Berlins Regierender Bürgermeister, Klaus Wowereit (SPD) (Quelle: dpa)

Kommentar zu Wowereit - Fader Beigeschmack

Klaus Wowereit ramponiert derzeit wieder einmal sein Ansehen, ist aber immer noch im Amt. Doch warum eigentlich? Weil seine Gegner einfach zu schwach sind. Die Krise rund um Staatssekretär André Schmitz hat allerdings auch gezeigt, dass der Regierende Bürgermeister nicht mehr Herr im Rathaus ist. Die jetzige Verschnaufpause sollte er nutzen. Ein Kommentar von Jan Menzel

Er steht. Er bleibt. Und mit ihm ein fahler Beigeschmack. Klaus Wowereit und Berlin, das ist eine lange Geschichte. Auf und ab. "Liebling Wowi" genauso wie das "Feindbild Wowereit". Der Berliner meckert bekanntlich gerne - und Wowereit liefert dafür Stoff in Hülle und Fülle. Andererseits: Niemand verkörpert Schnoddrigkeit und Offenheit wie auch die rasante Entwicklung der Hauptstadt besser als der 60-Jährige - gefühlt fast schon ewige - Bürgermeister.

Auch das erklärt, dass die knappe Mehrheit der Berliner seinen Rücktritt (noch) nicht will. Wowereit gehört zum Inventar der Hauptstadt - selbst jetzt, da er in den Umfragen auf den hinteren Plätzen der Beliebtheitsskala rangiert. Dort befindet sich der einstige Sonnenkönig seit seiner Bruchlandung mit dem Hauptstadtflughafen. Besserung nicht in Sicht.

Was hält Klaus Wowereit also noch im Amt? In aller Kürze: Die Schwäche seiner Gegner. Die Opposition macht, was sie tun muss: den Regierungschef kritisieren. Doch den Unmut über Wowereit können Grüne, Linke und Piraten nicht in Zustimmung für sich ummünzen. Die CDU, der Regierungspartner in der großen Koalition, macht einfach gar nichts. Sie schaut zu, wie der Regierende sein Ansehen ramponiert und die SPD im Moralmorast der Steuersünderdebatte versinkt. Bequemer geht’s nicht.

Was passiert, wenn der Baum stürzt?

Und in der Berliner SPD üben sich die potentiellen Nachfolger Wowereits in Fingerhakeleien. Doch keiner will derzeit den Amtsinhaber zum Armdrücken herausfordern. Sowohl der junge ehrgeizige Fraktionschef Raed Saleh als auch Landeschef Jan Stöß, der sich erst vor zwei Jahren gegen Wowereits Willen ins Amt putschte. Beide zögern, auch weil beide nicht wissen, was vielversprechender ist: die offene Attacke, um Wowereit zu stürzen oder der Versuch, auf eine einvernehmliche Art und Weise eine Amts-Übergabe hinzubekommen.

Und natürlich ist auch Angst dabei: Was passiert, wenn der alte Baum krachend stürzt, und die kleinen Pflanzen, die bisher in seinem Schatten standen, mit sich reißt?

Die Chance der Atempause

Und zu guter Letzt ist da der Regierende Bürgermeister, der in seiner langen politischen Karriere bemerkenswerte Aussitzer-Qualitäten entwickelt hat. Er selbst bemüht lieber Begriffe wie Tugend, Loyalität, Standfestigkeit, um seine Rolle in der Steueraffäre seines Getreuen André Schmitz zu beschreiben. Das hilft, um über diese Krise hinwegzukommen. Das hilft auch, um die nächsten Wochen und Monate zu überstehen.

Diese Krise - und vor allem Wowereits Umgang mit ihr - haben aber gezeigt, dass der Regierende Bürgermeister längst nicht mehr Herr im eigenen Rathaus ist. Klaus Wowereit und seine SPD, sie haben sich gemeinsam eine Atempause verschafft. Wowereit sollte sie nutzen, um für sich nach fast 13 Jahren im Amt einen würdigen Schlusspunkt zu setzen.

Beitrag von Jan Menzel

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