Touristen betrachten die teilweise leeren Halterungen für die Gedenkkreuze neben dem Reichstagsgebäude (Quelle: dpa)

Berliner Gedenkkreuze sollen bald wieder kommen - "Die Kreuze sind über die Grenzen geflüchtet"

Zynisch und unmoralisch - die Kritik am Abhängen der Gedenkkreuze im Regierungsviertel ist harsch. Die Aktivisten vom "Zentrum für Politische Schönheit" halten dagegen: Sie wollen die Kreuze nach dem 9. November schließlich zurück an ihre Plätze bringen. Ob die Kreuze tatsächlich an die EU-Außengrenzen transportiert wurden, ist fraglich. Die Aktivisten geben sich weiter geheimnisvoll.

Der Tag des Mauerfalljubiläums rückt näher - und damit voraussichtlich auch die Rückkehr der Gedenkkreuze im Berliner Regierungsviertel. "Die Kreuze kehren zurück, wenn sie finden, dass ihr Ausflug in diesen ganzen Horror unserer Zeit ihnen reicht.", hieß es auf Anfrage des rbb von Philipp Ruch vom "Zentrum für politische Schönheit" (ZPS). Er gehe jedoch fest davon aus, dass die Kreuze nach dem Gedenktag wieder an ihrem ursprünglichen Ort hängen. Zuvor hatte schon ZPS-Sprecher Rainer Süssmuth versichert, dass die Kreuze am 10. November unversehrt und gesäubert wieder zurück seien.

Den Angehörigen sei zudem angeboten worden, statt der bisherigen Sperrholzplatten neue Kreuze in hochwertigerem Material aufzustellen. Eine erste Frau habe das Angebot bereits angenommen, erklärte Ruch. Gerade werde abgeklärt, inwiefern alte mit neuen Kreuzen verschraubt werden könnten, falls Angehörige das Angebot ausschlagen sollten.

Sprecher Süssmuth kündigte außerdem an - ohne dies näher zu erläutern: "Die Kreuze werden sich äußern." Am Sonntagabend gebe es dazu eine Veranstaltung im Gorki-Theater in Berlin.

Die "echten Kreuze" oder Nachbildungen?

Die Kreuze sind laut ZPS über die griechischen, bulgarischen und spanischen Außengrenzen der EU geflüchtet, "um am Tag des Mauerfalls bei den Menschen zu sein, die die Flucht nach Europa durch die Höhe und den Schrecken der europäischen Außenmauern mit Sicherheit nicht alle überleben werden". Die weißen Kreuze seien bisher in Marokko an der Grenze zu der spanischen Enklave Melilla aufgestellt, an der bulgarisch-türkischen sowie an der griechisch-türkischen Grenze.

Das Zentrum gab auch Bilder heraus, die die Kreuze im Ausland zeigen sollen. Ob es sich bei den dort zu sehenden Kreuzen tatsächlich um die Originale aus dem Regierungsviertel handelt, ist allerdings fraglich. Auf den Bildern sind beispielsweise keine Bohrlöcher zur Verankerung in den Vorrichtungen der Gedenkkreuze zu sehen. Das Zentrum jedoch hält daran fest: Es sind die Originale.

"Medien instrumentalisieren die Angehörigen"

Die Aktivisten haben indes harsche Kritik für ihre Aktion einstecken müssen. Unter den entwendeten Kreuzen ist auch jenes, das an Günter Litfin erinnert. Er war der erste Flüchtling, der 1961 an der Berliner Mauer getötet worden war. Sein Bruder Jürgen zeigte sich empört über die Aktion: "Ich bin stinksauer, die sind für mich genauso schlimm wie Friedhofsräuber. Ich finde nicht, dass die Toten an der EU-Grenzen mit den Mauertoten verglichen werden können", hatte sich Jürgen Litfin gegenüber rbb online am Dienstag geäußert. ZPS-Mitgründer Philipp Ruch zeigte sich von der Reaktion des Angehörigen überrascht. Er teilte rbb online am Donnerstag auf Nachfrage mit, der Betreffende habe noch am ersten Tag der Aktion zugesagt, bei der Rückkehr der Kreuze behilflich zu sein. Zwei Tage später habe Litfin behauptet, nun in der Zeitung gelesen zu haben, wer die ZPS sei. Ruch sagte, er sei schockiert wie die Angehörigen der Maueropfer von den Boulevardmedien instrumentalisiert würden.

