Gedenken an die Pogromnacht vom 9. zum 10. November - Europäische Rabbiner tagen erstmals seit dem Holocaust in Berlin
Anlässlich des 75. Jahrestags der Novemberpogrome von 1938 hat am Sonntag in Berlin die Europäischen Rabbinerkonferenz begonnen. Sie findet erstmals seit dem Holocaust wieder in Deutschland statt. Bereits am Samstag wurde in Berlin und Brandenburg an die Pogromnacht vor 75 Jahren erinnert.
Rund 200 europäische Rabbiner sind an diesem Sonntag für drei Tage zu einer Konferenz in Berlin zusammengekommen. Sie wollen sich dabei unter anderem mit dem Schutz der Rechte von jüdischen Frauen beschäftigen, deren Ehemänner eine religiöse Scheidung verweigern, sowie mit dem Zustand der Seelsorge.
"Mit der Konferenz am 75. Jahrestag der Pogromnacht wollen wir ein Signal der Erinnerung an die Shoa und ein Zeichen für die Wiedergeburt des jüdischen Lebens in Deutschland setzen", sagte Pinchas Goldschmidt, Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz.
Die Konferenz tagt erstmals seit dem Holocaust wieder in Deutschland. Das Treffen der orthodoxen europäischen Rabbiner wird von den beiden israelischen Oberrabbinern Jitzchak Josef und David Lau eröffnet. Bis Dienstag wollen die Geistlichen im Berliner Holiday Inn Hotel City West diskutieren. Angekündigt sind 50 Referenten aus der ganzen Welt.
Einer der Höhepunkte war am Sonntag das Gedenken an die Pogromnacht 1938 im wiedererweckten Rabbinerseminar in der Berliner Brunnenstraße. Wegen des jüdischen Sabbats wurde das Gedenken auf den Sonntag verlegt. Daran nahmen unter anderen der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, und der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder, teil.
Eine weitere Gedenkveranstaltung fand in Berlin-Steglitz statt. Die frühere Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Lala Süsskind, hielt am Nachmittag eine Ansprache an der Spiegelwand auf dem Hermann-Ehlers-Platz, die an die Verwüstung einer nahegelegenen Synagoge in der Pogromnacht am 9. November 1938 erinnert. Anschließend folgte ein Schweigemarsch.
Auch die Stadt Cottbus hatte zu einer Gedenkfeier am früheren Ort ihrer Synagoge eingeladen. Bei der Veranstaltung war auch Bildungsministerin Martina Münch (SPD).
Rabbinerkonferenz ist ein "Vertrauensvorschuss" für Deutschland
Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hat anlässlich der Europäischen Rabbinerkonferenz die Entwicklung jüdischen Lebens in Deutschland als "Vertrauensvorschuss" in den deutschen Staat und die deutsche Gesellschaft bezeichnet. "Dass es nach der Schoah heute wieder lebendiges jüdisches Leben in Deutschland gibt, ist wunderbar", sagte Friedrich.

