Berlins Opferbeauftragter Roland Weber im Interview - Die Angebote sind da, aber schwer zu finden...

Berlin leistet sich etwas, das bislang keine andere Stadt in Deutschland hat: Einen Opferbeauftragten. Rechtsanwalt Roland Weber kümmert sich um Menschen, die Opfer einer Straftat geworden sind, und die Hilfe brauchen. Vor gut einem Jahr hat der Jurist dieses Ehrenamt im Auftrag des Senats übernommen - und nun seinen ersten Bilanzbericht vorgelegt. Sylvia Tiegs hat mit ihm darüber gesprochen.

Sylvia Tiegs: Wie lässt sich Ihre Arbeit beschreiben: Sind Sie ein Ombudsmann für Opfer, den Opfer ansprechen können und der sich um deren Angelegenheiten kümmert oder sind Sie eher jemand, der zu geeigneten Helferstellen Wege weist?

Roland Weber: Das müssen Sie sich im zweiten Sinne vorstellen. Ich bin keine Beratungsstelle, keine primäre Anlaufstelle für betroffene Bürger. Hier ist es vielmehr so zu betrachten, dass die Bürger mich selbstverständlich anrufen, davon machen sie auch Gebrauch, viele schicken auch eine E-Mail – ich berate aber nicht. Ich zeige dann nur den Weg, und darum geht es häufig: Macht eine Anzeige Sinn, was kann ich konkret tun? Es werden Sorgen und Nöte geäußert, und ich bemühe mich, zu zeigen, welche Stelle kann am besten helfen.

Was haben Sie denn aktuell für Anfragen?

Die Bandbreite ist sehr, sehr quer aufgestellt. Regelmäßig bekomme ich Anrufe und Emails, in denen mir Leute berichten was ihnen passiert ist und wissen wollen, was passiert denn jetzt? Bekommt der Täter meine Anschrift mitgeteilt, was ist, wenn ein Gerichtsverfahren stattfindet, muss ich dem dort gegenüber sitzen? Kann er mich wiedererkennen, besteht die Gefahr von Racheaktionen? Das sind Dinge, die viele Bürger beschäftigen. Andere Angelegenheiten sind, dass Leute aus dem Urlaub zurückkommen, Opfer einer Straftat waren und merken, sie sind viele Wochen krankgeschrieben, leiden an Folgeoperationen und wollen wissen: Wie hilft mir der deutsche Staat, kann er überhaupt helfen oder muss ich mich damit begnügen, dass die Krankenkasse sagt: 'Nur diese und jene Leistung zahlen wir und dann ist Schluss.'

Können Sie denn dann etwas anbieten? Wir hatten ja in Deutschland die Diskussion, dass man Täter gut behandelt, schon alleine, weil sie sich in den Händen der Justiz befinden – aber Opfer mit bestimmten Fragen alleine lässt. Gibt es Einrichtungen, bei denen Sie Opfer in solchen Fragen weitervermitteln können?

Ich denke, wir sind da in den letzten Jahren in Deutschland deutlich besser geworden und gerade hier in Berlin sind wir ziemlich gut aufgestellt, auch im Vergleich zu vielen anderen Bundesländern. Das bietet sich ja auch im Stadtstaat und in der Millionenstadt Berlin an, da gibt es einfach mehr als in so manchem Flächenstaat. Es ist nur so, viele Bürger wissen das nicht genau. Es ist dann schwer, herauszufinden: Wie finde ich einen kompetenten Traumatherapeuten, wer begleitet mich zu Gerichtsterminen und dergleichen? Die Angebote sind da, nur der Bürger findet nur noch nicht so ohne weiteres den Weg zu diesen Angeboten.

Kriegen Sie manchmal auch Rückmeldungen von Betroffenen, die sagen: "Das hat mir geholfen, dort hat es weniger geklappt"?

