ARCHIV - Die Opfer-Angehörige Sigrid Falkenstein steht am 08.07.2013 in Berlin-Tiergarten zum Baustart des Gedenk- und Informationsortes für die Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie"-Morde vor einem Foto, das ihre Tante Anna (l) und deren Freundin Hedwig zeigt (Quelle: dpa)

Interview - "Das war ein unglaublicher Makel"

Sigrid Falkenstein entdeckte 2003 durch Zufall den Namen ihrer Tante auf einer Liste mit Opfern der NS-"Euthanasie". Sie begann nachzufragen - und stieß dabei auf große  Gedächtnislücken. Es war der Beginn einer schmerzhaften Aufarbeitung.

Sie haben den Namen Ihrer Tante damals im Internet gefunden. Hatten Sie danach gesucht?

Nein, ich habe gar nicht nach dem Namen meiner Tante gesucht, sondern ich war auf der Suche nach genealogischen Daten über meine Familie. Mein Mädchenname ist Lehnkering, meine Oma hieß Anna Lehnkering – und da habe ich mal geschaut, was ich finde. Und da steht der Name auf einmal auf dieser Liste mit Euthanasie-Opfern. Ich war erstmal ganz verwirrt, weil ich dachte: Das ist ja meine Großmutter, aber die habe ich doch noch kennengelernt. Bis ich dann bemerkt habe, dass es die Schwester meines Vaters ist, das Geburtsdatum kam ungefähr hin. So fing die Geschichte an.

Sie hatten überhaupt keinen Verdacht in diese Richtung?

Nein, es gab keinen Anlass, so etwas zu vermuten. Ich saß abends am PC - und es war wie ein Schock für mich.

Was war Ihr nächster Schritt?

An dem Abend habe ich erst einmal im Internet recherchiert. Im Grunde wusste ich schon, was Euthanasie war, aber ich war auch nicht mehr darüber informiert als  viele andere Leute auch. An dem Abend habe ich erst einmal angefangen, mich zu belesen. Da ging es auch um die Aktion "T4" – der Name sagte mir beispielsweise nichts. Dass das mit der Tiergartenstraße 4 zu tun hatte. Am nächsten Tag habe ich meinen Vater angerufen. Er war der einzige, der seine Schwester noch kannte, die anderen waren ja alle schon tot. Für ihn war es sicherlich auch ein Schock, dass ich überhaupt fragte. Denn über die Schwester ist geschwiegen worden.

Konnte Ihr Vater sich erinnern?

Es bestehen große Gedächtnislücken. Ich habe in den Jahren darauf gemerkt, dass er sich wirklich bemüht hat, sich zu erinnern. Aber er hat unglaublich verdrängt. Er hat sich in erster Linie an schöne Sachen erinnert, an Dinge aus der Kindheit. Was wirklich passiert ist – dass sie in einer Gaskammer ermordet wurde, weil man sie für lebensunwert empfunden hat – das wusste er nicht. Das sagte er zumindest. Ich weiß nicht, ob er irgendwann mal was geahnt hat. Er hat mir gesagt: "Die Anna ist irgendwann in den 30er-Jahren in eine Anstalt gekommen."

Wusste er etwas über die offizielle Todesursache?   

Er hatte diesen Zettel in Nachlass meiner Oma gefunden und hat ihn merkwürdigerweise auch  aufgehoben. Das war aber keine offizielle Mitteilung, sondern meine Oma hatte das handschriftlich notiert: Todesdatum, Todesursache "Bauchfellentzündung". Ich denke, sie gehörten zu den vielen deutschen Familien, die das auch gerne glauben wollten. Weil es tröstlich war. Wenn sie etwas geahnt haben, haben sie es vielleicht weggeschoben. Mein Vater war als die Anna ermordet wurde erst 19 und als Soldat im Krieg. Die Anna war schon vorher, 1936, in eine Heil- und Pflegeanstalt gekommen. Da war er gerade 15 oder 16. Das war dann die letzte Erinnerung: "Die Anna ist irgendwann in eine Anstalt gekommen und dann irgendwann während des Krieges gestorben." Ich wusste ja nicht, dass sie geistig behindert oder lernbehindert war.

Wusste er das?

Dass sie behindert war, hat er selbstverständlich gewusst. Sie war ja Schülerin einer Hilfsschule. Da haben wir auch später darüber geredet.

Als Sie Kind waren, haben Sie davon nichts erfahren?

Das war kein Thema, das er mit uns Kindern besprochen hätte. Und heute weiß ich natürlich auch warum: Das war ein unglaublicher Makel. In der Zeit, in der er aufgewachsen war, spielte der Wert des Menschen eine große Rolle – für diese Rassenhygieniker. Und Leute wie die Anna, die damals "schwachsinnig" waren, hatten keinen Wert. Als Hilfsschülern wurde sie von vielen als Ballast der Gesellschaft gesehen. Da spielt auch der ökonomische Wert eine ungeheure Rolle. All das hat meinen Vater, diesen jungen Menschen, geprägt. Als Schüler hat er Rechenaufgaben gerechnet, in denen es darum ging, wie viel dem Staat ein Geisteskranker kostet: "Wie viele erbgesunde deutsche Familien könnte man dafür ernähren?" Ich glaube, das war tief im Denken verwurzelt. Hinzu kam, dass nach dem Krieg vieles nahtlos weiterging: Die Täter sind in Amt und Würden geblieben. Ob sie Juristen, Ärzte oder irgendwelche Verwaltungsfachleute waren, sie haben einfach weitergearbeitet, als wäre nie etwas gewesen. Viele haben diese Opfer totgeschwiegen, weil die Ausgrenzung und Diskriminierung in den Köpfen weiterging. Das hat es den Angehörigen natürlich unglaublich erschwert, sich dem Thema zu stellen.

Sie als Nachgeborene haben versucht, sich dem Thema über ihren Vater zu nähern. Sind Sie mit Ihrem Vater gemeinsam ein Stück weitergekommen?  

Ich denke, ein Stück weit schon: Ich hoffe es zumindest. Als wir 2009 in seinem Wohnort einen Stolperstein für Anna verlegt haben, war er damit einverstanden. Da hat er sich auch das erste Mal der Öffentlichkeit gestellt und hat öffentlich gesagt: "Ich hatte eine Schwester, die war geistig behindert". Ich hoffe, dass diese Aufarbeitung für ihn nicht nur schmerzlich war, sondern auch eine Befreiung. Dass er seinen Frieden damit machen konnte. Er ist kurz nach dieser Stolpersteinverlegung gestorben. Es kling vielleicht pathetisch, aber einer seiner letzten Sätze war: "Ich danke dir für alles, was du für die Anna getan hast." Ich denke, da steckt eine Menge darin.

Das Gespräch führte Nele Haring