Wehende Regenbogenfahne (Bild: DPA)

Streit über Umbenennung des CSD - Wem gehört der Regenbogen?

Wie viel Party darf es sein auf dem Christopher Street Day? Diese Frage spaltet die schwul-lesbische Communitiy in Berlin seit Jahrzehnten. Jetzt ist der Streit wieder entbrannt, denn die Veranstalter des CSD-Umzugs haben diesen kurzerhand umbenannt: "Stonewall-Parade" soll er heißen, und er soll politischer werden. Das gibt Ärger.

Es geht um die Deutungshoheit für den Umzug am Traditionstag der Schwulen und Lesben: Die Parade zum Christopher-Street-Day, kurz: CSD, wie er in Deutschland genannt wird.

In den meisten anderen Ländern heißt er "Gay Pride" oder "Pride Parade", in Berlin schon immer CSD - eben genau wie der Tag, an dem Schwule, Lesben und Angehörige anderer sexueller Minderheiten ihre Rechte einfordern.

Aber damit soll jetzt Schluss sein, der Berliner Umzug wird umgetauft: Die Mitglieder des Veranstalter-Vereins CSD e.V. beschlossen Ende Januar bei einer Sitzung, dass er künftig "Stonewall-Parade" heißen soll.

Ein Name mit Geschichte: Im "Stonewall Inn" in der New Yorker Christopher Street setzten sich damals, am 28. Juni 1969, Schwule und Lesben zum ersten Mal gegen die ständigen Polizeikontrollen in der Homosexuellen-Kneipe zur Wehr. Der Tag wird deshalb seit Jahrzehnten von der schwul-lesbischen Community international als Tag der Rechte von Homosexuellen gefeiert – mit großen Umzügen, auf denen Angehörige sexueller Minderheiten ihre Rechte einfordern.

Berliner Tradition seit 35 Jahren

In (West-)Berlin marschierten 1979 zum ersten Mal Schwule und Lesben durch die Straßen. Es waren 400, und sie wurden aus der Bevölkerung stark angefeindet.

Heute wirkt der Umzug am CSD in Berlin fast schon wie eine Konsens-Veranstaltung: Hunderttausende Menschen laufen mit, der Regierende Bürgermeister mischt sich unter die Menge, und alle feiern nach einem gut gelaunten Umzug auf zahllosen Partys weiter. Zwar ist seit dem vergangenen Jahr die Anzahl der Werbeplakate streng reduziert, aber der Umzug ist trotzdem noch reichlich damit ausstaffiert.

Demonstration gegen gesellschaftliche Diskriminierung auf dem Christopher Street Day in Berlin, 2013 (Quelle: dpa)
Nicht politisch? Christopher Street Day 2013.

Veranstalter wollen "Back to the Roots"

Dieser "Kommerz" passt den Veranstaltern nicht, sagen sie, sie wollen mit einem neuen Konzept "Back to the Roots" und wünschen sich den Umzug kämpferischer. Angesichts der Situation von Homosexuellen in Russland, Uganda und anderen Ländern, aber auch angesichts der immer noch mangelhaften Gleichstellung in Deutschland sei das notwendig, meint CSD-Geschäftsführer Robert Kastl. Deshalb also jetzt: "Stonewall-Parade".

Protest und Unverständnis

Die Umbenennung stößt auf scharfen Protest. Die schwullesbischen Vertreter von Union, SPD, Linken, Grünen und FDP werfen den Veranstaltern undemokratisches Verhalten vor: "Ein kleines Gremium entscheidet über die Namensänderung einer Gemeingutveranstaltung, mit der sich Hunderttausende identifizieren", heißt es in einem offenen Brief. Die Frage der Namensgebung müsse in einer öffentlichen Diskussion aller Beteiligten geklärt werden.

Dieser Meinung schließt sich auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) an: "Dieser offene Brief unterschiedlicher Parteien sollte für die Vereinsmitglieder ein Warnhinweis sein", sagte er der Berliner Zeitung. Eine machtvolle Demonstration für die gleichen Rechte Homosexueller müsse das gemeinsame Ziel sein.

In der Community regt sich auch eher Unverständnis über die Umbenennung. Die Tatsache, dass Schwule und Lesben gemeinsam auf die Straße gingen und Gesicht zeigten, sei doch an sich schon politisch, heißt es in vielen Internet-Einträgen. Und auch den Veranstaltern gehe es – über den neuen Namen – möglicherweise um Kommerz. Immerhin hätten sie die neue Marke "Stonewall" bereits eintragen lassen, heißt es.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) auf dem Christopher Street Day in Berlin. Im Hintergrund: Koalitionspartner Frank Henkel (CDU) Quelle: dpa
Christopher Street Day 2012. Da durfte auch die CDU noch mitfeiern.

Kastl: Umbenennung des Umzugs ist beschlossene Sache

Das will sich Robert Kastl nicht vorhalten lassen: "Natürlich müssen wir die Marke schützen, wir hatten beim CSD in der Vergangenheit schon viele Trittbrettfahrer, die mit unserem Namen Geld verdient haben", sagte Kastl rbb-online. Und die Umbenennung des Umzugs sei beschlossene Sache: "Bei der Mitgliederversammlung gab es eine derart große Mehrheit ... ich kann mir nicht vorstellen, dass sich daran etwas ändern würde, wenn wir sie jetzt noch einmal einberiefen."

Die politischen Parteien sollen in die Entscheidungsfindung allerdings nicht mit einbezogen werden, erklärt der Verein. Das gebiete die politische Unabhängigkeit.

Kastl hält den schwul-lesbischen Vertretern der Parteienvor, sie hängten sich mit ihrem Brief an die CDU, die ohnehin gegen den CSD e.V. schieße.

CDU darf nicht mitmarschieren

Zwischen dem CSD und der CDU herrscht in der Tat Eiszeit: Die Organisatoren hatten die Partei im vergangenen Jahr vom Umzug ausgeschlossen, wegen "grundgesetzwidrigen Verhaltens". Gemeint ist der Kurs der Union bei der Gleichstellungspolitik. Derzeit sieht es auch nicht danach aus, als dürfe die Partei in diesem Jahr mit einem eigenen Wagen teilnehmen.

Gegenveranstaltung ist schon längst erfunden

Der Machtkampf zwischen Politik und CSD-Veranstaltern hat also seine Geschichte. Genauso wie die Frage: "Politik oder Kommerz beim CSD?" Vielen politisch denkenden Schwulen und Lesben in Berlin ist der Umzug seit langem zu kommerziell. Sie feiern seit 1998 immer im Juni den "transgenialen" CSD, eine Art Gegenprogramm zum CSD, und ziehen quer durch Kreuzberg.