Ein Mann in einer Wärmelufthalle in Berlin (Quelle: dpa)

Regionaler Sozialbericht veröffentlicht - Armutsgefahr in Berlin und Brandenburg wächst

Deutschland ist ein reiches Land – aber nicht für alle. Die Zahl der Menschen aus Berlin und Brandenburg, die am Rande der Armut leben, ist in den letzten Jahren angestiegen. Betroffen sind vor allem Langzeitarbeitslose und Menschen mit niedrigem Bildungsabschluss. Doch auch ältere Menschen gehören erstmals zur Risikogruppe.

Arm zu sein heißt meist, vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen zu sein: 15,2 Prozent aller Berliner und 14,6 Prozent der Brandenburger lebten 2012 am Rande der Armut (Bundesdurchschnitt: 15,2 Prozent). Zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle Regionale Sozialbericht des Statistischen Landesamtes für Berlin-Brandenburg. Damit ist die Armutsgefährdung sowohl für die Berliner als auch die Brandenburger in den letzten Jahren tendenziell leicht gestiegen. Die niedrigsten Werte seit 1996 lagen in Berlin bei 13,3 Prozent im Jahr 2006, in Brandenburg in den Jahren 1996 und 1999 bei jeweils 10,7 Prozent.

Was bedeutet "arm"?

Als Maßstab der Studie wurde ein sogenanntes "relatives Armutskonzept" zu Grunde gelegt, das für alle EU-Länder gilt: "Personen, Familien und Gruppen sind arm, wenn sie über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedsstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist". In unserer modernen Gesellschaft bedeutet Armut in der Regel nicht, am biologischen Existenzminimum zu leben, also sprichwörtlich nichts zu Essen zu haben. Armut heißt, kein Geld zu haben, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Die sogenannte Armutsgefährdungsschwelle für Berlin beträgt 665 EUR für einen Einpersonenhaushalt, in Brandenburg 668 Euro. Alle Armutsschwellen sind seit 1996 stetig angestiegen.

Wer ist arm in Berlin und Brandenburg

Laut Studie stieg in der Region die Armutsgefährdung vor allem bei Menschen, die lange arbeitslos sind: In Berlin sind über die Hälfte aller Langzeitarbeitslosen arm, in Brandenburg sind es sogar zwei Drittel. Auch der Bildungsabschluss ist ein wichtiger Faktor: Über 35 Prozent aller Berliner und 39,4 Prozent der Brandenburger, die keinen oder einen niedrigem Bildungsabschluss haben, sind von Armut betroffen.

Junge Menschen zwischen 18 und 25 Jahren gehören ebenfalls zu den Risikogruppen in der Region: Fast ein Drittel (29,3 Prozent) von ihnen sind von Armut bedroht. Ungewöhnlich stark gestiegen ist die Gruppe der Armen unter den über 65-Jährigen. Sie hat sich den Angaben zufolge seit 2006 auf gut acht Prozent verdoppelt.

Im regionalem Vergleich leben anteilsmäßig die meisten armen Menschen in Berlin Neukölln und in Frankfurt (Oder).

Doch der Sozialbericht vermeldet auch positive Entwicklungen: Grundsätzlich haben mehr Menschen Arbeit und versuchen, einen höheren Berufsabschluss zu machen – beides verringert das Armutsrisiko deutlich.

Unterschiedliche Vermögensverteilungen

Der Regionale Sozialbericht Berlin und Brandenburg 2013 führt den vor zwei Jahren erschienenen ersten Bericht fort. Ausführlich behandelt werden die Themen Einkommensarmut und Einkommensverteilung. Außerdem enthält der Bericht Informationen zu Mindestsicherung, zum Bildungsstand, zur Erwerbsbeteiligung, Gesundheit und zur Wohnsituation. Neben der Landesebene stellt er auch die Entwicklung für Berliner Bezirke und Brandenburger Kreise und kreisfreie Städte dar.

Zeitgleich mit dem Regionalen Sozialbericht erschienen am Mittwoch die Ergebnisse einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung/DIW zur Vermögensverteilung in Deutschland. In keinem anderen Euro-Staat sei die Kluft zwischen Arm und Reich so groß wie in Deutschland. Beim privaten Reichtum gibt es laut Studie unter anderem erhebliche Differenzen zwischen West und Ost. So war das durchschnittliche Nettovermögen der Westdeutschen 2012 mit 94.000 Euro mehr als doppelt so hoch wie das der Ostdeutschen, die nur auf 41.000 Euro kamen.

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