Plastiktütchen mit Hanfaufdruck am Eingang des Parks [rbb/Weber]

Kreuzberg streitet über "Coffeeshop" - Zwischen Schwarzmarkt, Kifferhöhle und Abgabestelle

Der kleinste Berliner Bezirk hat große Pläne. Oder vielmehr: Monika Herrmann, die grüne Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, hat große Pläne. Sie will den Drogenhandel im Görlitzer Park eindämmen, indem sie einen "Coffeeshop" im Bezirk einrichten lässt - und damit ganz nebenbei den Handel mit Cannabis legalisiert. Die Anwohner sind skeptisch, ob die Probleme damit kleiner werden. Von Katja Weber

Auf Monika Herrmanns Schreibtisch stapeln sich die Aktenmappen, durch die dünnen Wände sind die Schritte auf dem Gang vor dem Büro deutlich zu hören. "Kommunalpolitik" hat sie in ihrem Steckbrief online als einziges Hobby angegeben. Jetzt ist die Kommunalpolitikerin dabei, vom kleinsten Berliner Bezirk aus das Betäubungsmittelgesetz der Bundesrepublik Deutschland anzugehen: Sie kämpft für eine kontrollierte Cannabis-Abgabe, um so dem illegalen Drogenhandel im Görlitzer Park das Wasser abzugraben. Und ist sich ihrer Sache dabei ganz sicher: "Wir wollen es jetzt mal versuchen. Denn wir wissen ja, dass die Drogenpolitik der Bundesrepublik und letztlich auch Berlins, wie sie jetzt ist, nicht funktioniert."

Knapp vier Kilometer entfernt vom Büro der Bezirksbürgermeisterin, im Restaurant Edelweiß mitten im Görlitzer Park, ist auch die Kellnerin Jennifer davon überzeugt, dass es so, wie es jetzt ist, nicht funktioniert. Die junge Frau lebt mit ihrer Familie in Köpenick, beruflich muss sie aber oft durch die Grünanlage - und sie fühlt sich von den Dealern belästigt. "Man wird alle zwei Meter angesprochen, man hat teilweise auch Angst, weil man ja auch nicht weiß, was das für Leute sind." Jennifer will mit der Gesellschaft, in der sie lebt, "klarkommen", meidet den Park aber auch privat, wenn sie mit ihrem Kind unterwegs ist.

Abgabestelle statt chilliger Kifferhöhle

Vor den Zugängen zum Park und auch innen, an den Wegen, stehen Gruppen junger Männer. Sie warten auf Kundschaft. Auch Jennifer denkt, dass eine Legalisierung diesen Drogenhandel trockenlegt.

Georg Wurth vom Deutschen Hanfverband beschäftigt sich seit mehr als 15 Jahren mit genau diesem Thema. Er möchte, dass Cannabisnutzer ihre Droge künftig kaufen können, ohne sich strafbar zu machen. Auch der Konsum solle ungestraft möglich sein. Er ist dafür, im Görlitzer Park große gastronomische Bereiche dafür einzuführen und die dann "schön chillig" einzurichten, "so dass die Leute sich da auch gerne aufhalten, so dass sie eben andere nicht nerven."

Monika Hermann, Bündnis 90/Die Grünen (Bild: imago)
Will eine nüchterne Atmosphäre im Coffeeshop: Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann

Nein, sagt Monika Herrmann, die nach eigener Auskunft ausschließlich legale Drogen wie Alkohol, Kaffee oder Zigaretten nutzt. In keinem Fall soll es "schön chillig" werden, Konsum vor Ort im Park will sie nicht. Und den Begriff "Coffeeshop" möchte sie sowieso nur als Arbeitstitel verstanden wissen. Ihr schwebt eine vollkommen unchillige "Abgabestelle" vor. "Wir denken an einen ganz schlichten und etwas nüchternen Verkaufsshop, wo es ausschließlich Cannabis zu kaufen gibt und der keine gemütliche Kifferhöhle werden wird."

Ausschließlich Volljährige sollen sich dort für ihren persönlichen Bedarf eindecken können. Das Argument, die Dealer würden sich dann auf die unter-18-jährigen Konsumenten werfen, lässt sie nicht gelten: "Da sind die Erfahrungen in der Tat andere, nämlich dass man den Schwarzmarkt austrocknen kann, weil die jugendlichen Käuferinnen und Käufer zu wenige sind, als dass es sich lohnt."

Vorbild Colorado?

Jugendschutz ist  eines der beiden Argumente, mit denen Herrmann im Antrag an das Bundesinstitut für Arzneimittel begründen möchte, wieso das Bundesgesetz geändert werden soll. Das andere: Verbraucherschutz. Denn das mit Lizenz verkaufte Cannabis wäre - anders als das illegal gehandelte - frei von Pestiziden und gefährlichen Streckmitteln wie Blei oder Flüssigplastik.

