
Gedenken an die Opfer der Novemberpogrome - "Brutalität aus der Mitte der Gesellschaft heraus"
Mit einem Gedenkweg durch Berlin wurde am Samstag der Opfer der Novemberpogrome vor 75 Jahren gedacht. Bischof Markus Dröge erinnerte dabei daran, dass judenfeindliche Ausschreitungen kein Randphänomen gewesen seien. Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit hatte zuvor dazu aufgerufen, sich gegen Ausgrenzung zu engagieren. Bundespräsident Gauck würdigte bei Veranstaltungen in Brandenburg die Opfer der Gewalt rund um den 9. November 1938.
Berlin und Brandenburg waren am Samstag das Zentrum der bundesweiten Gedenken zum 75. Jahrestag der Novemberpogrome und deren Opfer.
In Frankfurt (Oder) hat Bundespräsident Joachim Gauck am Abend in einer Rede vor einem Gedenkkonzert des Brandenburgischen Staatsorchesters die Zivilgesellschaft aufgefordert, es nicht beim Gedenken allein bewenden zu lassen. Die Erinnerung an Opfer und Täter sei wichtig - es komme aber auch darauf an, in der Gegenwart gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus aufzustehen und aktiv zu werden. "Wir müssen heute da hinschauen, wo es erforderlich ist." Das gelte für Institutionen wie für alle Bürger, sagte er mit Verweis auf die Morde des NSU.
Zuvor hatte Ministerpräsident Dietmar Woidke in Gaucks Beisein eine Ausstellung der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem (Israel) eröffnet. Sie zeigt, wie Juden von muslimischen Albanern gerettet wurden. Woidke sagte: "Diese Menschen haben mitmenschlich gehandelt und sich nicht von einer Ideologie blenden lassen." Sie seien Vorbilder, an denen man sich orientieren könne.
Der Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, erinnerte daran, wie "schnell und reibungslos" eine Gesellschaft in die Barbarei abgleiten könne. Die Verfolgung der Juden habe - lange vor den Konzentrationslagern - vor der Haustür ihrer Mitbürger begonnen. Die Mahnung "Wehret den Anfängen" sei nach wie vor aktuell.
Gauck: "Wir wollen ein Land sein, das offen ist."
Am Nachmittag hatte Bundespräsident Joachim Gauck in Eberwalde (Barnim) der Opfer der NS-Verfolgung gedacht. Auf dem Platz der einstigen Synagoge in Eberswalde wurde der Gedenkort "Wachsen mit Erinnerung" übergeben. Auf den Grundriss des Gotteshauses haben Bürger Bäume gepflanzt. Gauck legte an dem Ort einen Kranz nieder und mahnte einen stärkeren Zusammenhalt der Gesellschaft an. Menschen dürften nicht in wertvolle und weniger wertvolle Menschen eingeteilt werden, sagte Gauck. "Wir wollen ein Land sein, das offen ist." Gauck betonte außerdem, die Zukunft könne nur gemeinsam gestaltet werden. Das sei besonders wichtig, wenn es darum gehe, sich jenen entgegenzustellen, die Werte und Verfassung in Frage stellten.
Gauck wurde vom Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, begleitet. Anschließend wurde in Eberswalde die Ausstellung "Modernes Jüdisches Leben" im Paul-Wunderlich-Haus eröffnet.
Der Pogromnacht wurde in Brandenburg unter anderem auch in Potsdam, Schwedt, Prenzlau und Brandenburg an der Havel gedacht. In Cottbus wird der Gedenktag erst am Sonntag begangen.
Bereits am Freitag hatte Gauck die stillen Helden im Widerstand gegen die Nazi-Diktatur gewürdigt: "Auch in schlechten Zeiten hat man immer die Wahl, das Richtige zu tun und seinem Gewissen zu folgen." In Berlin besuchte Gauck das Museum "Blindenwerkstatt Otto Weidt". Der Bürstenfabrikant beschäftigte im Zweiten Weltkrieg Juden und versuchte, sie vor der Deportation zu retten.
Schweigemarsch mit Wowereit und Bischöfen in Berlin
In Berlin gingen der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sowie der evangelische Landesbischof Markus Dröge und der Berliner katholische Erzbischof Rainer Maria Woelki am Nachmittag bei einem Schweigemarsch zum Gelände der Synagoge an der Oranienburger Straße in Mitte. Das Gebäude war am 9. November 1938 von den Nationalsozialisten in Brand gesetzt worden.
Wowereit und die Bischöfe erinnerten in ihrem Grußworten an die NS-Opfer und warnten sowohl vor Antisemitismus als auch Rassismus. Landesbischof Markus Dröge sagte, die judenfeindlichen Ausschreitungen seien kein Randphänomen gewesen. Die damalige "Brutalität aus der Mitte der Gesellschaft heraus ist unfassbar", so Dröge. Zugleich äußerte er die Hoffung, "dass jüdisches Leben sich weiter lebendig in Deutschland ausbreitet." Ein positives Zeichen dafür sei, dass an diesem Gedenkwochenende gleich zwei Rabbiner-Konferenzen in der Bundeshauptstadt stattfinden und damit mehr als 600 jüdische Geistliche aus der ganzen Welt in Berlin versammeln.
