ILLUSTRATION - Der Vordruck für eine Anonyme Bewerbung ohne Foto, Name und Alter der Person (Quelle: dpa)

Anoyme Bewerbungen in Berlin - Vorurteile sollen draußen bleiben

Bei der Berliner Verwaltung kann man sich jetzt erstmals anonym bewerben. Ohne Namen und Foto, ohne Geschlecht oder Alter: Dieser Modellversuch soll zeigen, ob neutrale Bewerbungsschreiben Türen öffnen können - und Vorurteile abbauen.

Auf dem ersten Blick sieht man es der Anzeige nicht an, dass sie eine Premiere in Berlin ist. Nur das kleine, rote Logo deutet auf eine Besonderheit hin: “Vielfalt fördern, anonym bewerben“ steht darauf. Testweise ist das Landesamt für Arbeits- und Gesundheitsschutz die erste Behörde in der Hauptstadt, bei der man sich nun in anonymisierter Form bewerben kann. Ziel des Pilotprojekts ist es, dass Bewerber mit Migrationshintergrund sowie Ältere und Behinderte aufgrund von Vorurteilen nicht vorzeitig ausgesiebt werden. Es gehe dabei um Gerechtigkeit, sagt Integrationssenatorin Dilek Kolat, deren Verwaltung das Pilotprojekt federführend leitet. Bewerber dürften aufgrund von Vorurteilen nicht vorzeitig ausgesiebt werden.

Ganz neutral gegen unbewusste Vorbehalte

Wer Namen wie Mustafa oder Hatice trägt, wird seltener zum Vorstellungsgespräch eingeladen als Bewerber, die Markus oder Martina heißen. Das belegt eine bundesweite Studie des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Migration und Integration. Das soll sich in Berlin nun ändern. Gesucht werden beim Landesamt konkret Anwärter für die Laufbahn als Arbeitsschutz-Oberinspektor. Wer an dieser Laufbahn Interesse hat, muss sich ein Bewerbungsformular herunterladen, Motivation und Qualifikation eintragen und an die Behörde schicken. Angaben, die Rückschlüsse auf Informationen wie Geschlecht, Alter oder Herkunft beispielsweise zulassen, sollen dabei vermieden werden. Es sei denn, man möchte diese Merkmale als besonders positiv - zum Beispiel wegen Sprachkenntnissen - herausstellen. Name und das übliche Bewerberfoto entfallen im anonymen Bewerbungsverfahren ganz.

"Was schwingt unbewusst mit?"

Auf der Webseite der Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen gibt es Tipps für Bewerber, welche Formulierungen helfen können, um nicht gleich aussortiert zu werden. Das Ergebnis bietet den Verantwortlichen eine neutrale Entscheidungsgrundlage. Die Karten werden erst in der zweiten Runde bei den Vorstellungsgesprächen auf den Tisch gelegt. Dann entscheidet sich, ob ein Migrant oder jemand nahe dem Rentenalter hinter den formal Besten für den Job steckt.

Unterstützt wird der Versuch von der Anti-Diskrimierungsstelle des Bundes. Neun weitere Länder erproben das Verfahren schon. Positive Erfahrungen wurden so schon im niedersächsischen Celle gesammelt. Dort wurde das Verfahren zwei Jahre lang bis 2012  getestet – und man werde dabei bleiben, sagte Personalchef Jockel Birkholz der "Berliner Zeitung". "Man fragt sich jetzt: Wenn ich nach einem Blick aufs Bewerberfoto die Mappe aussortiere – was schwingt da eigentlich unbewusst mit", sagt Birkholz. Man habe auch Bewerber zum Gespräch eingeladen, die vorher kein Gehör gefunden hätte.

Korrekturentwurf (Quelle: Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen)

Im Spätsommer wird das Pilotprojekt in Berlin ausgewertet sein. Danach könnte das anonymisierte Bewerberverfahren landesweit eingeführt werden. Auch Bezirke wie Reinickendorf, Pankow, Mitte und Charlottenburg-Wilmersdorf haben laut Senatorin Kolat Bereitschaft signalisiert mitzumachen. Dann könnte das rote Logo häufiger in Stellenanzeigen zu sehen sein.

Mit Informationen von Thomas Weber, rbb Landespolitik

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