Ja, und darüber freue ich mich auch, denn dann sehe ich, dass die Richtung stimmt. Ich bin auch dankbar über konstruktive Kritik, dann kann ich konkret nachschauen, wo man sich verbessern kann.

Die Position des Opferbeauftragten ist ein Ehrenamt. Sie führen es jetzt etwas länger als ein Jahr aus. Was sticht in Ihrer persönlichen Bilanz heraus?

Zunächst einmal hat mich überrascht, wie viele Bürger mich anschreiben und anrufen, obwohl ich ja keine Beratungsstelle im eigentlichen Sinn bin. Das waren im ersten Jahr zirka 350 Anfragen, das fand ich erstaunlich viel – täglich waren es mehr als eine Anfrage im Durchschnitt. Das zeigt mir, dass ein enormer Bedarf da ist.

Gab es Fälle, die Sie von den Socken gehauen haben, wo Sie dachten "Ich hätte nicht gedacht, dass es solche Nöte gibt"? Sie kennen ja einiges von Ihrer Arbeit als Rechtsanwalt und Strafverteidiger.

Im Wesentlichen war mir das bekannt, ich kann nicht sagen, dass mir das passiert ist. Ich arbeite ja seit über zehn Jahren in diesem Bereich und habe daher ein persönliches Netzwerk, kenne viele Menschen in unterschiedlichen Behörden und Einrichtungen, an die ich Betroffene entsprechend weitervermitteln kann.

Ein Mann schlägt eine Frau - (Bild: dpa)
Rund 350 Anfragen erreichten den Berliner Opferbeauftragten im vergangenen Jahr.

Sind die Folgen, mit denen Opfer kämpfen, oft körperliche Probleme, Ängste  - sind das immer die gleichen Muster, in die man als Opfer hereinrutscht oder ist das sehr verschieden?

Da beobachte ich ganz unterschiedliches. Manche Betroffene haben ganz erhebliche körperliche Schäden, bei manchen sind es schwere psychische Schäden und bei den Dritten ist es alles. Es gibt auch finanzielle Folgewirkung bei den Geschädigten, es ist wirklich alles dabei.

Opferbeauftragter klingt erstmal sehr verheißungsvoll, weil wenn jemandem etwas passiert, weiß man, an den kann ich mich wenden; aber für bestimmte Menschen ist das Wort "Opfer" ein Schimpfwort. Wie beobachten Sie das?

Ich habe versucht, zu analysieren wie die Hilfe von wem angenommen wird. Es gibt Gruppen, die tun sich per se einfach schwerer, zum Beispiel kleine Kinder oder Jugendliche, die sich alters- und reifebedingt nicht wissen, an wen sie sich wenden können. Das gleiche gilt für ältere Mitbürger und Pflegefälle. Leider geschehen auch hier immer wieder Straftaten. Bei den breiteren Gruppen, sprich der erwachsene Berliner Bürger, da lässt sich tatsächlich feststellen, dass Männer deutlich seltener Hilfe in Anspruch nehmen. Das zieht sich aber durch wie ein roter Faden, die gehen deutlich seltener zum Arzt, sie wenden sich seltener an Behörden, sie möchten seltener eine Begleitung Gerichtsverhandlungen, nehmen seltener eine anwaltliche Hilfe in Anspruch – das ist interessant zu beobachten.

Kann man da etwas dagegen tun?

Ja, ich habe mir darüber Gedanken gemacht und die Berliner Angebotslandschaft danach analysiert, ob es spezielle Ansprechstellen für Männer gibt. Es gibt welche, zu denen werde ich jetzt auch Kontakt aufnehmen, aber tatsächlich ist das Angebot äußert dürftig, während es für Frauen und Kinder - glücklicherweise - ein breites Angebot gibt. Es würde mich aber freuen, wenn wir auch für Männer ein bisschen mehr bekommen könnten.

Also das wäre sozusagen ihr persönlicher Arbeitsauftrag für das folgende Jahr, denn sie machen dieses Ehrenamt ja weiter.

