Mahnmal für die unbekannten Maueropfer am Spreeplatz (Quelle: imago)

Aktivisten rechtfertigen Abhängen der Gedenkkreuze - "Wir sind aggressive Humanisten"

14 Gedenkkreuze für Maueropfer haben Aktivisten abgehängt und dafür harsche Kritik einstecken müssen. Dennoch verteidigen sie die Tat: Es gebe eine riesige Flüchtlingskatastrophe, auf die aufmerksam gemacht werden müsse. "Wenn die Mauertoten leben würden, wären sie die ersten, die uns zustimmen würden", hieß es am Dienstag vom "Zentrum für politische Schönheit". Die Kreuze würden auch wieder zurückgebracht.

Ein Morgen im Berliner Regierungsviertel, irgendwann vergangene Woche: Sie zücken ihre Akkuschrauber, montieren 14 weiße Kreuze von einem Zaun ab und wickeln sie in Stoffballen ein. Dann verschwinden die Aktivisten des "Zentrums für Politische Schönheit (ZPS)" mit ihrer Beute. Und mitten im Herzen der Macht, neben dem Reichstag, hat keiner etwas bemerkt. Erst als die Aktivisten am Montagmorgen die Öffentlichkeit über ihre Tat informieren, fällt das Fehlen der Kreuze auf.

Kritik, ihre Aktion sei pietätlos, wiesen die Angehörigen des "Zentrums für Politische Schönheit" am Dienstag im Gespräch mit rbb online zurück. "Wir sind aggressive Humanisten", sagte Rainer Süssmuth, Sprecher des Zentrums. Ziel der Aktion es gewesen, die Politik darauf zu stoßen, dass sich derzeit die größte Flüchtlingskatastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg abspielt.

Zynisch oder polemisch haben man aber auf keinen Fall sein wollen. "Wir haben nicht vor, Gefühle zu verletzen", so Süssmuth. "Für die Angehörigen tut es uns total leid." Er sagte aber auch: "Wenn die Mauertoten leben würden, wären sie die ersten, die uns zustimmen würden."

Das "Zentrum für Politische Schönheit" kritisiert insbesondere die geplanten Feierlichkeiten zum Mauerfall-Jubiläum am Wochenende. Anstatt in "nostalgisch-sedierenden Ansprachen" nur der Vergangenheit zu gedenken, solle sich die Öffentlichkeit lieber der Gegenwart zuwenden: "Die Kreuze wollen sich nicht instrumentalisieren lassen von diesen Gedenkfeiern, die man dann Mauerfall nennt. In einem Moment, wo Europa sich militärisch abriegelt und wir in den letzten 25 Jahren bis zu 30.000 neue Mauertote an den EU-Außengrenzen haben", sagte ZPS-Mitgründer Philipp Ruch dem rbb. Und: Mit der vielbeschworenen Gedenkkultur könne es nicht so weit her sein, wenn auch selbst Tage nach dem Entwenden der Kreuze kein Mensch etwas bemerkt habe.

Eine Forderung der Aktivisten: Die EU soll die Millionen, die sie derzeit in die Bewachung und den Bau von Grenzanlagen investiere lieber Kommunen geben, die sich am Ende um die Flüchtlinge kümmerten. Dort sei das Geld besser angelegt.

Bilder von den Kreuzen "auf Reisen"

Die Kreuze seien derzeit "auf Reisen", berichtete Süssmuth. Nach seinen Angaben wurden die weißen Kreuze bisher in Marokko an der Grenze zu der spanischen Enklave Melilla aufgestellt, an der bulgarisch-türkischen sowie an der griechisch-türkischen Grenze. Das Zentrum gab auch Bilder heraus, die die Kreuze im Ausland zeigen sollen. Deren Transport ist Teil einer Aktion des ZPS namens "Erster Europäischer Mauerfall": Am Freitagmittag sollen in Berlin gemietete Busse in Richtung eines EU-Grenzzauns starten, mit Aktivisten, Bolzenschneidern und Schleifmaschinen an Bord.

Am 9. November sollen die Busse dort angekommen sein, wo genau, verraten die ZPS-Leute nicht. Sie wollen ein Stück Grenzzaun zerstören: "Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dürfen sich am Abriss der europäischen Außengrenzen beteiligen und ein Stück Außenzaun mitnehmen" heißt es auf der Internetseite des Projekts. Per Crowdfunding sammelt das ZPS dafür Spenden ein - am Mittwochabend hatten mehr als 900 Unterstützer etwa 24.500 Euro statt der zunächst erwarteten 5.900 Euro gespendet. 

ZPS-Sprecher Süssmuth versicherte rbb online: "Die Kreuze werden wieder zurückkommen." Nicht am Tag des Mauerfalls, aber am 10. November würden sie unversehrt und gesäubert wieder an ihrem ursprünglichen Platz in Berlin angebracht. Den Angehörigen solle zudem angeboten werden, statt der bisherigen Spanplatten neue Kreuze in hochwertigerem Material aufzustellen.

