Demonstranten blockieren am 05.04.2014 in Wittenberge (Brandenburg) eine Straße auf der Rechtsextreme in Polizeibegleitung entlangziehen (Quelle: dpa)

Bürgerfest in Wittenberge - Gegendemonstranten stoppen Neonazi-Aufmarsch

Zahlreiche Bürger haben sich am Samstag in Wittenberge einem Aufmarsch von Rechtsextremisten in den Weg gestellt. Eine Zeit lang standen sich beide Gruppen von der Polizei getrennt gegenüber, schließlich zogen die Neonazis unter dem Jubel der Gegendemonstranten ab. In der Stadt läuft noch bis zum Abend ein Bürgerfest.

Gleich mit einem Dutzend Gegenveranstaltungen haben sich die Bürger von Wittenberge am Samstag gegen einen Neonazi-Aufmarsch gewehrt. Bei Gegendemonstrationen zeigten auch Landtagsabgeordnete, mehrere Bürgermeister der Region und auch Brandenburgs Finanzminister Christian Görke (Die Linke) Gesicht. "Der Hass der hier verbreitet wird, ist unerträglich", so Görke. "Deshalb ist es gut, dass Wittenberge hier Flagge zeigt und diesem rechten Mob die Stirn bietet."

Ab Mittag hatte sich die angekündigte Demonstration der Neonazis in Bewegung gesetzt. Etwa anderthalb Stunden lang standen sich beide Gruppen in der Perleberger Straße gegenüber, getrennt von einem starken Polizeiaufgebot. Nach Polizeiangaben waren mehr als 700 Beamte im Einsatz.

Offenbar durch Verhandlungen von Antikonfliktteams gelang es, die Rechtsextremisten zu einer Kursänderung zu bewegen. Sie zogen unter dem Jubel der Gegendemonstranten in eine Nebenstraße ab.

Rechte hatten Demo mit etwa 100 Teilnehmern angemeldet

Nach Angaben eines Polizeisprechers wurden zwei Personen aus dem linken Spektrum vorläufig festgenommen. Ein Gegendemonstrant habe einen Beamten mit einer Fahnenstange angegriffen, ein anderer einen Böller geworfen.

Veranstalter des Aufmarschs am Samstag war die rechte Gruppierung "Freie Kräfte Neuruppin/Osthavelland". Sie hatte das Motto "Sieh nicht zu, wenn deine Stadt stirbt - werde aktiv" für den Aufzug mit 100 Teilnehmern vorgegeben.

Stadt lässt Plattenbauten abreißen

Seit der Wende kämpft die Prignitz mit einem starken Bevölkerungsrückgang. Viele junge Leute ziehen weg, zurück bleiben die Älteren. Viele Wohnungen stehen leer, vor allem in den Plattenbauten am Stadtrand. Wittenberge verfolgt mittlerweile einen radikalen Umbaukurs, um dem Problem Herr zu werden: Bis 2030 will die Stadt ingesamt rund 4.130 Wohnungen rückbauen. Dadurch, so zumindest die Hoffnung, belebt sich die Stadtmitte wieder.

Doch nicht alle Einwohner sind mit diesem Konzept glücklich: Unmut regt sich vor allem bei den betroffenen Mietern, oft ältere Menschen, die ihre Wohnungen verlassen müssen. Und in diese Kerbe schlagen die Rechten und versuchen die Problematik für sich zu instrumentalisieren.

"Die wollen sich nur als Retter aufspielen"

In der Stadt hatte sich jedoch bereits im Vorfeld breiter Widerstand gegen den Neonazi-Aufmarsch formiert. Anfang März hatten sich Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Vereinen und Kirchen auf eine Reihe von Gegenveranstaltungen verständigt - unter anderem auf ein Bürgerfest.

Auch das Bündnis "Wittenberge Nazifrei!", das nach eigenen Angaben von Brandenburgs Justizminister Helmuth Markov (Linke) unterstützt wird, kündigte Aktionen an.

Zum Motto der Neonazi-Kundgebung sagte der Sprecher von "Wittenberge Nazifrei!", Thomas Müller, vorab im Gespräch mit rbb online, es gehe den Rechten nicht um ein Konzept, wie den Menschen in der Region geholfen werden könne. "Die wollen sich nur als Retter aufspielen." Der eigentliche Hintergrund sei eher der Plan, die rechte Szene in der Region auszubauen und zu vernetzen.

Stadt und Kirche luden zum Bürgerfest

Die Stadt Wittenberge und die Kirche haben ihrerseits mit einem großen Stadtfest unter dem Titel "Schöner Leben ohne Nazis" die Bürger auf die Straße gebracht. Wittenberges Bürgermeister Oliver Hermann (parteilos) sagte vorab dem rbb, die Prignitz stehe für eine tolerante, weltoffene Region, die sich ihre Haltung durch Neonazis nicht verderben lasse. Mit einer "durchaus spaßigen, aber auch mit dem nötigen Ernst versehenen Veranstaltung" wolle man darauf aufmerksam machen.

Am Paul-Lincke-Platz startete um "fünf vor zwölf" offiziell das Bürgerfest mit einem Streetsoccer-Turnier und anschließendem Bühnenprogramm, zudem fand ein Friedenslauf statt. Am Abend wurde vor dem Rathaus eine Menschenkette gebildet.

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