Mehrere hundert Jugendliche protestieren in Berlin unter dem Motto Jugend verschwindet gegen Kürzungen im Jugenbereich und gegen Schließungen von Kinder- und Jugendprojekten (Archiv) (Quelle: imago)
Inforadio | 13.02.2014 | Ute Schuhmacher

Zu wenig Geld in den Bezirken - Jugendarbeit steht in Berlin hinten an

Jeder Euro weniger in der Jugendarbeit bedeutet umso mehr Geld, das für Gefängnisse ausgegeben werden muss: Zu dieser Meinung einzelner Vertreter der Justiz wird oftmals seufzend genickt. Die Parteien im Abgeordnetenhaus sind sich einig, dass Jugendarbeit wichtig ist. Trotzdem sinken die Ausgaben dafür seit Jahren – ein Jugendclub nach dem anderen wird geschlossen. Von Ute Schuhmacher

Die Frage, ob es hier in der Gegend noch einen Jugendclub gibt, beantwortet eine Gruppe Jugendlicher in Hohenschönhausen mit Kopfschütteln: "Also ich könnt mich nicht entsinnen das da noch irgendwo einer ist, außer das 'Tube' vielleicht. Das fehlt hier auf jeden Fall, ist ja kein Treffpunkt mehr. So kommen Jugendliche halt auf doofe Gedanken. Was machen wir jetzt im Winter? – Langeweile, Scheiße! Manchmal Feuerchen irgendwo. Man kommt schon auf doofe Gedanken wenn man Langeweile hat."

Mehr Glück haben die Jugendlichen aus dem Jugendclub in der Badstraße im Wedding. Der war auch mal zwei Jahre lang geschlossen, seit 2011 aber wieder geöffnet – zwar mit weniger Platz als früher, in Räumen die lange schon nicht mehr frisch gestrichen wurden, und mit Möbeln und Geräten die auch schon bessere Zeiten gesehen haben – aber es gibt ihn. Und er hilft, sagt eine 16-Jährige, die ihren Namen nicht nennen möchte: "Wir Jugendliche geben ganz schnell auf - das ist normal. Aber dass die uns dann noch weiter helfen und uns Mut geben, das ist schon gut."

Jugendliche trainieren Breakdance in einem Jungedclub (Quelle: imago)
Viele Jugendclubs müssen schließen

Die Sozialarbeiter in der Badstraße zeigen den Jugendlichen auch, wie sie Probleme lösen können, sagt sie. "Es gibt Eltern oder Elternteile die einem Kind sagen: 'Geh mal diesen Weg.' Aber es gibt auch Leute, die, wenn wir hierherkommen, uns mehrere Wege zeigen, die wir ausprobieren können. Und das ist richtig gut." Deshalb kommt sie mit ihren Freundinnen auch fast jeden Tag in den Club.

"Es muss einfach mehr Geld hier rein"

Der Treffpunkt konnte nur deshalb wieder aufmachen, weil ein anderer Club rund 1,5 Kilometer entfernt dicht gemacht wurde, erzählt Florian Schwanhäußer, CDU Bezirksverordneter und Vorsitzender des Jugendhilfeausschusses in Mitte. "Da ist auch viel Verlogenheit im Spiel", ärgert er sich. "Man kann schön Bildung fordern, wenn man sich nicht einmal hier umschaut. Es muss einfach mehr Geld hier rein."

Was ist nicht schon alles gemacht worden, um die Jugendarbeit finanziell besser zu stellen: Die Jugendhilfeausschüsse der Bezirke haben Brandbriefe an die Zuständigen verschickt. Jugendämter haben weiße Betttücher aus dem Fenster gehangen, um darauf aufmerksam zu machen, dass sie ihre gesetzlich vorgeschriebenen Aufgaben nicht mehr erfüllen können. Viele Gespräche sind geführt worden – bislang alles vergeblich.

Zuletzt scheiterte im vergangenen Jahr der Versuch, 11 Millionen Euro zusätzlich in die Jugendarbeit zu stecken, im Abgeordnetenhaus. Florian Schwanhäußer ist mit Blick auf die zerschrammten Wände und Clubmöbel in der Badstraße fassungslos: "20 Millionen kostet der Flughafen – pro Monat. Wir haben für die Jugendarbeit 11 Millionen Euro mehr gefordert. Das sind umgerechnet zwei Wochen Unterhaltskosten für den Flughafen. Aber es war nicht möglich."

Die Abgeordneten bewilligten hingegen 50 Millionen mehr für die Bezirke insgesamt. Allerdings nicht speziell für die Jugendhilfe, sondern für den gesamten Haushalt aller 12 Bezirke. Davon kann natürlich Geld für die Jugendhilfe ausgegeben werden. Ob das passiert, will die Jugendverwaltung nun wissen. Bislang ist von lediglich zwei Bezirken bekannt, dass sie tatsächlich Geld für zusätzliche Jugendarbeit ausgeben: Spandau und Tempelhof-Schöneberg.

Einmal im Monat Mitternachtssport in Tempelhof-Schöneberg

In Tempelhof-Schöneberg soll ab diesem Monat regelmäßig Mitternachtssport stattfinden – eines von zwei zusätzlichen Angeboten für die Jugendlichen hier. Der Stadtrat hätte es gerne einmal pro Woche gesehen, das klappt aber erst einmal nicht: Einmal pro Monat ist das Ziel, erzählt Ümit Baygül.

Er ist Mitarbeiter des Jugendarbeitsprojekts "OutReach", und kämpft schon lange für Mitternachtssport im Bezirk. "Geplant ist jetzt, hoffentlich – wenn es so weit ist – im Februar starten zu lassen", so Baygül. Angedacht ist die Schöneberger Sporthalle."

