Rabbiner Yitshak Ehrenberg spricht am 8. November 2013 bei der Kranzniederlegung anlässlich des 75. Jahrestages der Pogromnacht in Berlin.(Bild:dpa)

Rabbiner Ehrenberg im Interview - "Diese Demokratie ist stärker als alle Antisemiten"

Zum ersten Mal seit dem Holocaust findet die Europäische Konferenz der Rabbiner in Deutschland statt. Yitshak Ehrenberg, der Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und Vorsitzenden der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschlands über Traditionen, den Friedhof in Weißensee und das wiedererstarkte jüdische Leben in Deutschland.

Herr Ehrenberg, was bedeutet es Ihnen, dass die Europäische Konferenz der Rabbiner in Deutschland stattfindet - zum ersten Mal seit dem Holocaust?

Yitshak Ehrenberg: Diese Konferenz zeigt, dass das jüdische Volk lebt, trotz allem hat der Versuch der Nazis, es damals zu vernichten keinen Erfolg gehabt. Auch in Deutschland, auch in Berlin gibt es heute schönes jüdisches Leben.

Dennoch - eine Studie der EU vom vergangenen Freitag erschreckt: Drei Viertel der Befragten erleben demnach einen Anstieg des Antisemitismus' in Deutschland. Wie erleben Sie dieses Problem?

Wir Juden leben leider seit 2000 Jahren mit dem Wissen, dass nicht alle uns lieben. Eines aber ist klar: Wir wissen die heutige Politik Deutschlands zu schätzen. Die Regierung steht klar auf Seiten des Staates Israel, es wird viel für die in Deutschland lebenden Juden getan - auch gegen das Vergessen. Das gilt besonders in diesem Jahr, Klaus Wowereit und andere Politiker haben unsere jüdische Gemeinde in Berlin besucht um zu zeigen, dass alles getan wird, um Antisemitismus zu vertreiben. Wir leben heute in einer Demokratie und diese Demokratie ist stärker als alle Antisemiten.

Woran glauben Sie, liegt es aber, dass der Antisemitismus in Deutschland wieder wächst?

Es ist sehr schwer, das zu sagen. Natürlich liegt es an einer langen Tradition des Antisemitismus', aber auch an der menschlichen Natur gegenüber Fremden. Juden sind anders als andere, aber sie haben alles versucht, um zu zeigen: Wir sind Deutsche. Manche haben dafür sogar auf ihre Religion verzichtet, sie sind Christen geworden, viele haben vergessen, dass sie Juden sind - sie haben sich assimiliert.

Einmal im Jahr bin ich auf dem Friedhof in Weißensee. Dort gibt es tausende Gräber jüdischer Soldaten, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben geopfert haben für Deutschland. Auf den Grabsteinen steht geschrieben: "Wir sind bis zum Tod bereit, für Deutschland zu kämpfen". Leider sind Juden immer dem Ort treu, an dem sie leben. Ich habe eines in meiner Gemeinde betont: Wir sollen Respekt vor unserer Religion haben, nicht verzichten auf unsere Traditionen. Dann werden wir auch von der ganzen Welt respektiert werden.

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