
KVB: Ärzte werden vor Ort gebraucht - Zukunft des "Hauses der Gesundheit" bleibt offen
Eigentlich will der Klinikkonzern Sana das "Haus der Gesundheit" in Berlin-Mitte dicht machen, die Praxen sollen ins medizinisch schlechter versorgte Marzahn gehen - sehr zum Ärger ihrer Patienten. Auch Bezirksbügermeister Hanke kämpft für das Haus. Gesundheitssenator Mario Czaja stellte am Dienstag klar: Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.
Laut Berlins Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) ist noch nicht entschieden, ob die Arzt-Sitze aus dem "Haus der Gesundheit" in Mitte tatsächlich an das Unfallkrankenhaus nach Marzahn verlegt werden. Über den Antrag des derzeitigen Betreibers würden Vertreter von Ärzten und Krankenkassen im Frühjahr beraten, sagte Czaja am Dienstag im rbb.
Vorher werde die Gesundheitsverwaltung mit der Kassenärztlichen Vereinigung, dem Unfallkrankenhaus und Anwohnerinitiativen sprechen. Vor allem ältere Patienten befürchten eine schlechtere medizinische Versorgung, wenn die Praxen nach Marzahn verlegt werden. Czaja betonte, der Bezirk Mitte sei besser mit Haus- und Fachärzten versorgt als Marzahn-Hellersdorf. Bei der Entscheidung über eine Verlegung werde aber auch die konkrete Situation rund um die Karl-Marx-Allee eine Rolle spielen.
Der Bezirksbürgermeister von Mitte, Christian Hanke, hatte sich dafür ausgesprochen, das "Haus der Gesundheit" in Berlin-Mitte zu erhalten. Der SPD-Politiker sagte dem rbb am Dienstag, er habe sich bereits mit der Bitte an den Senat gewandt, dass die Poliklinik weitergeführt wird. Es sei nun am Gesundheitssenator, für eine entsprechende Regelung zu sorgen, so Hanke. Der Bezirksbürgermeister appellierte zudem an die AOK, der das Haus gehört. "Ich hoffe, dass die AOK dafür sorgt, dass in den Praxisräumen, die jetzt frei werden, sich neue Fachärzte ansiedeln, die für die regionale Versorgung dann auch vorhanden sind."
Zuvor hatte sich die Kassenärztliche Vereinigung (KVB) in den Streit um die Zukunft des Berliner "Hauses der Gesundheit" eingeschaltet. Das ergab eine Recherche des rbb. Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KVB, Uwe Kraffel, sieht demnach keine Chance, die Poliklinik im Bezirk Mitte, wie bisher geplant, zu schließen und die 20 Arzt-Sitze an das Unfallkrankenhaus nach Marzahn zu verlegen.
Ungleichgewicht in der Krankenhauslandschaft befürchtet
Dem rbb sagte KVB-Vize Kraffel, einige Fachgruppen im "Haus der Gesundheit" würden auch weiterhin dort dringend benötigt. Dazu zählten vor allem die Hausärzte. Schon jetzt konzentrierten sich im Unfallkrankenhaus in Marzahn alle Ärzte an einer Stelle. Wenn jetzt weitere Mediziner aus Mitte dorthin verlegt würden, werde dieses Ungleichgewicht noch verstärkt. Kraffel forderte daher, zumindest einen Teil der Ärzte im "Haus der Gesundheit" zu belassen.

Die Sana-Gesundheitszentren GmbH als Betreiber will das "Haus der Gesundheit" in der Karl-Marx-Allee aufgeben und die dort angesiedelten Praxen an das Unfallkrankenhaus Marzahn verkaufen. Dem Finanzinvestor Sana "gehören" die Arzt-Sitze, die Mediziner sind bei dem Unternehmen angestellt. Ihnen bliebe nichts anderes übrig, als umzuziehen.
Seit Monaten protestieren tausende Patienten dagegen. Vor allem die älteren unter ihnen fürchten, ohne die ärztliche Versorgung in der Nachbarschaft ihr selbständiges Leben zu verlieren.
Überversorgung im Bezirk Mitte?
Seit 1923 werden dort Menschen behandelt, mehr als 20 Ärzte und therapeutische Praxen arbeiten gemeinsam unter einem Dach. Rund 100.000 Menschen leben im direkten Einzugsgebiet, jeder Dritte ist weit über 60 Jahre alt. Jetzt eine weite und beschwerliche Reise nach Marzahn zum Arzt des Vertrauens antreten oder sich neue Ärzte suchen? Das würde vielen hier schwerfallen.
Das Problem: Zwischen Krankenkassen und Kassenärztlicher Vereinigung gibt es die Vereinbarung, nach der das Gefälle in der ärztlichen Versorgung zwischen den Berliner Bezirken schrittweise ausgeglichen werden soll. Mitte gilt - nach einer amtlichen Statistik - als "ärztlich überversorgt". Und in Marzahn würden dringend mehr Ärzte gebraucht; obwohl sich gerade am Unfallkrankenhaus zahlreiche Ärzte tummeln.
Ein Forscherteam der Berliner Beuth-Hochschule für Technik hat sich die Zahlen angeschaut. In ihrem Gutachten stellen die Wissenschaftler fest: Die Gegend rund um das Haus der Gesundheit ist mit Hausärzten keineswegs überversorgt; die Gegend rund um das Unfallkrankenhaus Marzahn dagegen schon. Vor allem Internisten gibt es dort schon jetzt zu viele, am Alexanderplatz fehlen sie dagegen.
"In einem Bezirk wie Marzahn, der in der Regel nicht so gut versorgt ist, konzentrieren sich jetzt alle Ärzte an einer Stelle - das gibt ein Ungleichgewicht. Und dieses Ungleichgewicht wird jetzt noch verstärkt. Und das muss man erst einmal als problematisch sehen", sagt der Vorstandsvize der Kassenärztlichen Vereinigung Kraffel.

Neun Gremienmitglieder sind nun gefragt
Jetzt ist der Zulassungsausschuss der Kassenärztlichen Vereinigung gefragt. In dem Gremium sitzen jeweils drei Kassen-, Patienten- und Ärztevertreter, sie beraten in den kommenden Wochen über den Ärzte-Umzug von Mitte nach Marzahn. Kraffel kann sich nicht vorstellen, dass einem Komplettumzug der Ärzte tatsächlich zugestimmt wird.
"Im Haus der Gesundheit gibt es einige Fachgruppen, die dringend vor Ort benötigt werden. Dazu gehören vor allem die Hausärzte. Es gibt andere Fachgruppen wie die Radiologen, die ja nicht so stark mit dem lokalen Patientenbereich verbunden sind und bei denen man sich einen Umzug nach Marzahn-Hellersdorf sehr viel besser vorstellen könnte."
Mit Informationen von Thomas Rautenberg

