Ismail Öner bei der Bambi-Verleihung am 14.11.2013 (Quelle:dpa)

"Mitternachtssport"-Erfinder Ismail Öner im Gespräch - "Man muss die Herzen erreichen"

Von Integrationsgipfeln und Islamkonferenzen hält Ismail Öner nicht viel - aber viel von der Arbeit mit schwierigen Jugendlichen. Der 35-jährige Sozialarbeiter aus Spandau ist jüngst mit dem Bambi für Integration geehrt worden - für sein Projekt „Mitternachtssport“.  Er öffnete Turnhallen nachts für Jugendliche, ein ganz neuer Ansatz in der Jugendsozialarbeit. Der Erfolg gibt ihm Recht. Ein Interview von Marion Lucke.

Herr Öner, wenn man Sie anruft und versucht, einen Termin für ein Gespräch zu bekommen, merkt man diesen ganzen Medienrummel, der über Sie hereingebrochen ist. Kann es sein, dass seit der Preisverleihung nichts mehr so ist wie vorher für Sie, und dass Ihnen das alles noch nicht so recht geheuer ist?

Vor allem den letzten Satz würde ich absolut unterschreiben. Ich bin Sozialarbeiter, ich bin Initiator eines sozialen Jugendprojekts, und da ist man weder den roten Teppich noch den ganzen Medienrummel gewohnt. Aber das nehmen wir jetzt natürlich alles mit, das ist schön. Tu Gutes und rede darüber!

Sie spielen also brav mit, weil Sie hoffen, dass es den Jugendliche und ihrer Sache dient?

Richtig. Ich denke, diese Aufmerksamkeit muss man nutzen. Es gibt hunderttausende Projekte in Deutschland, es gibt hunderttausende Sozialarbeiter, die nicht diese Plattform bekommen haben. Aber jetzt wäre es an der Zeit, dass mal ein großer Sponsor anruft. Denn der Ball muss ja weiterrollen.

Immer freitags und sonnabends von 20 Uhr bis 3 Uhr morgens öffnen Sie Spandauer Sporthallen für die Jugendlichen. Was genau bieten Sie denen an? Fußball in erster Linie?

Der Mitternachtssport ist ein soziales Jugendprojekt zur Gewaltprävention und Integration. Wir haben es bewusst „Mitternachts-SPORT“ genannt, nicht „Mitternachts-Fußball“, mit der Zeit dann aber irgendwie festgestellt, dass Fußball die Sportart ist, bei der man mit einem Ball die meisten Jugendlichen einbinden kann. Und ich bin selbst mit Leib und Seele Fußballer und schätze die geballte Kraft des Fußballs, um so viele Menschen wie möglich miteinander zu verbinden.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Ich habe den Mitternachtssport damals vor sechs Jahren in einem Berliner Brennpunktviertel initiiert…

… in der Mau-Mau-Siedlung in Spandau …

Nein, die Mau-Mau-Siedlung ist der Ort, wo ich selbst herstamme, wo ich geboren, aufgewachsen, sozialisiert worden bin - was mich bis heute geprägt hat. Das Umfeld war rau, aber die Nestwärme war extrem groß. Man muss sich diese Siedlung wie eine große Familie vorstellen. Ich hatte eine wunderschöne Kindheit mit meinen sechs Geschwistern und den Kindern der gesamten Siedlung. Aber wenn man gesagt hat: Ich komme aus der Mau-Mau-Siedlung, dann war das wie ein Stigma. Wir haben dieses Stigma irgendwann umgewandelt, indem wir gesagt haben: Das ist kein Stigma, das ist eine Ehre.

Der Mitternachtssport war meine Antwort auf massive Konflikte, die es damals in einem Spandauer Stadtteil Heerstraße Nord gab: Zwischen einer Großgruppe von Jugendlichen, die ich damals pädagogisch eng betreut habe, und der Polizei. Das Gebiet wurde damals von der Polizei zu einem kriminalitätsbelasteten Ort deklariert. Die Polizeipräsenz wurde erhöht und und ich wusste, es muss etwas geschehen. Dann haben wir uns alle zusammengesetzt die Polizei, die Jugendlichen, alle in einem Raum. Die Luft war so dick, man hätte sie schneiden können. Das Ergebnis dieser Gespräche war zu sagen: OK, wir öffnen eine Sporthalle. Und zwar genau dann, wenn die Verlockung der Straße am größten ist, wenn der Hang der Jugendlichen groß ist, rauszugehen.

