Der Alexanderplatz mit Alexanderhaus (l-r), Fernsehturm (l-r), Berolinahaus, dem Kaufhaus Galeria Kaufhof und dem Hotel Park Inn (Quelle: dpa)

Stadtplanung in Berlins Mitte - Die "Kontinuität des Nebeneinanders"

Die Mitte Berlins ist schwieriges Terrain: Zwischen Alexanderplatz und Museumsinsel mischen sich Baustellen, Freiflächen, Straßenschneisen und vereinzelte Wahrzeichen. Zuständig für die Entwicklung dort ist auch Berlins Senatsbaudirektorin Regula Lüscher. Berlins städtebauliche Identität weicht ab von denen anderer europäischer Metropolen, sagt sie im Interview mit Barbara Wiegand.

Barbara Wiegand: Bevor man darüber diskutiert, gilt es, den Begriff "Mitte" zu definieren. "Berlins Mitte hat ein Identitätsproblem" titelte der Tagesspiegel vor kurzem. Können Sie sich dem anschließen, Frau Lüscher?

Regula Lüscher: Nein, würde ich jetzt nicht sagen, dass Mitte ein Identitätsproblem hat. Die Mitte stellt sich in Berlin anders dar als sich eine Mitte in einer anderen europäischen Stadt darstellt. In dem Sinn ist es eine andere Identität. Und es ist vielleicht nicht die Identität, die man sich von einer Mitte, die gleichzeitig der historische Kern ist - und das sind ja die meisten Mitten der europäischen Städte - dass sie sich in diesen historischen, ich sage auch oftmals mittelalterlichen Struktur zeigt. In dem Sinn hat die Mitte Berlins eine andere Identität.

Wiegand: Es gibt natürlich immer noch sehr viele Leerstellen, die manche auch als Folge mangelnder Stadtplanung kritisieren. Wenn man sich umschaut, ist das auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Zum Beispiel um das Humboldtforum, das auf der Kubatur des alten Schlosses aus dem Boden wächst, herrscht vor allem Richtung Rotes Rathaus ein bisschen Ödnis. Manfred Rettig, Chef der vom Bund beauftragten Stiftung Berliner Schloss, fürchtet, dass sich das bis zum anvisierten Eröffnungstermin des Humboldtforums 2019 nicht wesentlich ändert. Teilen Sie diese Befürchtung?

Lüscher: Nein. Erstmals muss man zurückblicken und diese Frage nach der mangelnden Stadtplanung genauer reflektieren. Durch Kriegszerstörung, durch den nachkriegsmodernen Städtebau, sowohl im Osten als auch im Westen, der eine ganz andere Stadtvorstellung hatte - nämlich nicht die kompakte durchmischte Stadt, sondern die durch Grünräume durchwirkte Stadt, möglichst funktionsgetrennt Wohnen vom Arbeiten und durch große Verkehrsschneisen getrennt, weil wir ja mobil sein wollen - das war die Stadtvorstellung nach dem Krieg. Und das wurde in dieser Mitte umgesetzt.

Das Gegenüber oder das zukünftige Gegenüber des Humboldtforums, das ist diese große Freifläche zwischen Humboldtforum und Alexanderplatz. Mittendrin steht der Fernsehturm. Und diese Planung - der Fernsehturm mit einer Freiraumplanung, die denkmalgeschützt ist - mit einer Bebauung, seitlich sehr viel Wohnungsbau, sehr großmaßstäblicher Bau, das ist eine gewollte städtebauliche Setzung -, da würde ich nicht davon sprechen, dass das Nicht-Planung ist.

Ich sehe es ganz anders, wenn ich gedanklich Richtung Spreeraum gehe. Gertraudenstraße, der ganze Bereich hinter dem Rathaus gegenüber dem ehemaligen Stadthaus, dort hat die Verkehrsplanung eine Schneise und aus meiner Sicht auch eine Brache in diese Stadt geschnitten. Da kann man nicht mehr von einer räumlich gewollten, strukturierten Stadtplanung sprechen, sondern da kann man tatsächlich von Stadtzerstörung sprechen.

"Ein urbanes, gemischtes, dichtes Quartier"

Wiegand: Was kann man dagegen tun?

Lüscher: Dagegen kann man erst mal überlegen, wie man die Verkehrsströme anders organisiert, wie wir aus einer gefühlten Stadtautobahn wieder einen urbanen Boulevard entwickeln: Zum Beispiel, dass man der Straße eine andere Straßenführung gibt, dass die Gertraudenstraße nahe entlang des Roten Rathauses geführt wird, dann in einer Kurve in die Gertraudenstraße überführt wird und dass man auf der Seite des Stadthauses dadurch ganz erhebliche Flächen gewinnt zur Bebauung.

Und vor dem und um das Stadthaus soll das Molkenviertel wieder entstehen. In diesem Molkenviertel sollen auch die radialen Straßenführungen, die wir eben aus dem mittelalterlichen Stadtplan kennen, wieder errichtet werden. Es soll dort ein urbanes, gemischtes, dichtes Quartier entstehen, wo man wohnen, arbeiten, sich vergnügen kann. So ein wenig in der Körnung des Nikolaiviertels, aber natürlich mit anderen architektonischen Mitteln.