Ob dann Fußball gespielt, getanzt oder was ganz anderes gemacht wird, sollen die Jugendlichen selbst entscheiden können. Und wer lieber nur zuschauen will, kann auf die Tribüne gehen. Das sei ideal, freut sich Ümit Baygül, weil Sozialarbeiter aus verschiedenen Jugendprojekten im Bezirk zum Mitternachtssport kämen.

Die Jugendlichen könnten so ihre gewohnten Bezugspersonen beim Mitternachtssport treffen. "Die Jugendlichen kommen meist in Gruppen und einige nehmen die Sportangebote dann nicht wahr", so Baygül. Diese könnten dann aber die Zeit für Gespräche nutzen und mit den Sozialarbeitern über ihre Probleme sprechen: Termine beim Jobcenter, Stress in der Schule oder am Ausbildungsplatz – oder Probleme mit der Freundin.

Schlaglöcher zu sanieren hat im Bezirk Vorrang

Für Tempelhof-Schöneberg war es genau so ein Kraftakt, Geld für zusätzliche Angebote freizuschaufeln wie für Spandau: Der Bezirk im Berliner Westen steckt bereits seit vier Jahren kontinuierlich mehr Geld in die Jugendarbeit. Das ist einer der Schwerpunkte im Bezirk, sagt Spandaus Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank (SPD) und trotzdem: "Wir können jetzt nicht sagen dass wir jetzt besonders toll sind. Sondern es ist eher so, dass wir jetzt wieder ein Niveau erreicht haben, wo wir zumindest behaupten können: Das was unbedingt nötig ist, das können wir leisten."

Schlagloch (Quelle: dpa)
In Neukölln steht die Sanierung von Schlaglöchern auf der Prioritätenliste über der Jugendarbeit

Davon sind die meisten anderen Bezirke weit entfernt. Auch Neukölln. Was dort an zusätzlichem Geld im Bezirk angekommen ist, fließt nicht in die Jugendarbeit. Der Bezirk setzt andere Schwerpunkte, sagt Jugendstadtrat Falko Liecke CDU: "Stichworte sind auch Schlaglochsanierung und ähnliches. Ausgaben für Infrastruktur haben Vorrang vor – ich sag mal dem Thema sozialarbeiterische Arbeit in Neukölln."

Das ewige Problem der Bezirke: Weil die Finanzdecke allgemein zu kurz ist, um alle warm zu halten, bekommt immer jemand kalte Füße – meist sogar mehrere.

Die Jugendhilfe friert inzwischen ziemlich – berlinweit. Und das, obwohl es klare gesetzliche Vorgaben gibt, ärgert sich die Bezirksverordnete für die SPD in Tempelhof-Schöneberg, Marijke Höppner: "Auch, wenn in Tempelhof-Schöneberg mehr Geld in die Jugendarbeit gegeben wurde, werden die gesetzlichen Vorgaben von 10 Prozent des Gesamtjugendetats, die von der Jugendhilfe in die Jugendarbeit gehen sollen, in Berlin nicht erreicht. Der Betrag, den die Jugendarbeit tatsächlich erreicht, liegt unter 5 Prozent."

Spenden helfen und Schaden dem System gleichzeitig

Das Problem: Die gesetzlichen Vorgaben für die Jugendarbeit existieren zwar, aber die bezirklichen Pflichtausgaben wie beispielsweise Wohngeld oder Hartz IV haben Vorrang. Und der kleine Rest des Bezirksetats, der übrig bleibt, wenn die Pflichtausgaben abgezogen sind, reicht eben nicht für alles.

Not macht erfinderisch: Beim Abenteuerspielplatz "Stadt der Kinder" in Mitte versucht man das Finanzloch auszugleichen, indem in der Nachbarschaft Materialspenden erbeten werden. "Zum Beispiel Holz", sagt Betreuer Uwe Hennig. "Das läuft zum Teil ganz gut. Das sind oft ganz kleine Posten – Nachbarn, die ein paar Bretter, Balken unbehandeltes Holz haben, das wir hier für unsere Bastel- und Bautätigkeit benutzen können."

Dummerweise führen diese gut gemeinten und gewünschten Spenden dazu, dass über kurz oder lang noch weniger Geld für Jugendprojekte in Berlin ausgegeben werden kann. Klingt grotesk, ist aber die Folge der bisherigen Berechnungsmethode: Da wird berechnet was eine Durchschnittsstunde kostet. In die Berechnung fließt ein, was ausgegeben wurde. Wenn nun weniger ausgegeben wird, weil Material gespendet wurde oder Ehrenamtliche gearbeitet haben, kostet die Stunde im Schnitt weniger.

Für die Zukunft gibt es dann eben von vornherein weniger. Absurd findet das auch Jugendstaatssekretärin Sigrid Klebba (SPD). Sie hofft auf eine Arbeitsgruppe mit Bezirks- und Landesvertretern die vor einigen Wochen gegründet wurde. Die soll eine bessere Lösung finden. "Es geht darum, bestimmte qualitative Elemente einzuziehen und zu sagen, was sozusagen der Mindestpreis für eine Angebotsstunde ist, den wir brauchen, damit eine bestimmte Qualität der Ausgestaltung von Jugendarbeit gewahrt ist."

Bis zum Sommer soll diese Arbeitsgruppe sagen wie die Jugendarbeit in Berlin angemessen bezahlt werden kann. Teilnehmer der Gruppe sind verhalten optimistisch, ob das Ziel tatsächlich erreicht wird.

Beitrag von Ute Schuhmacher