Süssmuth kündigte außerdem an - ohne dies näher zu erläutern: "Die Kreuze werden sich äußern." Am Sonntagabend gebe es dazu eine Veranstaltung im Gorki-Theater in Berlin.

Aktion Mauerkreuze (c) Patryk Witt / Zentrum für Politische Schönheit
Bilder wie dieses veröffentlichte das "Zentrum für Politische Schönheit" am Dienstag - die Kreuze seien inzwischen in der spanischen Enklave Melilla in Marokko aufgestellt worden.

Angehöriger: "Die sind für mich genauso schlimm wie Friedhofsräuber"

Die Installation am Reichstag war vor elf Jahren von einem privaten Verein zur Erinnerung an die Opfer der deutschen Teilung aufgestellt worden. Die weißen Kreuze erinnern auf Vorder- und Rückseite an 13 namentlich genannte sowie die unbekannten Opfer der Mauer. Nachdem das ZPS am Montag bekanntgab die Kreuze entwendet zu haben, ermittelt nun der Staatsschutz wegen "besonders schweren Diebstahls".

Für ihre Aktion wurden die Aktivisten seitdem von vielen hart kritisiert. Unter den entwendeten Kreuzen ist auch jenes, das an Günter Litfin erinnert. Er war der erste Flüchtling, der 1961 an der Berliner Mauer getötet worden war. Sein Bruder Jürgen erinnert an Litfins Schicksal in einer eigenen kleinen Gedenkstätte. "Ich bin stinksauer, die sind für mich genauso schlimm wie Friedhofsräuber. Ich finde nicht, dass die Toten an der EU-Grenzen mit den Mauertoten verglichen werden können", sagte Jürgen Litfin am Dienstag rbb online.

Jürgen Hannemann, Bruder des an der Mauer erschossenen Axel Hannemann, äußerte hingegen Verständnis für die Aktion: "Ich kann verstehen, dass jede Möglichkeit genutzt wird, um auf das Leid an den EU-Außengrenzen aufmerksam zu machen", sagte Hannemann der taz.

CDU-Fraktion kritisiert Aktion

Berlins CDU-Fraktionschef Florian Graf zeigte sich empört: "Der Diebstahl von Mauerkreuzen entwürdigt das Andenken an die Menschen, die für ihre Freiheit gestorben sind, und überschreitet jede moralische Form von Auseinandersetzung in der Sache", erklärte er. Die Flüchtlingsaktivisten hätten ihrem Anliegen mit dem Diebstahl der Kreuze "wieder einmal einen Bärendienst erwiesen".

Auch die Vereinigung der Opfer des Stalinismus verurteilte den Raub, sie bezeichnete ihn als "brutalen Akt". Damit werde von sogenannten Flüchtlingsaktivisten das Gedenken der Toten von Mauer und Stacheldraht während der Teilung Deutschlands in den Schmutz gezogen, betonte der stellvertretende Bundesvorsitzende der Vereinigung, Hugo Diederich. Dies grenze an Zynismus.

Kampagnen gegen Aufnahmestopp und Waffenexporte

Um Aufmerksamkeit zu erregen, verfolgt das "Zentrum für Politische Schönheit" seit einigen Jahren folgende Strategie: Dahin gehen, wo's wehtut - und noch ein bisschen über die Schmerzgrenze hinaus. Die Aktion mit den Mauerkreuzen war nicht die erste Tat, mit der das ZPS provozierte. Im vergangenen Mai bezog sich die Gruppe bei einer Aktion auf die Transporte von 10.000 jüdischen Kindern 1938/39 nach England. Vorgeblich im Namen der Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) erklärte das ZPS auf einer Internetseite, Deutschland habe sich nun entschlossen, 55.000 syrische Flüchtlingskinder aufzunehmen. Im Rahmen der Aktion "1 aus 100" konnten Passanten unter 100 Fotos vermeintlicher Flüchtlinge auswählen, welches der Kinder aufgenommen werden sollte. Das Ministerium distanzierte sich von der Kampagne.

2012 setzte das ZPS in einer Kampagne gegen deutsche Waffenexporte 25.000 Euro Belohnung aus, um "einen der Eigentümer des Panzerkonzerns Krauss-Maffei Wegmann (KMW) ins Gefängnis zu bringen". Auf Plakaten in ganz Deutschland baten die ZPS-Aktivisten um Hinweise auf Delikte wie Steuerhinterziehung, Geldwäsche oder Kapitalanlagebetrug in Verbindung mit dem Waffenhersteller.  

Die Aktionen des "Zentrums für Politische Schönheit"

Die Aktionen des Zentrums für politische Schönheit

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1 Kommentare

  1. 1.

    Was ist den mit denen, die damals an der Mauer ihr leben gelassen haben? Und was ist mit den Angehörigen derer, die versucht haben diesem Leben in der DDR zu entfliehen? Sind die plötzlich weniger wichtig oder "gestorben" als jene, die verzweifelt versuchen nach Europa zu gelangen? Ich finde es ja auch nicht gut, dass Europa sich derart abschottet, aber die Kreuze für die Maueropfer kurz vor dem Jahrestag des Mauerfalls zu entwenden ist widerlich und zynisch.

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