Ein Obdachloser schläft am 21.07.2014 in Berlin am Bahnhof "Zoologischer Garten" (Quelle: dpa)
Abendschau | 22.07.2014 | Norbert Siegmund

Privater Sicherheitsdienst am Bahnhof Zoo - AG City will agressive Zoo-Bettler eindämmen

Seit Jahrzehnten ist der Bahnhof Zoo Heimat von Wohnungslosen. Nun will die AG City, ein Zusammenschluss von Geschäftsleuten, für mehr Ordnung sorgen – mit einem privaten Sicherheitsdienst. Für Aufregung sorgt der Plan bei Senat und Bezirk: Schließlich liegt das Gewaltmonopol beim Staat.

Die Gegend rund um den Bahnhof Zoo präsentiert sich zur Zeit mit Uringeruch bei 30 Grad im Schatten. Unweit des Bahnhofs findet sich der Hausstand eines Obdachlosen. Seit Jahrzehnten ist die Gegend Anziehungspunkt für Wohnungslose und Nichtseßhafte, von denen es allein in Berlin zwischen zwei- und viertausend gibt. Zudem Flaschensammler und Bettler, die als Kunden wohl uninteressant sind. Mehrere Inhaber umliegender Geschäfte empfinden sie sogar als Last. Deshalb planen sie nun den Einsatz privater Sicherheitskräfte.

Archivbild von Gottfried Kupsch, AG City (Quelle: Imago)
Gottfried Kupsch von der AG City

Die Anzahl der Obdachlosen sei in den vergangenen drei Jahren erheblich angestiegen, erklärt Gottfried Kupsch von der AG City den Grund für den Sicherheitsdienst. Auch aus anderen Ländern Europas, nicht nur aus Deutschland seien die Wohnungslosen. "Das Schlimmste ist, dass die Agressivität zugenommen hat. Sie liegen nicht nur auf den Treppen, sondern sie gehen auch sehr hart die Passanten an."

Auf der Rückseite des Bahnhofs vor der Stadtmission warten Bedürftige auf die Essenausgabe. Hier herrscht die Sorge, sogenannte schwarze Sheriffs könnten ihnen bald das Leben schwer machen.

"Wir sind doch keine Straftäter, sondern alles ganz normale Menschen", sagt Klaus Holtwisch, der in der Warteschlange steht. "Nur weil man wenig Geld hat, ist man doch nicht gleich straffällig." Neben ihm steht Kathy. Sie empfindet das Vorhaben der AG City als Diskriminierung. "Ich finde es scheiße", sagt sie.

Dieter Puhl, Leiter der Evangelischen Bahnhofsmission am Zoo (Quelle: dpa)
Seit 2010 leitet Dieter Puhl die Bahnhofsmission.

Statt Sicherheitsdienst eine Toilette

Der Chef der Bahnhofmission, Dieter Puhl sieht die Pläne der Geschäftsleute mit gemischten Gefühlen. Auch Wohnungslose hätten Bürgerrechte und dürften nicht einfach verdrängt werden. Dann würden auch Probleme nur verdrängt:  "Vielleicht wäre es besser, nicht Geld für Wachsschutz auszugeben, der irgendwelche Dinge regelt, sondern für mehr Sozialarbeit." Puhl wünscht sich ein "Hygieneprojekt", sodass niemand mehr Häuserwände oder Straßenecken als Toilette benutzen muss.

Schon jetzt wachen Sicherheitskräfte der Bahn am Bahnhof Zoo. Auch eine Polizeiwache gibt es hier. Daher gebe es eigentlich kein Bedarf für einen Sicherheitsdienst, sagt Bernd Krömer, Staatssekretär für Inneres und Sport. Dem pflichtet Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD) bei. Zwar klagt Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD) über Personalmangel beim Ordnungsamt. Auch er selbst empfindet die Situation am Bahnhof als unverträglich und bedrohlich. Dennoch sei es in solch einem Fall "erforderlich, Polizei und Ordnungsamt einzuschalten, nicht nach einem privaten Sichterheitsdienst zu rufen. Klare Ansage ist: Die Grenze ist die entsprechende Ladentür."

"Gewaltmonopol liegt nicht beim privaten Sicherheitsdienst"

Dagegen sehen die Pläne der AG City ein größeres Einzugsgebiet vor: Der Sicherheitsdienst würde sicherlich auch im im öffentlichen Straßenraum sichtbar sein, bestätigt Gottfried Kupsch. "Wir wissen, dass wenig Möglichkeiten bestehen, einzugreifen, denn das Gewaltmonopol liegt beim Staat und nicht beim privaten Sicherheitsdienst."

Hintergrund: AG City

Die AG City vertritt seit 1976 die Interessen ihrer Mitglieder, zu denen Geschäftsleute, Hoteliers und rundum den Bahnhof Zoo ansässige Gastronomiebetreiber gehören. Ihr erklärtes Ziel: Das Lebensgefühl und die vielfältige Mischung des Boulevards zu stärken. Dementgegen steht der marode gewordene Bahnhof Zoo, dessen Ruf seit Jahren im Zusammenhang mit Drogen und Elend steht. Seit der Erscheinung des Buchs und dessen gleichnamigen Verfilmung "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" ist der Umsteigebahnhof deutschlandweit als Brennpunkt bekannt.

Beitrag von Norbert Siegmund

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