Was sind das für Jugendliche, die zu Ihnen kommen, und was machen Sie mit denen außer Sport?

Das Projekt war in seiner Anfangsstunde auf diese problematische Großgruppe zugeschnitten, aber ich habe ganz schnell gemerkt, welch gigantisches Potenzial in diesem Projekt steckt. Also habe ich einfach zwei Monate danach das Projekt kontrolliert geöffnet und gesagt: Jeder junge Mensch aus dem Einzugsgebiet Spandau, der Lust hat, sich nachts sportlich zu betätigen statt draußen rumzulungern, ist herzlich willkommen. Wir haben einen Zulauf bekommen, mit dem wir selbst nicht gerechnet hätten. Und der  hält an, das ist ein Selbstläufer.

Da sind natürlich viele Jugendliche mit Migrationshintergrund, aber inzwischen ist auch alles durchmischt. Ethnisch durchmischt, leistungsstark, leistungsschwach … ich wehre mich immer dagegen, dass man sagt: Der Mitternachtssport ist nur für die, die draußen sonst Krawall machen. Das Gegenteil ist der Fall: Da kommen jedes Wochenende junge Menschen zusammen, die sich im Alltag nicht mal Hallo sagen. Zur Teilnahme am Mitternachtssport müssen sie sich zusammentun. So werden soziale Kompetenzen vermittelt.

Was haben die Jugendlichen für soziale Probleme?

Alles …. Probleme in der Schule, Konflikte im Elternhaus, Probleme mit der Freundin, dem Jugendamt, der Jugendgerichtshilfe… In den letzten sechs Jahren haben sich Jugendliche mit allen Problemen an uns gewandt, die man sich vorstellen kann. Und ich mache nichts anderes, als um jeden, der Hilfe braucht, individuelle Netzwerke zu schaffen. Das heißt zu schauen: Wer spielt im Leben eines jungen Menschen eine Rolle, und die Netze auszuwerfen. Denn die Arbeit mit den jungen Menschen findet dann auch außerhalb der Sporthallen statt. Dass man die Schule mit ins Boot holt, das Elternhaus, den Sportverein, das Jugendamt. Wir sind unheimlich eng dran an den Jugendlichen und leben ihnen die Werte und goldenen Regeln des Projekts vor: Respekt, Toleranz, Fairplay. Damit sie das alles ummünzen in ihrem Alltag, in ihrer eigenen Lebenswelt. Inzwischen reden wir mit Stolz von einer Generation beim Mitternachtssport, die sich sehen lassen kann.

Info

MitternachtsSport e.V.
Verein für interkulturelle Jugendsozialarbeit in Berlin

Ansprechpartner: Ismail Öner
Adamstraße 39
13595 Berlin
Deutschland

Telefon: 030 544 66 307
Fax:030 544 66 307
Mobil: 0178 4496 614

E-Mail: info@mitternachtssport.com

Von welcher Altersgruppe sprechen Sie?

Das Gros ist so zwischen 14 und 25, der ganz grobe Kern zwischen 16 und 20.

Können Sie sich an ein Beispiel erinnern, wo Sie sagen: Da haben wir etwas bewirkt?

Ja, ein Fall zum Beispiel, der zum zigsten Mal entschult war. Den konnte ich dann an einer Schule unterbringen, mit der ich eng kooperiert habe, habe ihn dort wirklich eng begleitet, er hat seinen Schulabschluss gemacht, hinterher seine Berufsausbildung mit Bravour abgeschlossen. Heute hat er einen Job, eine Frau und zwei Kinder. Das macht mich natürlich ein bisschen stolz. Und das größte Kompliment ist, wenn diese jungen Menschen dann zu einem kommen und sagen: Mensch, wenn Du nicht wärst, wär ich heute nicht das, was ich bin.

