der Besitzer des Kaufhauses Lamm.
Ein mutiger Schritt, sagt Geschichtswissenschaftler Christoph Kreutzmüller: "Lange Zeit haben wir gedacht, die Nazis kommen, sie sahen, sie siegten. Und dann waren die Juden in Deutschland halt verschwunden. Wenn man mal genauer hinter die einfachen Beschreibungen schaut, merkt man, dass natürlich die jüdischen Berliner aufrecht standen und gekämpft haben."

Schicksal von Felix Neumann ungewiss
Bis 1937 hat Felix Neumann den Repressionen der Nazis widerstehen können. Dann kam für ihn das geschäftliche Aus. Er musste an nichtjüdische Geschäftsleute verkaufen. Sein Unternehmen wurde "arisiert", wie es in der Nazi-Terminologie zynisch hieß.
Was aus Felix Neumann geworden ist, ob er Deutschland verlassen konnte, das ist nicht bekannt. Hier verliert sich die Spur des Berliner Juden. Allerdings - der Name des Kaufmanns Felix Neumann findet sich nicht auf den Deportationslisten ins Konzentrationslager.


![Hetzmarsch gegen Juden [Foto: dpa] Hetzmarsch gegen Juden [Foto: dpa]](/politik/beitrag/2013/11/75-jahre-pogromnacht-projekt-wegmarken-juden-in-berlin/_jcr_content/image.img.jpg/rendition=original/size=320x180.jpg)


