Abendschau | 21.12.2013 | Kathrin Zauter

Berliner Kinderkliniken befürchten Ansturm - Die Kinderlein kommen

Wartezeiten von bis zu elf Stunden und mehr als 10.400 Patienten innerhalb von zwei Wochen: Im vergangenen Jahr waren die Notaufnahmen der Berliner Kinderkliniken zwischen Weihnachten und Silvester völlig überlastet. Nun haben die Chefärzte der Kinderkliniken in einem offenen Brief Alarm geschlagen: Nichts habe sich gebessert. Von Sebastian Schneider

Schrille Nacht, heilige Nacht: Die Notaufnahmen der Berliner Kinderkliniken waren im vergangenen Jahr zwischen Weihnachten und Anfang Januar völlig überlastet. Mehr als 10.400 erkrankte Kinder und Jugendliche kamen zwischen dem 21. Dezember und dem 6. Januar in eine der Ambulanzen. Manche Eltern mussten mit ihren Kindern bis zu elf Stunden lang auf die Behandlung warten. Geändert hat sich daran den vergangenen zwölf Monaten: nichts.

Deshalb warnen die Chefärzte und -ärztinnen aller neun Berliner Kinderkliniken nun in einem offenen Brief davor, dass sich diese "besorgniserregenden Zustände" in diesem Jahr wiederholen. In dem Schreiben, das an Angelika Prehn, die Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), gerichtet ist, fordern sie mehr Unterstützung von niedergelassenen Ärzten. Ihre Kritik: Zu viele schließen über die Feiertage ihre Praxen und lassen die Ambulanzen an den turbulentesten Tagen des Jahres allein.

"Die Versorgungspflicht liegt eindeutig bei der Kassenärztlichen Vereinigung. Das Problem ist nicht, dass unsere niedergelassenen Kollegen zu wenig arbeiten würden, sondern dass sie von der KV unterfinanziert sind und falsche Anreize gesetzt werden", sagte Frank Jochum, der Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin im Evangelischen Waldkrankenhaus Spandau, rbb online. Er sei skeptisch, dass sich in diesem Jahr die Versorgung an und zwischen den Feiertagen verbessere. Es drohten besonders an den Feiertagen Engpässe.

Ein Drittel der Praxen haben geöffnet

Berlins Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) hat Eltern aufgerufen, bei der Erkrankung eines Kindes während der Weihnachtsfeiertage nicht einfach zu den Rettungsstellen der Kinderkliniken zu gehen. Czaja sagte am Samstag dem rbb, für dieses Jahr sei vereinbart, dass etwa ein Drittel der rund 300 niedergelassenen Kinderärzte zwischen den Feiertagen tätig seien. Die Adressen könnten bei der Kassenärztlichen Vereinigung unter der Berliner Rufnummer 31 00 31 erfragt werden.

Laut der KV haben die Kinderarztpraxen allerdings nur an den Werktagen geöffnet. Die niedergelassenen Ärzte betreiben darüber hinaus in vier Krankenhäusern Ambulanzen, diese haben aber auch in diesem Jahr nicht länger als bis 22 Uhr geöffnet. Unterstützen soll sie der Bereitschaftsdienst mit bis zu 20 Ärzten. Zwischen Weihnachten und Anfang Januar sollen sie rund um die Uhr unterwegs im Einsatz sein und Patienten in Notfällen zuhause versorgen - auf Kinder und Jugendliche sind sie nicht spezialisiert. Im vergangenen Jahr reichten all diese Angebote nicht aus, um den Ansturm von Patienten zu bewältigen.

Bei der Auseinandersetzung zwischen Kliniken und Kassenärztlicher Vereinigung geht es vor allem um Geld. Die Notaufnahmen der Krankenhäuser fühlen sich von der KV gegenüber den niedergelassenen Ärzten benachteiligt. Für ein Kind oder einen Jugendlichen in ihrer Ambulanz können sie 18 Euro abrechnen, Arztpraxen hingegen zwischen 40 und 55 Euro. Und auch das ist kein hohes Honorar, entsprechend schwer fällt es der KV, die Notdienste durch niedergelassene Kinderärzte zu besetzen. Begehrter sind beispielsweise die vergleichsweise gut bezahlten Einsätze beim mobilen Bereitschaftsdienst.

