
Gesundheitsreport zeigt Ost-West-Unterschiede - Jeder Bezirk trinkt anders
Die Berliner im Osten trinken mehr, im Westen wird mehr geraucht. Das sind Klischees, die aber auch einen wahren Kern haben - das belegt der neue Gesundheitsbericht des Berliner Senats. Der Report macht erstmals für alle Bezirke der Stadt die Risikofaktoren für chronische Erkrankungen transparent - die wichtigsten Ergebnisse im Überblick. Von Robin Avram und Bettina Rehmann
Nehmen wir ein Ehepaar in Steglitz-Zehlendorf. Der Mann wird im Schnitt 79,4 Jahre alt – und lebt damit rund dreieinhalb Jahre länger als ein Ehemann im Bezirk Mitte. Auch die Ehefrauen unserer Beispiel-Paare leben unterschiedlich lang. Doch hier überlebt die Zehlendorferin die Dame aus Mitte nur um 1,3 Jahre. Diese Daten stammen aus dem neuen Gesundheitsreport der Senatsverwaltung für Soziales und weisen schon die Richtung. Sozialsenator Mario Czaja (CDU) will mit der Untersuchung darauf aufmerksam machen, dass Volkskrankheiten wie Diabetes, Krebs und Bluthochdruck oftmals durch den eigenen Lebenswandel mit verursacht werden. Das gelte inzwischen als wissenschaftlich gesichert.
„Es liegt zu großen Teilen in der Hand jedes Einzelnen“
„Die Risikofaktoren sind bekannt und oft beeinflussbar: ungesunde Ernährung, körperliche Inaktivität, Adipositas (Anm. d. Red.: Fettleibigkeit), Alkohol- und Tabakmissbrauch, Bluthochdruck und Stress. Es liegt also zu großen Teilen in der Hand jedes Einzelnen, mit einer gesundheitsbewussten Lebensführung dazu beizutragen, chronische Erkrankungen zu vermeiden,“ ermahnt Czaja die Berliner bei der Vorstellung des Reports. Czaja verweist darauf, dass die chronischen Erkrankungen auch volkswirtschaftlich negative Folgen haben. Neben den hohen Behandlungskosten verursachen sie auch einen Großteil der Frühverrentungen. Erstmals liefert der Bericht auch Profile für jeden Bezirk. Wir haben sie grafisch aufbereitet und zeigen anhand der Kriterien Lebenserwartung, Leberzirrhose, Raucherkrankheiten, Übergewicht und Arztdichte die zum Teil großen Unterschiede zwischen den Bezirken auf.
Soziale Faktoren erklären Unterschiede bei Rauchen und Ernährung
Zwischen den Bezirken zeigen sich große Unterschiede was das Rauch-, Trink- und Essverhalten anbetrifft. Die seien zum einen durch die unterschiedliche Sozialstruktur zu erklären, erläutert Gabriele Bartsch, Suchtexpertin der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). Statistisch belegt ist: Menschen mit niedrigem Einkommen rauchen häufiger und ernähren sich schlechter. Doch ein weiterer, wenig bekannter Faktor komme hinzu: "Menschen mit geringerem Einkommen trinken statistisch gesehen nicht häufiger als Menschen aus der Mittelschicht. Viele Studien zeigen jedoch, dass sie die Folgeschäden schlechter verkraften." Dies sei dadurch zu erklären, dass schlecht verdienende Menschen mehr Sorgen zu verkraften hätten und oftmals körperlich anstrengenderen Berufen nachgingen.

Trunksucht als "kapitalistische Verfallserscheinung"
In anderen Bereichen zeigt der Gesundheitsreport auch 23 Jahre nach der Wiedervereinigung noch deutliche Ost-West-Unterschiede. So diagnostizierten die Ärzte im vergangenen Jahr bei den Bewohnern der Berliner Ostbezirke rund 30 Prozent häufiger eine alkoholische Leberkrankheit. Das sei eine Spätfolge der DDR-Trinkkultur, erläutert DHS-Geschäftsführer Raphael Gaßmann "In der DDR wurde häufiger und mehr getrunken als im Westen".
Das Problem sei von der Parteiführung verharmlost worden, weil Trunksucht als "kapitalistische Verfallserscheinung" angesehen wurde. "Wer heute im Osten an alkoholbedingten Krankheiten stirbt, ist mindestens 50 oder 60 Jahre alt und damit durch die Trinkkultur der DDR sozialisiert worden. Die wird man nicht los, nur weil sich das politische System geändert hat."
Die Kinder sind in Pankow am schlanksten
In einem anderen Bereich liegt dagegen der Osten klar vorne: Bei der Einschulungsuntersuchung klassifizierten die Ärzte von Treptow-Köpenick bis Pankow 5,1 Prozent der Kinder als übergewichtig. In den West-Bezirken liegt diese Quote um ein Fünftel höher: Hier waren 6,4 Prozent der Kinder zu dick. In Neukölln waren die Kinder sogar dreimal häufiger übergewichtig als in Pankow.
"Kurz nach der Wende waren die Unterschiede noch viel größer," erläutert Sabine Herrmann, die bei der Senatsverwaltung den Gesundheitsreport koordiniert. Doch inzwischen hätten sich die Ernährungsgewohnheiten angeglichen – zu ungunsten der Ost-Kinder: Süße Getränke und Fast-Food seien nun auch dort weiter verbreitet. Ost und West - sie gleichen sich also auch an, was die Laster betrifft.

