Der "alltägliche Skandal" in Demenz-WGs - "Im Extremfall kommt auf zwölf Demente eine Pflegekraft"

Immer mehr alte Menschen brauchen Pflege - während die Pflegeberufe als schlecht bezahlte Knochenjobs immer unbeliebter werden und die Branche gefährlich Richtung Kollaps schliddert. Klaus Pawletko vom Verein "Freunde alter Menschen" gründete vor fast 20 Jahren in der Hauptstadt die erste Wohngemeinschaft für Demenzkranke deutschlandweit. Im Interview erzählt er, wie er vom Initiator inzwischen zum Kritiker geworden ist.

Klaus Pawletko vom Verein "Freunde alter Menschen" könnte man als einen Pionier bezeichnen: Vor 19 Jahren gründete der 58-Jährige in Berlin die erste Demenz-WG bundesweit. Der Weg dahin war allerdings mühsam. Er stieß auf Widerstände seitens der Aufsichtsbehörden und Pflegekassen. Doch Pawletko, der damals als Heimberater für den Senat tätig war, war überzeugt: Demenzkranke brauchen kleine Gruppen, sowie überschaubare Strukturen. Heime waren damals auf Alzheimer Patienten nicht vorbereitet, so Pawletko. Statt sie zu mobilisieren, wurden sie oft ruhig gestellt.

Sechs Alten-WGs entstanden durch den Verein. Inzwischen sind 537 Pflege-WGs offiziell bei der Berliner Heimaufsicht registriert. Der Initiator der Idee ist inzwischen zu ihrem Kritiker geworden. Mit Pawletko sprachen Ute Sturmhoebel und Ansgar Hocke.

Sie haben die erste Demenz WG in der Bundesrepublik vor knapp 20 Jahren gegründet. Wie kamen Sie auf die Idee?

Pawletko: Das hängt mit meiner damaligen Tätigkeit als Heimberater im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung zusammen: Ich habe festgestellt, dass es eine Gruppe von mobilen Demenzkranken in den Heimen gab. Sie liefen den ganzen Tag die Flure rauf- und runter, denen war langweilig. Sie wollten nicht nur auf die Mahlzeiten warten, sondern brauchten eine vernünftige Alltagsstruktur. Die Heime hatten ihnen nichts Geeignetes zu bieten.
Ich dachte, es muss etwas anderes her. Etwas Kleinräumiges, überschaubares.

Kann man sagen, dass WGs für Demente heute besser sind als Heime?

Pawletko: So pauschal würde ich es heute nicht mehr sagen. Viele Heime haben die Zeichen der Zeit erkannt und haben inzwischen auch Strukturen, in denen Demente gut versorgt werden. Aber ich halte WGs grundsätzlich für eine sehr gute Wohnform für Demente - vorausgesetzt, sie sind gut gemacht.

Klaus Pawletko vom Verein "Freunde alter Menschen" (Quelle: rbb/Ansgar Hocke)
Klaus Pawletko vom Verein "Freunde alter Menschen"

Wie funktioniert eine Demenz-WG?

Pawletko: Mehrere Demente oder ihre Angehörigen mieten eine Wohnung und suchen sich gemeinsam einen Pflegedienst, der sie versorgt. Das ganze wird finanziert durch Synergieeffekte. Die Menschen legen das, was sie sonst einzeln für eine Pflege bezahlen würden, in einen virtuellen Topf und kaufen sich dafür Leistungen bei einem Pflegedienst ein. Dadurch, dass die Menschen dieses Geld kollektiv einsetzen, können sie sich eine ganz vernünftige Versorgung leisten, die ein Einzelner so nicht bezahlen könnte.

Freuen Sie sich darüber, dass Ihre Idee solche Resonanz gefunden hat. Es gibt jetzt fast 600 Pflege-WGs in Berlin. Allerdings nicht nur mit Dementen.

