Eine blaue, gläserne Wand erinnert an die Opfer der nationalsozialistischen Euthanasie (Quelle: Imago)

Gedenkort für Opfer der NS-"Euthanasie" - Eine Glaswand gegen das Vergessen

In Berlin gibt es jetzt einen weiteren Ort, an dem der Opfer des Nazi-Regimes gedacht wird. An der Tiergartenstraße, direkt neben der Philharmonie, erinnert ein futuristisch anmutender Gedenkort an die Menschen, die während der "Euthanasie"-Aktion der Nazis umgebracht wurden - weil sie ihnen als "lebensunwert" galten. Von Nele Haring

Anna Lehnkering war 24 Jahre alt, als sie umgebracht wurde.  Der Leidensweg der jungen Frau ist in der Krankenakte dokumentiert: Wegen ihrer verzögerten Entwicklung und ihrer Lernschwierigkeiten wurde Anna von der NS-Administration als "erbkranker" und "minderwertiger" Mensch eingestuft. Mit 19 Jahren wurde sie sterilisiert, nach dem Gesetz "zur Verhütung erbkranken Nachwuchses". 1936 wurde sie in eine Pflegeanstalt eingewiesen - dort folgte eine Odyssee durch mindestens zehn verschiedene Abteilungen. 1940 dann die Ermordung in der NS-"Euthanasie"-Anlage Grafeneck in Baden-Württemberg: Anna starb durch Gas. Als offizielle Todesursache für die Familie wird eine Bauchfellentzündung genannt. Aber es wurde nicht viel geredet über Annas Tod in der Familie.

Im Jahr 2003 findet Sigrid Falkenstein den Namen ihrer Tante auf einer Liste von "Euthanasie"-Opfern. Es war Zufall, sagt sie, eigentlich habe sie Ahnenforschung betrieben, und nach ihrer Oma gesucht: Die trug den gleichen Namen. "Es war ein Schock", sagt Sigrid Falkenstein. "Am nächsten Tag habe ich meinen Vater angerufen." Aber der Vater weiß auch nichts über die Todesumstände seiner Schwester. Also recherchiert Sigrid Falkenstein weiter, lässt sich die Patientenakte ihrer Tante schicken. Die familiäre Auseinandersetzung mit dem Thema beginnt.

Runder Tisch für einen Gedenkort

Aber Sigrid Falkenstein will auch eine öffentliche Auseinandersetzung, ein öffentliches Gedenken, um die Opfer aus dem Vergessen zu holen. Die pensionierte Lehrerin engagiert sich ab 2007 gemeinsam mit anderen in einem Runden Tisch, um den Gedenkort zu realisieren. Unterstützung bekommen sie unter anderem vom Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, Andreas Nachama.

Und so wird nach einem Beschluss des Bundestags 2011 schließlich der Gedenkort an der Tiergartenstraße 4 realisiert, an der bisher nur eine knappe Gedenktafel an die Opfer der NS-"Euthanasie" erinnerte.  Hier, auf dem Gelände der Philharmonie, stand damals eine Villa – von hier aus wurde der Massenmord an geistig oder körperlich behinderten, kranken oder auch an nicht anpassungswilligen Menschen geplant und gesteuert.

Grundlage für die Aktion mit dem Decknamen T4 war ein persönlicher Erlass Hitlers vom 1. September 1939. In der Folge wurden bis zu 300.000 Menschen umgebracht, die als "lebensunwert" galten. Zunächst durch Gas, später - als es wegen des organisierten Tötens "Unruhe" in der Bevölkerung gab - durch Injektionen, Medikamente, systematische Unterernährung. Die Liste der Grausamkeiten ist lang.

24 Meter blaues Glas

Jetzt erinnert an der Tiergartenstraße 4 also eine 24 Meter lange Wand aus hellblauem Glas an die Opfer – sie steht auf einer schiefen Ebene. Auf einem 20 Meter langen Pult werden Biographien von "Euthanasie"-Opfern dokumentiert, Informationen über die "Euthansasie-Aktion T4" gegeben. Gestaltet wurde er von der Architektin Ursula Wilms, dem Künstler Nikolaus Koliusis und dem Landschaftsarchitekten Heinz W. Hallmann.

Sigrid Falkenstein findet den Gedenkort sehr gelungen: "Die künstlerische Gestaltung passt für mich zur Philharmonie. Und für mich wäre es auf jeden Fall nicht genug, wenn da nur ein Denkmal stehen würde, wo wir unsere Kränze hinlegen. Es ist die Integration von Information in die künstlerische Gestaltung: Wo kommt eine Gesellschaft hin, wo fängt die schiefe Ebene an, wenn es darum geht, Menschen nach Wert oder Unwert zu bemessen."

"Es ist verdammt noch mal an der Zeit"

Eigentlich hatten sich die Initiatoren ein richtiges Dokumentationszentrum gewünscht. Aber dafür hat das Geld nicht gereicht: 500.000 Euro kamen vom Bund, das Land Berlin stiftete das Grundstück. Und das Engagement hat sich gelohnt, meint Sigrid Falkenstein: "Es ist verdammt noch mal nach 75 Jahren an der Zeit, den Opfern Würde und Respekt zu erweisen."

Mahnmal erinnert an NS-Euthanasie-Opfer

Beitrag von Nele Haring