Archivbild: Demontration gegen Rassismus in Berlin (Quelle: dpa)

23. Todestag - Angehörige und Freunde erinnern an Amadeu Antonio

Vor 23 Jahren starb der Angolaner Amadeu Antonio, nachdem er in Eberswalde von rechtsextremen Jugendlichen ins Koma geprügelt worden war. Seitdem wird an seinem Todestag an Opfer rechter Gewalt erinnert. Der Verein Opferperspektive hat eine Internetseite eingerichtet, die sich der Aufarbeitung rechter Gewalt widmet.

In Eberswalde (Barnim) am Freitag an den gewaltsamen Tod von Amadeu Antonio erinnert worden. Der 28-jährige Angolaner war am 6. Dezember 1990 gestorben, nachdem ihn rechtsextreme Jugendliche elf Tage zuvor in Eberswalde ins Koma geprügelt hatten.

Bürgermeister Friedhelm Boginski (FDP) sagte auf der Gedenkfeier, die Stadt habe sich inzwischen zu einer toleranten und weltoffenen Stadt entwickelt, "in der rechtes Gedankengut, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus nicht geduldet werden". Dennoch sei die Gefahr von Rechts nicht gebannt. "Gegen die Versuche, Stimmung gegen Asylbewerber und Flüchtlinge zu machen, setzen wir in Eberswalde ganz bewusst eine Willkommens- und Teilhabekultur. Das sind wir auch Amadeu Antonio schuldig."

Zuvor hatte die Amadeu Antonio Stiftung eine schnelle Aufklärung von Straftaten mit rechtsextremen Hintergrund gefordert. Die Todesopfer rechter Gewalt sollten endlich transparent und nachvollziehbar gezählt werden, teilte die Stiftung am Freitag in Berlin mit. Damit könnten die Angehörigen Gewissheit über das Mordmotiv erhalten.

Seit Jahren wird über die Zählweise der von Rechtsextremisten verübten Straftaten gestritten. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums sollen 746 Fälle einzeln überprüft werden.

Neue Webseite zu Rechtsextremismus-Opfern in Brandenburg

Zum 23. Todestag von Antonio hat der Verein Opferperspektive die Internetseite www.todesopfer-rechter-gewalt-in-brandenburg.de eingerichtet. Antonio sei das zweite von bisher mindestens 28 Todesopfern rechter Gewalt im Bundesland Brandenburg. Davon seien bisher nur neun offiziell als Opfer rechter Gewalt anerkannt, sagte Judith Porath vom Verein Opferperspektive dem rbb. Zivilgesellschaftliche Organisationen und engagierte Journalisten, die vielen Fällen nachgegangen seien, kämen auf eine ganz andere Zahl. "Für Brandenburg sprechen wir von 28 Fällen, die wir für relativ gesichert erachten, plus mindestens vier Verdachtsfälle."

Todesopfer rechter Gewalt in Brandenburg (Quelle: http://www.todesopfer-rechter-gewalt-in-brandenburg.de/)
Übersichtskarte mit Todesopfern rechter Gewalt in Brandenburg.

Auf der neuen Webseite sollen alle öffentlich verfügbaren Informationen über die 28 bisher bekannten Todesopfer in Brandenburg gebündelt dargestellt werden, so der Verein Opferperspektive. Außerdem würden dort auch Gründe für Ermittlungsfehler und juristische Fehleinschätzungen benannt. Damit solle eine Auseinandersetzung über rechte Gewalt angeregt werden, die die Opfer in den Mittelpunkt stellt und zur Neubewertung politischer Tatmotive beiträgt. Die Webseite soll fortlaufend aktualisiert und durch neue Erkenntnisse und Interviews mit Angehörigen und Freunden der Opfer ergänzt werden.

Die Anerkennung der Todesfälle als rechtsextrem motiviert hat zwar keine juristische, jedoch eine politische Bedeutung: Dahinter steht die Frage, ob die Dimension des Rechtsextremismus erkannt wird. Außerdem spiele diese Anerkennung für die Hinterbliebenen eine große Rolle, erklärt Judith Porath: "Viele haben uns in den Beratungsgesprächen erzählt, dass es für sie auch eine Frage des Respekts ist gegenüber ihren Angehörigen oder Freunden, die zu Tode gekommen sind. Dass sie eben nicht zufällig zum Opfer wurden von irgendjemandem, sondern dass sie aus ganz bestimmten Gründen ausgewählt und auch getötet wurden. Und das sind politisch motivierte Gründe."

Landesregierung lässt rechtsextreme Gewalttaten untersuchen

Auch die Brandenburger Landesregierung lässt derzeit mögliche rechtsextreme Gewalttaten untersuchen. Im Auftrag des märkischen Innenministeriums prüft das Moses-Mendelssohn-Zentrum in Potsdam derartige Taten, die bislang nicht in der offiziellen Statistik erfasst sind. Im Fokus stehen 31 Gewaltverbrechen seit der Wende, bei denen von rechtsextremistischen Tötungsverbrechen ausgegangen wird. Dabei stießen die Forscher auf neun weitere Verdachtsfälle. Diese Verbrechen könnten ebenfalls von Rechtsextremisten verübt worden sein.

Gedenken an Amadeu Antonio (Foto: dpa Bildfunk)
Das Gedenken an Amadeu Antonio im Jahr 2000

"Bürgerbildungszentrum Amadeu Antonio" soll 2014 eröffnen

Die Täter aus der Skinhead-Szene waren am 25. November 1990 mit Zaunlatten und Baseballschlägern auf Antonio losgegangen. Ein Gericht verurteilte fünf Jugendliche zu Haft- und Bewährungsstrafen. Auch gegen drei Polizisten wurde ermittelt. Sie sollen beim Angriff tatenlos zugesehen haben. Die Anklage wurde jedoch von zwei Gerichten nicht zugelassen. Die Begründung war, dass die Beamten nicht unmittelbar am Tatort gewesen seien und kein Funkgerät gehabt hätten.

In Eberswalde war im Vorjahr lange gestritten worden, ob eine zentrale Straße den Namen des Mordopfers tragen soll. Das hatten die Stadtverordneten abgelehnt und stattdessen Ende 2012 beschlossen, ein Bildungszentrum nach Antonio zu benennen. Dafür werde im Moment für rund acht Millionen Euro eine Schule umgebaut, sagte der Sprecher der Stadt am Dienstag.

Das "Bürgerbildungszentrum Amadeu Antonio" soll im Juli 2014 eröffnet werden. Geplant sind hier unter anderem Weiterbildungen für Erzieher zum Umgang mit rechter Gewalt. Auch eine Kita und die Bibliothek sollen einziehen. Zudem hat die Stadt einen Preis für bürgerschaftliches Engagement zur Erinnerung an den tödlichen Überfall ins Leben gerufen. Er soll 2015 zum ersten Mal verliehen werden.

Weniger rechte Gewalttaten und Todesfälle in Brandenburg

Seit 1990 kamen in der Bundesrepublik mindestens 152 Menschen durch rechte Gewalt zu Tode, wie der Verein Opferperspektive weiter mitteilte.  Die Opfer seien aus rassistischen Motiven erschossen oder erschlagen worden.

Insgesamt sind die rechten Gewalttaten und Todesfälle in Brandenburg in den letzten Jahren zurückgegangen. Der letzte Todesfall, den der Verein Opferperspektive auf seiner Internetseite als offiziell anerkannt auflistet, stammt aus dem Jahr 2008 aus Templin.

Mit Informationen von Julia Rehkopf

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