Ein Bagger entfernt Bäume und Sträucher am 02.12.2014 in der Gartenkolonie der Beermannstraße in Berlin-Treptow. Die Kolonie muss wegen der Bauarbeiten für die A100-Verlängerung weichen (Quelle: rbb/Dominik Lenz)

Autobahn wird in Treptow verlängert - Letzte Mieter harren in Häusern auf der A100-Route aus

Der Widerstand gegen den A100-Ausbau in Treptow hat einen weiteren Rückschlag erhalten. Am Montag wurde die Besetzung einer Kleingartenkolonie, die der Autobahn weichen soll, beendet. Nun sind nur noch sieben Mieter in zwei Wohnhäusern übrig: Sie sollen für den Abriss der Häuser ausziehen, weigern sich aber.

Für Benjamin S. war der heutige Dienstagmorgen keiner, an den er sich gerne erinnern wird. "Splitternde Glasscheiben, kreischende Kettensägen und fallende Bäume, so bin ich heute morgen aufgewacht." Von seinem Fenster aus kann der Kirchenmusiker und Maler die Vorbereitung für Berlins größtes Straßenbauprojekt der kommenden Jahre sehen: die Verlängerung der A100 von Neukölln bis zur Frankfurter Allee. Mit Baggern und Lastern räumen Bauarbeiter die Kleingartenkolonie in der Beermannstraße. In der Dämmerung seien die letzten Habseligkeiten aus den Lauben getragen worden, dann fielen die ersten Bäume, erzählt Benjamin. "Der Senat hat so schnell wie möglich versucht, Tatsachen zu schaffen."

Benjamin, einer der letzten Anwohner in der Beermannstraße 22 in Berlin-Treptow, sitzt am 02.12.2014 an einem Tisch und schaut aus dem Fenster. Das Haus soll wegen der Bauarbeiten für die A100-Verlängerung weichen (Quelle: rbb/Dominik Lenz).
Benjamin S. in seiner Wohnung: Senat droht mit Enteignung

Besetzung der Kleingartenkolonie endet erfolglos

Zwei Hürden standen diesen "Tatsachen", wie S. es nennt, noch im Wege: einerseits eine Kleingartenkolonie, andererseits zwei Wohnhäuser, die für die Autobahn abgerissen werden sollen, und in denen sieben Mieter den Auszug verweigern - darunter auch Benjamin S.

Noch am Wochenende hatten Umweltschützer die Kleingartenkolonie besetzt, und ein sofortiges Bau- und Abrissmoratorium gefordert. Das Gelände liegt auf der Route des geplanten neuen Autobahnabschnitts, der frühestens ab 2019 die Frankfurter Allee mit dem südlichen Autobahnring verbinden soll. Am Montagabend forderte die Polizei die Aktivisten auf, das Gelände zu verlassen - was diese dann auch taten.

"Wir sind erbost", sagte Peter Schwarz von der Umweltorganisation Robin Wood auf Nachfrage von rbb online. Das Angebot der Senatsverwaltung für Gespräche seien nur zur Täuschung gewesen. Vor allem der Streit um zwei Wohnhäuser, die abgerissen werden sollen, sei noch lange nicht beigelegt, so Schwarz. "Im Frühjahr 2015 wird es da sicherlich eine Zuspitzung geben." Weitere Proteste seien bereits "in Planung".

Plakate gegen die A100 hängen in den Fenstern des Hauses Beermanstraße 22 (Bild imago)
Eingang zur Beermannstraße 22

Senat spricht von "passenden Angeboten"

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung will es jedoch gar nicht so weit kommen lassen und bereitet die Enteignung der Mieter vor. Die beiden Wohnhäuser gehören dem Bund, in dessen Auftrag das Land Berlin nun den Abriss organisieren soll. Die Mietverträge seien inzwischen alle ausgelaufen, sagte Senatssprecherin Petra Rohland im Gespräch mit rbb online. Man habe den Mietern in Zusammenarbeit mit den landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften "passende Angebote" gemacht, so Rohland. Die Wohnungen seien zwar in der Regel teurer gewesen, aber das sei bei der aktuellen Angebotssituation in Berlin auch anders gar nicht machbar gewesen.

