Die Jugendamt-Mitarbeiterin Anne Standvoß - Foto: rbb Inforadio/Sandra Stalinski

Überlastete Jugendämter - Wenn Sozialarbeiter verzweifeln ...

Berlins Jugendämter sind völlig überlastet. Bis zu sechs Monate kann es dauern, bis ein Antrag einer hilfesuchenden Familie bewilligt wird. Denn die Sozialarbeiter in den Behörden haben viel zu viele Familien gleichzeitig zu betreuen. Und das hat Folgen. Von Sandra Stalinski

Anne Standvoß ist Sozialarbeiterin im Jugendamt Neukölln. Zu ihr kommen Eltern, deren Kinder Lernschwierigkeiten haben; Eltern, die sich trennen und um ihre Kinder streiten, oder solche, die mit der Erziehung einfach nicht mehr klar kommen. Das sind noch die einfacheren Fälle. Schwieriger wird es, wenn Lehrer, Kita-Erzieher oder Nachbarn sich melden, die sich um ein Kind sorgen, das verwahrlost wirkt oder geschlagen wird.

Dann muss Anne Standvoß alles stehen und liegen lassen und die Familie aufsuchen. Sie muss sich ein Bild machen, ob das Kind gefährdet sein könnte oder nicht. Das ist das schwierigste an ihrer Arbeit. "Wir bewegen uns da oft in einem Graubereich. Liegt eine Kindswohlgefährdung erst dann vor, wenn ein Kind geschlagen wird? Oder auch dann, wenn Eltern sich gegenseitig schlagen und das Kind jeden Tag viel Streit und Gewalt in der Familie mitbekommt?“

Mädchen kauert vor einem Bett
Ist das Kindswohl gefährdet, wenn die Eltern sich häufig streiten? Je weniger Zeit Sozialarbeiter haben, desto schlechter können sie das beurteilen.

Senat lehnt Fallobergrenzen bislang ab

Um solche schwierigen Entscheidungen zu treffen, bräuchte Anne Standvoß Zeit. Mehrere Hausbesuche, Gespräche mit Eltern, Kindern und Erziehern, Besprechungen mit Fachkollegen. Doch Zeit hat Anne Standvoß nicht. Auf ihrem Schreibtisch liegen Dutzende Akten von Kindern, denen sie schnell helfen soll.

Zwischen 80 und 100 Familien hat ein Sozialarbeiter nach Schätzungen von Experten in Berlin im Schnitt zu betreuen. In Marzahn-Hellersdorf sind es laut Jugendstadträtin Juliane Witt bis zu 130. Das heißt in machen Fällen: mehrere Krisengespräche pro Woche, Besuche in der Schule und zu Hause, Teambesprechungen und schriftliche Stellungnahmen. Eine Fallobergrenze pro Sozialarbeiter gibt es nicht – obwohl Personalräte, Jugendamtsleiter und Stadträte die schon seit Jahren fordern.

Hinzu kommt: Nach Einschätzung vieler Sozialarbeiter nehmen die schwierigen Fälle zu. Anne Standvoß aus Neukölln erklärt sich das mit der steigenden Armut. Außerdem hat sie es immer öfter mit Alleinerziehenden und psychisch kranken Eltern zu tun.

Jeder zehnte Sozialarbeiter ist dauerhaft krank

Hohe Arbeitsbelastung und immer schwierigere Fälle führen dazu, dass manche Sozialarbeiter unter dieser Last beinahe zusammenbrechen, sagt die Personalratsvorsitzende von Tempelhof-Schöneberg, Andrea Kühnemann. In ihrem Büro sitzen oft völlig verzweifelte Sozialarbeiter, die nicht mehr können. Burn Out und Depressionen sind häufig die Folge. In einem Team von etwa zehn Sozialarbeitern sei im Schnitt einer für längere Zeit erkrankt, berichten Stadträte und Amtsleiter.

Die Sozialarbeiter können nur noch Feuerwehr spielen. Kinder und Jugendliche, die weniger bedrohliche Probleme haben, bleiben auf der Strecke. "Wenn aber die Mutter, die mit ihrem pubertierenden Sohn nicht fertig wird, keine Hilfe bekommt, dann ist die Gefahr, dass diese Probleme sich verschärfen“, sagt Ulrike Urban-Stahl, Professorin für Sozialpädagogik von der Freien Universität Berlin. Oft dauert es mehrere Monate, bis eine Hilfe, die das Jugendamt bewilligen muss, bei einer Familie ankommt.

Jugendämter sollen noch mehr sparen

Das Problem ist bekannt - und zwar in ganz Berlin: Schon vor einem Jahr warnten die Amtsleiter von zehn Bezirken in einem Brandbrief davor, dass die Situation in den Jugendämtern "ein unkalkulierbares Risiko" darstelle und "für den Kinderschutz verheerende Folgen" haben werde. Das heißt im Klartext: Im schlimmsten Fall könnte ein Kind zu Tode kommen, weil die Sozialarbeiter in den Jugendämtern überlastet sind. Beispielsweise, wenn ein Sozialarbeiter bei einer Kinderschutzmeldung aus Zeitmangel nicht sofort in eine Familie fährt, sondern erstmal versucht, sich telefonisch ein Bild von der Lage zu machen.

Und der Zustand wird sich noch verschlimmern. Weil die Landesregierung Personalkosten sparen will, müssen die Bezirke bis 2016 noch hunderte Stellen abbauen - auch in den Jugendämtern. Weil viele unter solchen Bedingungen nicht mehr arbeiten wollen oder können, droht zudem die Gefahr, dass die Jugendämter bald keine Mitarbeiter mehr finden. Laut Ulrike Urban-Stahl bewerben sich viele Mitarbeiter aus den Jugendämtern weg. Obwohl gerade hier, gut ausgebildetes, erfahrenes und motiviertes Personal dringend gebraucht wird.

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