In diesem Punkt sind sich der Aktivist und die Bürgermeisterin einig.

Beide finden es auch vorbildhaft, wie die Legalisierung im US-Bundesstaat Colorado seit Anfang des Jahres umgesetzt wird. Ganz ähnlich wie dort, so Wurth, sollte es bald auch hier sein. "Man kann vom Samen bis zum letzten Gramm im Verkauf nachvollziehen, welche Wege das Zeug geht und natürlich auch entsprechend steuern, das ist auch ein wichtiger Aspekt. Und der Shop selbst oder der Großhandel, der müsste dann die Ware erstmal deklarieren, damit man weiß, welche Sorte das ist, wie hoch der THC-Gehalt ist."

Monika Herrmann spricht von einem "Biosiegel". Wenn diese hohe Qualität angeboten würde, hätte der Schwarzmarkt direkt daneben keine Chance. Für Georg Wurth ist auch der Preis wichtig: "Der Preis darf nicht über dem jetzigen Schwarzmarktpreis liegen, sondern möglichst etwas darunter. Das hat Uruguay jetzt auch so gemacht, die ja auch gerade die Legalisierung beschlossen haben. Die haben so einen niedrigen Preis angesetzt, dass der Schwarzmarkt einfach keine Chance mehr hatte."

Georg Wurth vom Deutschen Hanfverband [rbb/Weber]
Will einen möglichst freien Verkauf: Cannabis-Aktivist Georg Wurth

Dass die legale Abgabe von Cannabis dazu führen könnte, dass die Dealer stattdessen auf den Verkauf härterer Drogen ausweichen, weist Wurth von sich. "Wenn der Markt da ist für härtere und andere Drogen, dann würden sie die auch jetzt schon verkaufen, das ist mehr eine Frage von Nachfrage als von Angebot."

"Im Idealfall": Herrmann will Verkaufsstellen in ganz Berlin

So sieht das auch Herrmann. Die Märkte seien klar voneinander getrennt, sagt sie. Allerdings räumt sie ein, dass eine Kreuzberger Abgabestelle wohl nicht ausreicht, um den Schwarzmarkt vollkommen auszutrocknen. "Im Ideal ist es natürlich so, dass es nicht nur im Bezirk, sondern in ganz Berlin Verkaufsstellen geben wird. Und im Oberideal wäre es so, dass wir es tatsächlich mit dieser Initiative auch schaffen, dass die gesamte Bundesrepublik letztendlich auch ein anderes Gesetz hat und dass es nicht nur ein Modellversuch ist."

Für den Fall, dass es aber doch beim Modellversuch bleiben sollte, schweben Herrmann zwei mögliche Herangehensweisen vor: Entweder man muss beim Kauf schlicht seinen Ausweis vorlegen oder man braucht eine Berechtigungskarte für den Kauf von Cannabis.

Für die angesprochene große, bundesweite Lösung bräuchte sie Mitstreiter, am besten auch aus der CDU. In Berlin allerdings ist nicht mit Unterstützung der Christdemokraten zu rechnen - die sind empört über Herrmanns Vorstoß. Timur Husein, der stellvertretende Vorsitzende der CDU-Fraktion Friedrichshain-Kreuzberg, setzt auf den altbekannten Dreiklang: "Einmal Prävention – in Schulen, bei Jugendlichen -, dann Hilfe für die Süchtigen. Und: alle zur Verfügung stehenden rechtsstaatlichen Mittel – Polizei, Justiz – müssen zusammenarbeiten und durchgehend und effektiv und über einen längeren Zeitraum harte Kante zeigen."

Law and Order also. 138 Razzien gab es vergangenes Jahr im Görlitzer Park, also jeden zweiten oder dritten Tag eine. 365 Ermittlungsverfahren wurden wegen Drogenbesitzes eingeleitet - eine Menge Arbeit für die Polizei. Doch nach jeder Razzia wird weitergedeal.

Für Julia, Kellnerin in einer Bar in der Görlitzer Straße, löst ein Coffeeshop deshalb auch nicht das Problem: "Ich glaube, um diese ganze Dealerproblematik im Park zu lösen, müsste man generell eher an der Flüchtlingspolitik arbeiten und den Leuten die Möglichkeit geben, auf legalem Weg Geld zu verdienen." So sieht das auch Tjula, der in dünner Lederjacke und mit blauem Schal bei den Dealern steht. Er ist klar dagegen, Cannabis zu legalisieren. Tjula kommt aus Afrika, woher genau, will er nicht sagen. "Viele Leute kommen hierher in den Park, weil sie keine Arbeit haben und auch nicht das Recht, zu arbeiten. Darüber sollten wir reden", sagt er. "Wenn die Leute Arbeit hätten, würden sie gar nicht daran denken, hierher in den Park zu gehen."

So lange sie aber nichts anderes machen dürfen, werden die Dealer wohl weiter in den Park kommen.

Beitrag von Katja Weber, Inforadio

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