An der Fischerinsel (dpa-Archivbild)
Luftaufnahme der Berliner Fischerinsel

Wiegand: Jetzt sind wir auf dem Weg zum Alexanderplatz, der auch ein schwieriger Platz ist. Wir hatten 1993 einen Gestaltungswettbewerb mit dem Sieger Hans Kollhoff und der sah dort zehn je 150 Meter hohe Türme vor. Sie haben im Frühjahr gesagt, dass dieser Plan so nicht mehr umsetzbar sei. Warum?

Lüscher: Dieser Plan ist in Teilen nicht mehr umsetzbar, vielleicht war er das nie. Weil dieser Plan Grundstücke überplant, die heute fest bebaut sind. Grundstücke wie zum Beispiel das Park-Inn-Hotel, in der Zwischenzeit wurde dort investiert. Das Haus ist saniert, dieses Gebäude wird kein Mensch abreisen werden. Damals, als der Wettbewerb durchgeführt, war die Vorgabe "Tabula rasa". Es war damals völlig klar, dass Teile der Ostmoderne - auch Bauten, die heute unter Denkmalschutz stehen – wegkommen.

Das war die Planungsgrundlage, das war auch die Stimmung zu dieser Zeit. Und die Architekten haben dementsprechend natürlich Projekte gemacht, die von einer Tabula-Rasa-Situation ausgehen, auch Hans Kollhoff. Und er hat auf dem Areal, wo heute das Park-Inn-Hotel steht, drei Baublöcke mit Hochhäusern geplant. Der vierte Baublock ist bereits zum Teil umgesetzt: Das ist das Saturn-Gebäude - das dazugehörige Hochhaus wird im Moment geplant, durch ein Wettbewerbsverfahren. Und das ist umsetzbar, weil dort nichts steht. In den sechs Jahren, in denen ich hier in Berlin bin, habe ich einfach die Erfahrung gemacht, dass ich mit den jeweiligen Grundeigentümern keinen Schritt weiter komme, so lange sie nur die Alternative haben, entweder den Bestand abzureisen, um die Kollhoffsche Planung umzusetzen, oder alles so stehen zu lassen wie es jetzt ist.

"Dass man immer wieder den gleichen Fehler macht"

Wiegand: Wenn man sagt: Tabula Rasa gehört auch zur Geschichte Berlins, dass viel erneuert und anderes abgerissen wurde. Wenn man sich das nirgends traut und immer mit dem Halben lebt, was jetzt der Alexanderplatz ist - eine Situation, die durchaus nicht zufriedenstellend ist -, wo steckt da die Planung?

Lüscher: Die Planung steckt historisch darin, dass man vor 15 Jahren die Vorstellung hatte, dass man die Dinge ganz neu denken muss. Das ist ganz typisch für Berlin. Warum krankt die Mitte für gewisse Leute an fehlender Identität? Es hat nur damit zu tun, dass man immer wieder den gleichen Fehler macht, nämlich zu sagen: "Was vergangen war, interessiert uns nicht mehr, wir machen jetzt alles neu, wir machen Tabula Rasa."

Wiegand: Im Moment machen wir alles, wie es war, siehe das Schloss.

Lüscher: Teils, teils. Die Planung des Schlosses hat vorausgesetzt, dass man einen Teil weggerissen hat, den Palast der Republik. Also immer wieder das gleiche Verhalten: Dinge auslöschen und Neues oder Vergangenes wieder errichten. Ich bin der Meinung, dass man eine Strategie verfolgen sollte, in der man dem Bestehenden seine Berechtigung gibt und das Bestehende weiterbaut. Und wenn wir wieder auf den Alex gehen, kann man sagen, Okay, die Kollhoff-Planung muss in Teilen angepasst werden, nämlich dort, wo in der Zwischenzeit in den Köpfen der Berliner klar wurde, dass bestehende Bauten aus der DDR-Zeit ihre Berechtigung haben.

Und dass wir diese Zeitschicht nicht einfach ausradieren, sondern sie Teil der Geschichte dieser Stadt sind. Jetzt ist die Aufgabe von Hans Kollhoff - er ist auch dazu bereit, seine Planung so anzupassen -, dass neben diesem Park-Inn-Hotel, neben dem neuen Hochhaus, das ja auf seiner Planung beruht und umgesetzt wird, weitere Hochhäuser dazu komponiert werden, aber unter Einbezug des Bestandes.

"Das werden nicht mehr Idealstädte sein"

Wiegand: Bleibt da nicht so eine Umplanung Stückwerk? Ist das nicht unbefriedigend? Das kann doch nie ein einheitliches Ganzes ergeben?

Lüscher: Ja, die Zeiten in denen man Städte von Grund auf neu geplant hat, neue Straßenführung gemacht hat und dann mit Investoren die Idealstadt aufgebaut hat, sind vorbei. Unsere Städte sind mehrfach überformt. Insbesondere Städte, die auch sehr stark kriegszerstört waren. Diese Städte haben Brüche und sie können nur wieder in einer Kontinuität des Nebeneinanders von ihrer Geschichte erzählen. Das werden nicht mehr Idealstädte sein, sondern unsere Städte sind Zeiten und Veränderungen unterworfen. Dinge werden weggerissen, neue Dinge kommen dazu. Es natürlich die Aufgabe der Architekten und auch von Hans Kollhoff, seinen Masterplan so zu überarbeiten, dass er stärker mit dem Bestand in einen Dialog tritt.

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