Umgekehrt gab es natürlich auch Fälle, wo man ganz viel investiert hat und das Gefühl hatte, dass sich gerade alles einpendelt. Und dann kommt die Polizei und sagt: Weißt Du was, Euer Schützling ist heute Abend aufgeflogen, und wir mussten ihn mitnehmen. Das sind die Momente, in denen man ein bisschen resigniert. Aber eigentlich bleibt einem gar nicht die Zeit, die eigene Arbeit in Frage zu stellen, wenn man der Front steht und mit jungen Menschen arbeitet. Der Ball muss weiterrollen.

Sie haben einmal gesagt, keiner ihrer Jungs fühlt sich von Integrationsgipfel oder Islamkonferenz  vertreten. Die Debatte werde von den falschen Leuten geführt. Wie haben Sie das gemeint?

Die Debatte müsste von Menschen geführt werden, die aufgrund ihrer eigenen Biographie authentischer sind, und die sich nicht hinstellen und Ängste schüren. Und die Gesellschaft eher splitten als zusammenzufügen. Es sollte auf das Herz ankommen. Wenn man die Herzen erreicht, ist der Weg zu den Köpfen nicht weit. Eins werde ich nie vergessen: Ich kann mich erinnern, dass ich mal mit meiner Mutter beim Bürgeramt gewesen bin. Sie müssen sich vorstellen: Meine Mutter, eine verschleierte Frau, aus einem ostanatolischen, kurdischen Dorf. Und dann begrüßte die Dame im Bürgeramt sie mit "Günaydin! Hos geldiniz!", Guten Tag, herzlich willkommen, begrüßt. Diese zwei Wörter haben das Herz getroffen. Auf diesen Ebenen spielt sich Integration ab, im Alltag, bei Gesprächen mit dem Nachbarn oder dem Kinokartenverkäufer. Nicht auf irgendwelchen großen Gipfeln.

Sie sagen, Sie seien den Jugendlichen deshalb so nahe, weil Sie eine ähnliche Biographie haben. Wie war Ihr eigener Weg: Als  Diplom-Sozialarbeiter braucht man Abitur, lagen da viele Stolpersteine auf dem Weg?

Da lagen reichlich Stolpersteine. Zwischen der ersten und dritten Klasse hat man achtzehnmal versucht, mich auf die Sonderschule zu schicken. In der sechsten Klasse bekniete mich meine Klassenlehrerin, nicht aufs Gymnasium zu gehen. In der zehnten Klasse gab mir ein Lehrer den Tipp: Mach doch lieber eine Berufsausbildung. Obwohl ich fast den besten Notendurchschnitt in meiner Schule hatte. Und mein Abitur dann als einer der Jahrgangsbesten abgeschlossen habe. Mit der besten Leistungskursklausur in Deutsch.

Sie haben eine Familie, eine Tochter – was wünschen Sie sich für die?

Ich wünsche mir, dass meine Kinder in einer Gesellschaft aufwachsen, in der sie ein selbstverständlicher Teil sind. Wo sie sich nicht mehr erklären müssen. So wie ich großgeworden bin, mit Fragen wie: Erzähl doch mal, Ismail, wie ist es denn bei Euch so? Wie – bei Euch so? Na, in Euren Ländern. Da hat man dann so ein diffuses Verhältnis zum Begriff der Identität. Es kostet so viel Kraft, seinen Platz zu finden: Wo gehöre ich hin? Wer bin ich? Ich möchte, dass meine Kinder ihre Kraft woanders investieren, und dass sie nie Sätze hören müsse wie: Ach Leila, Du sprichst aber gut deutsch! Und dann sollten sie sagen: Sie aber auch.

Wir sprechen mittlerweile von der vierten, fünften Generation der Einwanderer, und die sind „made in Germany“. Ich möchte, dass sie auch so gesehen werden.

Die Fragen stellte Marion Lucke