Jürgen Hannemann, Bruder des an der Mauer erschossenen Axel Hannemann, äußerte hingegen Verständnis für die Aktion: "Ich kann verstehen, dass jede Möglichkeit genutzt wird, um auf das Leid an den EU-Außengrenzen aufmerksam zu machen", sagte Hannemann der taz.

Aktion Mauerkreuze (c) Patryk Witt / Zentrum für Politische Schönheit
Bilder wie dieses veröffentlichte das "Zentrum für Politische Schönheit" am Dienstag - die Kreuze seien inzwischen in der spanischen Enklave Melilla in Marokko aufgestellt worden.

CDU-Fraktion kritisiert Aktion

Neben Angehörigen zeigen sich auch Politiker empört. Berlins CDU-Fraktionschef Florian Graf erklärte: "Der Diebstahl von Mauerkreuzen entwürdigt das Andenken an die Menschen, die für ihre Freiheit gestorben sind, und überschreitet jede moralische Form von Auseinandersetzung in der Sache." Die Flüchtlingsaktivisten hätten ihrem Anliegen mit dem Diebstahl der Kreuze "wieder einmal einen Bärendienst erwiesen".

Auch die Vereinigung der Opfer des Stalinismus verurteilte den Raub, sie bezeichnete ihn als "brutalen Akt". Damit werde von sogenannten Flüchtlingsaktivisten das Gedenken der Toten von Mauer und Stacheldraht während der Teilung Deutschlands in den Schmutz gezogen, betonte der stellvertretende Bundesvorsitzende der Vereinigung, Hugo Diederich. Dies grenze an Zynismus.

"30.000 'neue' Mauertote"

Zynisch oder polemisch sollte das Ganze nicht sein: "Wir haben nicht vor, Gefühle zu verletzen", so der Sprecher der ZPS. "Für die Angehörigen tut es uns total leid." Er sagte aber auch: "Wenn die Mauertoten leben würden, wären sie die ersten, die uns zustimmen würden."

Das "Zentrum für Politische Schönheit" kritisiert insbesondere die geplanten Feierlichkeiten zum Mauerfall-Jubiläum am Wochenende. Anstatt in "nostalgisch-sedierenden Ansprachen" nur der Vergangenheit zu gedenken, solle sich die Öffentlichkeit lieber der Gegenwart zuwenden: "Die Kreuze wollen sich nicht instrumentalisieren lassen von diesen Gedenkfeiern, die man dann Mauerfall nennt. In einem Moment, wo Europa sich militärisch abriegelt und wir in den letzten 25 Jahren bis zu 30.000 neue Mauertote an den EU-Außengrenzen haben", sagte ZPS-Mitgründer Philipp Ruch dem rbb. Und: Mit der vielbeschworenen Gedenkkultur könne es nicht so weit her sein, wenn auch selbst Tage nach dem Entwenden der Kreuze kein Mensch etwas bemerkt habe.

Eine Forderung der Aktivisten: Die EU soll die Millionen, die sie derzeit in die Bewachung und den Bau von Grenzanlagen investiere lieber Kommunen geben, die sich am Ende um die Flüchtlinge kümmerten. Dort sei das Geld besser angelegt.

Die Aktionen des "Zentrums für Politische Schönheit"

Die Aktionen des Zentrums für politische Schönheit

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1 Kommentare

  1. 1.

    Mit diesen ganzen "Gedenkveranstaltungen" wollen sie, unsere Politiker nur Stimmen für die nächste Wahl einfangen. Denken wir doch an Sprüche von 1989. Bundeskanzler Dr. Kohl (CDU) : "... die Wiedervereinigung steht nicht auf der Tagesordnung". Etwas ähnliches sagte auch der damalige Regierende Berliner Bürgermeister, Herr Momper (SPD). Nur WIR, das Volk waren da anderer Meinung und haben uns durchgesetzt. Jetzt haben aber alle Parteien ( na ja die ex- SED;PDS oder so) schon immer die Wiedervereinigung gewollt. Verlogen wie alle ihre Wahlversprechen. Aber daran sind wir ja schon gewöhnt und leider glauben viele ja noch was ihnen vor jeder Wahl versprochen wird. Na ja kann man nichts gegen machen, manche glauben ja auch noch an den Weihnachtsmann, Osterhasen und Klapperstorch.-

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