Die Klinikärzte schlagen deshalb vor, ihnen zu bestimmten Zeiten die ambulante Versorgung zu übertragen - damit sie den höheren Satz ihrer Kollegen abrechnen können, wenn sie deren Aufgaben übernehmen. Eine andere Möglichkeit sei, niedergelassene Ärzte in Krankenhäusern Notdienst leisten zu lassen. "Bisher dürfen wir in Krankenhäusern nicht einmal gesetzliche Rezepte, sondern nur Privatrezepte ausstellen. Patienten müssen das Geld für ein Medikament vorschießen und bekommen das Geld erst später von ihrer Krankenkasse erstattet", sagte Frank Jochum.

Klinik-Notdienste zwischen 20. Dezember und 6. Januar

Viele Eltern bringen ihr krankes Kind zu leichtfertig in die Notaufnahme

Einig sind sich beide Seiten in einem Punkt: Die Kliniken waren in den vergangenen Jahren auch deshalb überfordert, weil zu viele Eltern ihr krankes Kind gleich in die Notaufnahme bringen, anstatt zuerst einen Arzt aufzusuchen. Nur knapp sieben Prozent der Kinder und Jugendlichen, die zwischen dem 20. Dezember und dem 6. Januar in eine der Ambulanzen kamen, waren nach Angaben der Kinderkliniken so krank, dass sie stationär aufgenommen werden mussten. Bei erwachsenen Patienten sei das dagegen in etwa 30 Prozent der Fälle notwendig, sagt Frank Jochum.

Auf diese Weise wird der Rettungsdienst zu einer Art Notfallpraxis zweckentfremdet. "Wir appellieren an Eltern, sich immer zuerst an ihren Kinderarzt zu wenden. Wenn dessen Praxis über die Feiertage geschlossen ist, muss er beispielsweise auf seinem Anrufbeantworter einen Vertreter nennen", sagte Jochum. Auch eine Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung betonte, dass die Ambulanzen nur für wirkliche Notfälle gedacht seien.

Angelika Prehn, Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin (Quelle: Presse)
Angelika Prehn, Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Berlin weist die Vorwürfe der Kinderkliniken zurück.

Gespräche zwischen Kliniken und Kassenärztlicher Vereinigung brachten keinen Erfolg

Um die Notfallversorgung zu verbessern, hatten sich beide Seiten in diesem Jahr zu Gesprächen getroffen, zuletzt im November - ohne Ergebnis. Die Schuld dafür geben sie sich indirekt gegenseitig. Es sei "keine tragfähige organisatorische Neugestaltung der Kinder-Notfallversorgung" zustande gekommen, monierten die Chefärzte der Kinderkliniken. Die  Kassenärztliche Vereinigung entgegnete in ihrer Antwort auf den offenen Brief, die Gespräche hätten "insbesondere auch wegen der verzögerten Reaktion der Berliner Kinderkliniken nicht rechtzeitig abgeschlossen werden" können. Näher wollte eine KV-Sprecherin die Gespräche nicht kommentieren.

"Der Dialog ging auf unsere Initiative zurück, es ist doch massiv in unserem Interesse, dass sich die Situation verbessert. Deswegen verstehe ich diese Äußerungen nicht wirklich", entgegnete Frank Jochum. Man wolle nach wie vor gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung zu einer Lösung kommen und keinen Keil zwischen niedergelassene Ärzte und Kliniken treiben. Beide Seiten kündigten an, die Gespräche im Januar wieder aufzunehmen - nachdem sich der befürchtete Ansturm der Patienten wieder gelegt hat.

Beitrag von Sebastian Schneider

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