Rainer Maria Kardinal Woelki verwies darauf, dass der Gedenkweg am Samstagabend am Standort einer zerstörten Synagoge in Berlin endete. Zur gleichen Zeit ging der jüdische Feiertag Schabbat zu Ende. "Dass es wieder Menschen gibt, die diesen ältesten Feiertag der Geschichte in Berlin mit Freude feiern, ist uns ein Zeichen der Hoffnung in dem Dunkel dieses Tages", sagte Woelki.
Klaus Wowereit hatte bereits zuvor anlässlich des Gedenkens zu mehr Engagement gegen Ausgrenzung aufgerufen. Jeder könne morgen zu einer Minderheit gehören, weil eine andere Gruppe das beschließe, sagte Wowereit dem rbb. Eine offene, liberale Gesellschaft zu gestalten, sei keine institutionelle Aufgabe. Toleranz könne man nicht verordnen – sie müsse gelebt werden. Wichtig sei es, nicht wegzuschauen, sondern sich einzumischen.
Günther Jauch und Max Raabe putzen Stolpersteine
In mehreren Berliner Stadtteilen waren die Bürger zu Kiezspaziergängen eingeladen, bei denen "Stolpersteine" geputzt wurden. Prominente wie der Moderator Günther Jauch und Sänger Max Raabe beteiligten sich ebenso an der Aktion wie Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz, die Zeitzeugin Margot Friedländer und der Liedermacher Klaus Hoffmann.
Die Steine erinnern mittlerweile vor vielen Häusern in Berlin an jüdische Mitbürger, die dort wohnten und während der NS-Herrschaft deportiert und ermordet wurden. Immer wieder schänden Unbekannte die Gedenkplatten und beschmieren sie mit Farbe.
"Ein ganz wunderbares Projekt" sagte Jauch über die kleinen Gedenktafeln. "Egal wer da vorbeikommt, egal wann man da vorbeikommt, die sind immer da, und künden immer vom jüdischen Leben in Deutschland und künden von dem großen Verbrechen, das damals verübt wurde." Berlins Kulturstaatssekretär Andre Schmitz sagte, die "Stolpersteine" erinnerten an Einzelschicksale und zeigten dabei auch das Ausmaß der Verfolgung.
Berliner Kaufhäuser erinnern an Zerstörung
Rund 100 Geschäfte allein in Berlin erinnern an diesem Wochenende an die Zerstörung jüdischer Geschäfte vor 75 Jahren. Auch Kaufhäuser wie das KaDeWe und der Kaufhof am Alexanderplatz haben Folien mit Scherbenmotiven auf ihre Fenster geklebt.
Gewaltexzess gegen die jüdische Bevölkerung
Damals, in den Tagen um den 9. November 1938, schlugen in Nazideutschland Diskriminierung, systematische Ausgrenzung und Schikanierung der jüdischen Bürger in offene Gewalt um.
Als Anlass diente dem NS-Regime der Tod des deutschen Botschaftssekretärs in Paris: Ernst vom Rath wurde am 7. November von dem 17-jährigen Juden Herschel Grynszpan niedergeschossen. Am 9. November erlag vom Rath seinen Verletzungen.

Die darauf folgenden Gewaltaktionen gegen jüdische Einrichtungen sollten wie eine spontane Aktion des Volkszorns aussehen, wurden aber von oben verordnet und durchgeführt. Es waren vor allem SA-Männer in Uniform, die die jüdischen Gotteshäuser in Brand steckten. Keine Feuerwehr löschte die Brände. Die SA-Leute drangen auch in Kneipen ein und verprügelten jüdische Gäste. Viele von ihnen wurden verschleppt.
In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 zerstörten Nationalsozialisten einen Großteil der mehr als 1.200 Synagogen und jüdischen Gebetshäuser in Deutschland. Außerdem verwüsteten und plünderten sie tausende andere jüdische Einrichtungen und Geschäfte. Bei der Terrorwelle wurden nach Einschätzung von Historikern mehr als 1.300 Menschen getötet und mehr als 30.000 Juden in Konzentrationslager verschleppt. Die deutsche Bevölkerung sah größtenteils tatenlos zu. Die Pogromnacht gilt als Auftakt zur systematischen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung.
Nachama: Mit der Erinnerung ist viel Schindluder getrieben worden
Nach Meinung des Leiter des Dokumentationszentrums "Topographie des Terrors", Andreas Nachama, ist nach dem Krieg zum Teil auf geschmacklose Weise mit ehemaligen jüdischen Einrichtungen umgegangen worden. So seien beispielsweise Synagogen, die in der Pogromnacht geschändet wurden, als Geräte- oder Spritzenhäuser umgebaut worden, sagte Nachama dem rbb. Erst in den 80er Jahren habe ein Umdenken eingesetzt, und die Gebäude seien der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden.
Bis heute gebe es aber eine gewisse Unsicherheit, wie eine angemessene Erinnerung aussehen könnte.
















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