Archiv: Verfallene Altbauten in Wittenberge (Quelle: imago)

Wittenberge begegnet Aufmarsch mit Bürgerfest - "Die wollen sich nur als Retter aufspielen"

Neonazis wollen am Samstag in Wittenberge aufziehen, angeblich um gegen den Bevölkerungsschwund in der Region mobil zu machen. Tatsächlich ist die Abwanderung ein Riesenproblem für die Stadt. Gegen den Aufmarsch der Rechten regt sich dennoch Widerstand. Mit einem großen Fest will Wittenberge die Mär vom "Volkstod" widerlegen.

Gleich mit einem Dutzend Gegenveranstaltungen wollen sich die Bürger von Wittenberge gegen einen geplanten Neonazi-Aufmarsch wehren. Rechte Kräfte haben für Samstagmittag eine große Demonstration in der Stadt angemeldet. Die Veranstalter, die Freien Kräfte Neuruppin/Osthavelland, haben etwa 100 Teilnehmer angekündigt, wie eine Polizeisprecherin gegenüber rbb online sagte. Antifa-Vereinigungen, Kirchen und Politik riefen daraufhin zu den Gegenveranstaltungen auf.

Unter dem Motto "Sieh nicht zu, wenn deine Stadt stirbt - werde aktiv" machen die Neonazis den starken Bevölkerungsschwund in der Region zum Aufhänger ihres Protests. Auf ihrer Internetseite fordern die Freien Kräfte Neuruppin/Osthavelland, "dem Volkstod verschriebene Landschaften nicht kampflos" aufzugeben.

Die Brandenburger Polizei rechnet nicht damit, dass viele Neonazis an dem Aufmarsch teilnehmen. Die rechte Szene in Nordbrandenburg sei nicht so stark, überhaupt 100 Teilnehmer zusammenzubekommen, sagte ein Sprecher der Polizeidirektion Nord am Freitag. Möglicherweise könnten Rechtsextremisten aus anderen Regionen anreisen.

Stadt lässt Plattenbauten abreißen

Seit der Wende kämpft die Prignitz mit einem starken Bevölkerungsrückgang. Viele junge Leute ziehen weg, zurück bleiben die Älteren. Viele Wohnungen stehen leer, vor allem in den Plattenbauten am Stadtrand. Wittenberge verfolgt mittlerweile einen radikalen Umbaukurs, um dem Problem Herr zu werden: Bis 2030 will die Stadt ingesamt rund 4.130 Wohnungen rückbauen. Dadurch, so zumindest die Hoffnung, belebt sich die Stadtmitte wieder.

Doch nicht alle Einwohner sind mit diesem Konzept glücklich: Unmut regt sich vor allem bei den betroffenen Mietern, oft ältere Menschen, die ihre Wohnungen verlassen müssen. Und in diese Kerbe schlagen die Rechten.

Antifa-Gruppe rechnet mit 200 Gegendemonstranten

In der Stadt hat sich jedoch breiter Widerstand gegen den Neonazi-Aufmarsch formiert. Bereits Anfang März verständigten sich Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Vereinen und Kirchen auf eine Reihe von Gegenveranstaltungen. Auch das Bündnis "Wittenberge Nazifrei!", das nach eigenen Angaben auch von Brandenburgs Justizminister Helmuth Markov (Linke) unterstützt wird, kündigte Aktionen an.

Sowohl am Goetheplatz wie am Bahnhof seien ab 9 Uhr Kundgebungen mit je rund 100 Teilnehmern angemeldet, sagte der Sprecher von "Wittenberge Nazifrei!", Thomas Müller, im Gespräch mit rbb online. Wie viele Gegendemonstranten kommen würden, sei schwer zu sagen, da es solche Aktionen in Wittenberge bisher nicht gegeben habe. Möglicherweise wolle man versuchen, den Aufmarsch der Neonazis mit Sitzblockaden aufzuhalten.

Zum Motto der Neonazi-Kundgebung sagte Müller, es gehe den Rechten nicht um ein Konzept, wie den Menschen in der Region geholfen werden könne. "Die wollen sich nur als Retter aufspielen." Der eigentliche Hintergrund sei eher der Plan, die rechte Szene in der Region auszubauen und zu vernetzen.

Ein Teilnehmer einer Neonazi-Demonstration im brandenburgischen Halbe (Quelle: dpa)

"Da mach ich mit!"

Die Stadt Wittenberge und die Kirche wollen ihrerseits mit einem großen Stadtfest unter dem Titel "Schöner Leben ohne Nazis" die Bürger auf die Straße bringen. Wittenberges Bürgermeister Oliver Hermann (parteilos) sagte dem rbb, die Prignitz stehe für eine tolerante, weltoffene Region, die sich ihre Haltung durch Neonazis nicht verderben lasse. Mit einer "durchaus spaßigen, aber auch mit dem nötigen Ernst versehenen Veranstaltung" wolle man darauf aufmerksam machen.

Zum Auftakt zum Bürgerfestes gibt es um 10.30 Uhr einen "Spaziergang für Toleranz" von der Salvador-Allende-Straße zum Paul-Lincke-Platz. Hier startet dann um "fünf vor zwölf" offiziell das Bürgerfest mit einem Streetsoccer-Turnier vor dem Kultur- und Festspielhaus und anschließendem Bühnenprogramm in der Bahnstraße. Um 13 Uhr findet vom Rathaus aus ein Lauf für Frieden und Toleranz statt.

Die Evangelische Kirche bittet für 13 Uhr auf den Schillerplatz zum Gottesdienst und veanstaltet am Nachmittag zudem eine Prozession der Nächstenliebe. Ab 20 Uhr soll es eine Menschenkette um das Rathaus geben. "Rechtsextremes Gedankengut wird in der Stadt keinen Platz haben", zeigte sich Oliver Günther vom evangelischen Kirchenkreis Prignitz zuversichtlich.

Stadtjugendpflegerin Marina Hebes berichtete dem rbb, viele Bürger hätten mittlerweile ihre zunächst abwartende Haltung zu der Rechtendemo aufgegeben. "Wir haben doch bemerkt, dass die Leute nachdenken, überlegen und dass es auch Leute gibt, die sagen: 'Da mach ich mit!'. Das ist einfach schön."

Beitrag von Friederike Steinberg

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