Es ist einer von mehreren. Aktuell bin ich damit beschäftigt, dass ich die Informationsblätter für die Bürger verbessern möchte. Da bin ich gerade dabei, Entwürfe dafür zu erstellen, weil mir aufgefallen ist, dass so manche Informationsblätter, die die Polizei oder Gerichte verschicken, weitgehend unverständlich für die Betroffenen sind. Sie sind leider in Behördendeutsch geschrieben, bei dem auch ich genau hinschauen muss, damit ich das genau nachvollziehen kann. Das ist schlecht. Wenn man sich beruflich viele Jahre mit etwas beschäftigt und immer noch Schwierigkeiten hat, alles zu verstehen, dann muss es für den, den es eigentlich angeht, überhaupt nicht mehr nachvollziehbar sein. Ich hoffe, dass wir bis Ostern oder Pfingsten damit durch sind. Ich möchte auch speziell Fachstellen anschreiben, die sich um Kinder und Jugendliche kümmern. Auch da ist oft nicht bekannt, was die Kinder alles für Rechte haben, Rechte, die die Kinder auch kostenfrei in Anspruch nehmen können. Da lässt sich überall was machen. Dann habe ich mich in den letzten Monaten mit mehreren Direktionen der Polizei zusammengesetzt, damit wir lokale Verbesserungen der Netzwerke erreichen, mit Migrantenverbänden, Vereinen aus den unterschiedlichsten Bereichen, damit wir die Ansprechpartner besser kennenlernen und sie uns als Multiplikatoren für die Bereiche sagen können: Da und dort kann geholfen werden.

Sie sind von Hause aus Rechtsanwalt. Gerät man da manchmal in einen Konflikt, wenn Sie als Rechtsanwalt einen möglichen Straftäter vertreten vor Gericht, aber es als Opferbeauftragter es mit Opfern von Gewalttätern zu tun haben? Oder ist das für Sie Teil einer Medaille?

Ich persönlich sehe das nicht als Konfliktsituation. Grundsätzlich vertrete ich die Position, dass in einem Rechtsstaat jeder Beschuldigte den Anspruch auf die beste Verteidigung haben soll. Für mich gibt es da kein schwarz-weiß-Denken, hier der Täter, da das Opfer, sondern für mich ist hier ein Beschuldigter, dort ein vermutlich Geschädigter. Wenn wir dort im Gerichtssaal entsprechend respektvoll miteinander umgehen, das gilt natürlich auch schon für das Ermittlungsverfahren, dann können wir je nach Sichtweise gute Ergebnisse erzielen. Und die meisten meiner Kollegen und Kolleginnen arbeiten auch nach diesem Prinzip.

Das Sie jetzt als Opferbeauftragten auch die Geschädigten-Seite im Blick haben: Wird das Bild vielleicht kompletter, dass nicht nur jeder das Recht hat, angemessen vor Gericht vertreten zu werden, sondern das auch Opfer Möglichkeiten haben, beachtet zu werden und Unterstützung zu erfahren?

Ja und das ist auch gut so. Die gesetzgeberischen Verbesserungen der letzten Jahre führten auch dazu, dass Opfer vielfach die Möglichkeit haben, einen für sie kostenfreien Opferanwalt in Anspruch nehmen zu können. Damit haben sie andere Möglichkeiten, nicht nur als Zeugen in den Gerichtssaal hinein- und hinausgehen, ohne wirklich viel zu erfahren. Die Leute können, wenn sie das denn wollen, aktiv am Strafverfahren teilnehmen, mit entsprechender Vertretung und dergleichen. Meine Beobachtung ist die, was den Gerichtsfrieden und letztendlich die innere Sicherheit in Deutschland angeht: Es ist wirklich gut, wenn ab einem gewissen Mindestmaß der Delikte, die angeklagt werden, beide Seiten anwaltlich vertreten sind.

Das Gespräch führte Sylvia Tiegs, Inforadio

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