Zudem sei das Land nicht verpflichtet gewesen, Angebote zu gleichen Konditionen zu machen. "Ein Großteil der Mieter hat die Angebote ja auch angenommen", sagte Rohland weiter. Zudem habe der Senat Umzugshilfe, finanzielle Vergütung für Einbauten und Kostenübernahme für Renovierungsarbeiten angeboten. Rund 90 Wohnungen in den angrenzenden Häusern in der Beermannstraße wurden bereits geräumt.

Eine genaue Auflistung der angebotenen Alternativwohnungen wollte Rohland dem rbb allerdings nicht vorlegen. Das sei mit den Wohnungsbauunternehmen so abgesprochen. "Für diese Liste würden andere Wohnungssuchende sonstwas geben", sagte Rohland. "Das ist Goldstaub."

Angebotene Wohnungen laut Mieter wesentlich teuerer

Benjamin S., der seit acht Jahren im Hinterhaus der Beermannstraße 22 wohnt, sieht das allerdings ganz anders. Denn die Wohnungen, die ihm vorgelegt wurden, könne er gar nicht bezahlen. "Das sind 70 bis 120 Prozent von der jetzigen Kaltmiete." Den anderen verbliebenen Mietern gehe es nicht besser. "Im Vorderhaus wohnt ein Familie mit kleinen Kindern, die hier zur Schule gehen. Denen wurde gesagt, eine Wohnung in Niederschöneweide sei zumutbar, weil die Kleine mit ihren sieben oder acht Jahren in nur 40 Minuten mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Schule hier fahren könnte. Das muss an sich mal vorstellen."

Wehren kann sich S. gegen den drohenden Rauswurf wohl nicht. Bislang funktionieren Strom und Gas noch. Wie lange das so bleibt, kann er nicht sagen. "Ich habe einfach Angst, dass ich obdachlos werde. Aber das scheint denen egal zu sein", meint Benjamin S. und schaut aus seinem Fenster. "Wie man da draußen sieht: Da kommen um halb sieben die Sägen und dann wird alles platt gemacht."

SPD und CDU wollen A100-Ausbau finanziell absichern

Die rot-schwarze Berliner Regierungskoalition will den Weiterbau der Autobahn 100 derweil auch politisch weiter absichern. In einem gemeinsamen Antrag sprechen sich SPD und CDU dafür aus, frühzeitig planerische und finanzielle Voraussetzungen für den Abschnitt vom Treptower Park zur Frankfurter Allee zu schaffen. Das Projekt soll in den neuen Investitionsplan des Bundesverkehrsministeriums aufgenommen werden.

Der künftige SPD-Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel sagte am Dienstag bei seinem Besuch der Berliner Piratenfraktion, die Verlängerung der Stadtautobahn A100 bis zur Frankfurter Allee sei kein Thema für die nächsten zwei Jahre. Der Flächennutzungsplan sehe jedoch den Ringschluss vor und es sei logisch, in diesen Abschnitten vorzugehen. Er sei zudem überzeugt, dass die Verkehrssituation dies zur Folge haben werde.

Die CDU hatte sich stets für einen Weiterbau der A100 eingesetzt, in der SPD dagegen ist er umstritten.  

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Ausbau der A100 seit Jahren umstritten

Das geplante 3,2 Kilometer lange Teilstück der A100 von Neukölln nach Treptow war in Berlin immer wieder heftig umstritten. Politischer Streit und Anwohnerproteste haben das Großprojekt jahrelang verzögert. Mitte Oktober besetzten Umweltschützer sogar kurzzeitig das Vorzimmer des Büros von Stadtentwicklungssenator Müller. Sie waren im Februar auf Bäume auf dem Baugelände geklettert, um sie vor der Abholzung zu retten.

Im Herbst 2012 hatte das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig entschieden, dass die A100 bis nach Treptow verlängert werden darf. Mit dem Urteil hatte das Gericht die Klagen des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg sowie mehrerer Anwohner und Umweltverbände abgewiesen, die das Großprojekt gänzlich unterbinden wollten.

Im vergangenen Mai war schließlich mit den Bauarbeiten begonnen worden. Laut Planungen sollen sie 2019 oder 2020 abgeschlossen sein.

Vor dem Bau kommt der Abriss

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