Daraus entstehe die Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass sich jüdisches Leben frei, sicher und gleichberechtigt entfalten könne. Das bedeutet aber auch, dass Antisemitismus in jeglicher Form konsequent bekämpft werden müsse. Friedrich erinnerte auch an das Leben von Juden vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland: "Doch alle ihre Verdienste als Wissenschaftler, Künstler oder Unternehmer konnten antisemitische Anfeindungen und Ausgrenzungen nicht verhindern", so Friedrich.
Gauck: "Wir wollen ein Land sein, das offen ist."
Am Samstag jährte sich die Pogromnacht zum 75. Mal. Berlin und Brandenburg waren Zentrum der bundesweiten Gedenken an die Novemberpogrome und deren Opfer. In Frankfurt (Oder) hat Bundespräsident Joachim Gauck am Samstagabend in seiner Rede vor einem Gedenkkonzert des Brandenburgischen Staatsorchesters die Zivilgesellschaft aufgefordert, es nicht beim Gedenken allein bewenden zu lassen. Die Erinnerung an Opfer und Täter sei wichtig - es komme aber auch darauf an, in der Gegenwart gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus aufzustehen und aktiv zu werden. "Wir müssen heute da hinschauen, wo es erforderlich ist." Das gelte für Institutionen wie für alle Bürger, sagte er mit Verweis auf die Morde des NSU.
Am Samstagnachmittag hatte Bundespräsident Joachim Gauck in Eberwalde (Barnim) der Opfer der NS-Verfolgung gedacht. Auf dem Platz der einstigen Synagoge in Eberswalde wurde der Gedenkort "Wachsen mit Erinnerung" übergeben. Auf den Grundriss des Gotteshauses haben Bürger Bäume gepflanzt. Gauck mahnte einen stärkeren Zusammenhalt der Gesellschaft an. Menschen dürften nicht in wertvolle und weniger wertvolle Menschen eingeteilt werden, sagte Gauck. "Wir wollen ein Land sein, das offen ist."
Gauck wurde vom Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, begleitet. Anschließend wurde in Eberswalde die Ausstellung "Modernes Jüdisches Leben" im Paul-Wunderlich-Haus eröffnet.
Der Pogromnacht wurde in Brandenburg unter anderem auch in Potsdam, Schwedt, Prenzlau und Brandenburg an der Havel gedacht. In Cottbus wird der Gedenktag erst am Sonntag begangen.
Schweigemarsch mit Wowereit und Bischöfen in Berlin
In Berlin gingen der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sowie der evangelische Landesbischof Markus Dröge und der Berliner katholische Erzbischof Rainer Maria Woelki am Samstagnachmittag bei einem Schweigemarsch zum Gelände der Synagoge an der Oranienburger Straße in Mitte. Das Gebäude war am 9. November 1938 von den Nationalsozialisten in Brand gesetzt worden.
Wowereit und die Bischöfe erinnerten an die NS-Opfer und warnten sowohl vor Antisemitismus als auch Rassismus. Landesbischof Markus Dröge sagte, die judenfeindlichen Ausschreitungen seien kein Randphänomen gewesen. Die damalige "Brutalität aus der Mitte der Gesellschaft heraus ist unfassbar", so Dröge. Zugleich äußerte er die Hoffung, "dass jüdisches Leben sich weiter lebendig in Deutschland ausbreitet."
Novum: Jüdische Theologie in Potsdam
Ein Zeichen für ein lebendiges jüdisches Leben in Deutschland ist das neu gegründete Institut für Jüdische Theologie an der Universität Potsdam. Erstmals werden hier seit diesem Wintersemester Rabbiner und Kantoren an einer deutschen Universität im Rahmen eines Theologiestudiums ausgebildet.
Insgesamt 47 Studierende hätten Mitte Oktober ihr Studium an der neuen "School of Jewish Theology" aufgenommen, sagte der Dekan der Philosophischen Fakultät, Johann Hafner. Für den 19. November ist dann eine feierliche Eröffnung des Instituts geplant.
Gewaltexzess gegen die jüdische Bevölkerung
Damals, in den Tagen um den 9. November 1938, schlugen in Nazideutschland Diskriminierung, systematische Ausgrenzung und Schikanierung der jüdischen Bürger in offene Gewalt um.
Als Anlass diente dem NS-Regime der Tod des deutschen Botschaftssekretärs in Paris: Ernst vom Rath wurde am 7. November von dem 17-jährigen Juden Herschel Grynszpan niedergeschossen. Am 9. November erlag vom Rath seinen Verletzungen.

Die darauf folgenden Gewaltaktionen gegen jüdische Einrichtungen sollten wie eine spontane Aktion des Volkszorns aussehen, wurden aber von oben verordnet und durchgeführt. Es waren vor allem SA-Männer in Uniform, die die jüdischen Gotteshäuser in Brand steckten. Keine Feuerwehr löschte die Brände. Die SA-Leute drangen auch in Kneipen ein und verprügelten jüdische Gäste. Viele von ihnen wurden verschleppt.
In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 zerstörten Nationalsozialisten einen Großteil der mehr als 1.200 Synagogen und jüdischen Gebetshäuser in Deutschland. Außerdem verwüsteten und plünderten sie tausende andere jüdische Einrichtungen und Geschäfte. Bei der Terrorwelle wurden nach Einschätzung von Historikern mehr als 1.300 Menschen getötet und mehr als 30.000 Juden in Konzentrationslager verschleppt. Die deutsche Bevölkerung sah größtenteils tatenlos zu. Die Pogromnacht gilt als Auftakt zur systematischen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung.
















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