Touristen besichtigen die East Side Gallery in Berlin (Quelle: dpa)
Vis à vis | 01.01.2014 | Kirsten Buchmann

Interview mit Axel Klausmeier - "Die East Side Gallery ist ein Wunder!"

Als sich am 9. November 1989 die Grenzen öffneten, strömten Tausende von Menschen von Ost nach West - völlig überrascht, dass die Mauer durchlässig geworden war. 2014 jährt sich das historische Ereignis zum 25. Mal. Axel Klausmeier, Direktor der Stiftung Berliner Mauer, blickt zurück auf ein Vierteljahrhundert ohne Mauer. Und er sieht sein Haus als Dach für die East Side Gallery.

Im Jahr 2014 feiert Berlin den Mauerfall vor 25 Jahren, und es gibt wohl kaum jemanden, der sich mit der Berliner Mauer so gut auskennt wie Axel Klausmeier, der Direktor der Stiftung Berliner Mauer.

Seit 2001 beschäftigt sich der heute 48-jährige Historiker mit der Geschichte der Berliner Mauer, von ihrer Errichtung im Jahr 1961 bis zu ihrem Fall im Jahr 1989. Klausmeier hat mehrere Bücher zur Mauer geschrieben, die Mauerreste wissenschaftlich erforscht und in vielen Publikationen dokumentiert; vor allem aber leitet er die Gedenkstätte zur Berliner Mauer an der Bernauer Straße und hat in dieser Funktion vielen tausend Menschen die traurige Geschichte dieses Bauwerks fachkundig erläutern können, darunter auch Prominente aus aller Welt - von Prinz Harry bis Michelle Obama.

Wenn sich der Fall der Mauer am 9. November nun zum 25. Mal jährt, ist dies auch für Klausmeier ein ganz besonderes Datum. Als Wissenschaftler begann er 2001 am Lehrstuhl für Denkmalpflege an der Universität Cottbus und wurde dort mit der Erforschung der Mauerreste  beauftragt. Als die Arbeiten abgeschlossen waren, wurde die dazu erschienene Publikation wenig später, im Jahr 2006, Basis für das dezentrale Berliner Gedenkstättenkonzept.

Dabei stammt Klausmeier aus dem Ruhrgebiet, und von seiner Biographie her war diese Karriere nicht unbedingt vorauszusehen. "Außer einer Tante hatten wir eigentlich keine Ostverwandtschaft. Aber trotzdem empfand ich - wann immer mir die Mauer in der Schule, im Fernsehen begegnete - sie als so etwas Irreales, dass ich schon damals von Berlin angezogen war", erklärte Klausmeier. Im 9. und 10. Schuljahr hab ihn ein Lehrer aus Berlin noch neugieriger gemacht.  "Wenig später befand ich mich dann auch in Berlin, und der erste Besuch galt natürlich der Mauer."

Die Mauer - ein unangenehmes Baudenkmal

Bereits in seinen ersten Arbeitsphasen an der Mauergeschichte habe sich dann sehr schnell gezeigt, dass die Berliner mit der Mauer ganz einfach das gemacht hätten, was ihnen Willy Brandt aufgetragen hätte: "'Die Mauser muss weg!' hat er immer wieder in seiner gestanzten Art gesagt." Und so hätten die Berliner das vollzogen, was Gefangene tun, wenn sie aus der Haft entlassen würden: Die Gefängniskleidung wegwerfen, erklärt Klausmeier: "Und zwar: Die Gefängniskleidung, das war die Mauer." Darum seien auch schon die kleinsten Versuche, etwas von der Mauer zu erhalten, sehr mühselig gewesen.

Ein weiterer Aspekt, der den Schutz der Mauerüberreste sehr schwierig mache sei, dass die Mauer ein "unangenehmes" Baudenkmal sei, also verbunden mit vielen schmerzhaften Erinnerungen, und ein sehr "unscheinbares", deren Erhalt auch gefährdet sei durch den "Entwickungsdruck" rund um die Innenstadtimmobilien, auf denen sich die Mauerreste befinden. Prominentes Beispiel dafür: der Streit um die East Side Gallery.

Stiftung will für Mauergalerie auch ein Betreuungskonzept

Klausmeier bekräftigt den Wunsch, die bedrohte Mauergedenkstätte East Side Gallery unter das Dach seiner Stiftung Berliner Mauer zu holen. "Inhaltlich ist das total richtig", sagte er.  Wenn seiner Stiftung die East Side Gallery, die Klausmeier für ein "touristisches Wunder" hält, am Ende tatsächlich übertragen werden sollte, müsse sie aber auch dafür ausgestattet werden, verlangte Klausmeier. "Es geht nicht nur darum, in regelmäßigen Abständen immer mal ein paar Graffitis abzumachen", unterstrich er.

Vielmehr müsse die Stiftung im Hinblick auf ihre Kernaufgabe ausgestattet werden, nämlich die politische Bildung. Die Stiftung müsse in dem Fall in die Lage versetzt werden, den Ort betreuen und zu einem Punkt der Begegnung machen zu können.

Anfang Dezember war bekanntgeworden, dass die East Side Gallery nach dem Willen des Berliner Senats 2015 in das Eigentum der Stiftung Berliner Mauer übergehen soll. Dafür soll für das Jahr 2015 eine Summe von 125.000 Euro im Berliner Haushalt bereitgestellt werden. Ein Eigentümerwechsel des mit 1,3 Kilometer noch am längsten erhaltenen Berliner Mauerstück müsse allerdings vom Bund mit der gleichen Summe kofinanziert werden, hieß es. Der Bund wiederum dringt zunächst auf eine gesicherte Finanzierung durch das Land Berlin. Derzeit befindet sich die ehemalige Hinterlandmauer noch im Besitz des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg.

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