Pawletko: Ich sehe es mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Auf der einen Seite haben wir damals die deutsche Altenhilfelandschaft revolutioniert. Wir haben einen Prozess angestoßen über die adäquate Versorgung von Menschen mit Demenz nachzudenken.
Das weinende Auge resultiert aus einer Entwicklung, die man vor allem in Berlin sehen kann: Mittlerweile gibt es viele Pflegedienste, die die WGs als Marktinstrument begreifen und nicht die erforderliche Qualität abliefern, die für eine gute Pflege nötig wäre.

Mehrere Senioren einer Wohngemeinschaft für demenzkranke Senioren bei der Zubereitung des Mittagessens. (Quelle: dpa)
Senioren einer Wohngemeinschaft.

Was sind Ihre Hauptkritikpunkte?

Pawletko: Vielen Bewohnern einer solchen WG ist gar nicht klar, was sie für ihr Geld erwarten können. Sie können die Geldflüsse, die dort stattfinden, nicht nachvollziehen. Was kommt rein? Was bekommt der Pflegedienst und was müsste er dafür an Pflege und Versorgungsleistung liefern?
Und dann noch das Fehlen eines Betreuergremiums, eines Ansprechpartners, der das Geschehen in der Wohngemeinschaft mitbestimmt. Das geht nämlich nur, wenn es eine Gruppe von Angehörigen oder Betreuern gibt, die sich darüber einig ist, was sie von einem Pflegedienst erwartet und das auch durchsetzt.

Warum gibt es das nicht mehr?

Pawletko: Weil es in einer Stadt wie Berlin kaum mehr Angehörige gibt. Und die meisten rechtlichen Betreuer, die da sind, wollen eine solche Rolle nicht ausfüllen. Insofern ist das Grundprinzip in ganz vielen Fällen nicht mehr gewährleistet.

Es gibt in Berlin ein Wohlteilhabegesetz, was alles regelt. Reicht das nicht?

Pawletko: Das Gesetz ist zu lasch. Es gibt keine angemessene Forderung nach einer personellen Mindestausstattung. Da steht nur: Eine Hilfskraft pro Schicht. Das ist ein Maßstab, der weit unter dem Qualitätsstandard der schlechten Heime liegt. Im Extremfall heißt das, eine Zwölfer-Gruppe - maximal zwölf sind in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft erlaubt-  ist auch dann noch legal im Sinne dieses Wohnteilhabegesetzes, wenn dort nur eine Hilfskraft tätig ist. Das ist natürlich aus pflegefachlicher Sicht eine Katastrophe.

Braucht es mehr Kontrollen?

Pawletko: Durchaus. Das Prinzip der WGs ging davon aus, dass die Qualitätskontrolle von innen passiert. Und wir müssen feststellen, dass das in vielen Fällen nicht mehr funktioniert.
Es gibt per Gesetz nur die Möglichkeit anlassbezogen zu prüfen. Aber was die Heimaufsicht letztendlich prüft, ist, ob die Vertragsverhältnisse stimmen, ob Pflegevertrag und Mietvertrag voneinander getrennt sind. Das kriegt aber jeder Pflegedienst formaljuristisch so hin, dass es so ist. Das allein ist noch keine Qualität.

Worauf muss ich als Bewohner oder Angehöriger achten?

Pawletko: Eine Doppelbesetzung in jeder Schicht. Wie viel Personal wird dort eingesetzt und wie ist deren Qualifikation? - Und ob es ein Angehörigengremium gibt.

Sie sind vom Gründer zum Kritiker geworden: Sollte man sich von der Idee der Alten-WG verabschieden?

Pawletko: Nein. Überhaupt nicht. Grundsätzlich sind diese kleinräumigen Wohnformen - wenn sie denn in normale Nachbarschaft integriert sind - wunderbar.

Auch die Idee des familiären Zusammenlebens ist für Demenzkranke sehr gut. Dass sie einen normalen Alltag haben und ihren Angewohnheiten weiter frönen können.

Beitrag von Ute Sturmhoebel und Ansgar Hocke

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