Imam Abdallah Hijjar aus dem Haus der Weisheit in Moabit führt am 16.06. die Bestattung der mutmaßlichen Flüchtlingsleichen durch. Die Bestattung ist eine Aktion des Zentrums für politische Schönheit (Quelle: rbb/Thomas Weber)
Video: Abendschau | 16.06.2015 | Jade-Yasmin Tänzler

Protest gegen EU-Flüchtlingspolitik - Künstler lassen ertrunkenen Flüchtling in Berlin bestatten

Das "Zentrum für Politische Schönheit" weist seit langem mit provokanten Aktionen auf das Flüchtlingselend hin. Jetzt will die Gruppe tote Flüchtlinge in Italien exhumiert und nach Deutschland überführt haben. Am Dienstag zelebrierten die Aktivisten eine Bestattung in Berlin, für Sonntag rufen sie zur Demo auf - mit "mehreren Leichen und einem Bagger".

Auf dem muslimischen Teil des Friedhofs in Berlin-Gatow haben Aktivisten am Dienstag die Bestattung eines im Mittelmeer ertrunkenen weiblichen Flüchtlings zelebriert. Im Beisein eines Imams wurde ein mit Blumen und einem roten Teppich geschmückter weißer Sarg in die Erde eingelassen. In dem Sarg soll sich der Leichnam einer vierfachen Mutter aus Syrien befunden haben. Die Organisatoren der Aktion - das "Zentrum für Politische Schönheit" (ZPS) - will ihn auf der italienischen Insel Sizilien exhuminiert und nach Berlin überführt haben.

Trauernd legen am 16.06.2015 an der Grabstätte einer im Mittelmeer ertrunkenen Syrerin auf dem muslimischen Teil des Friedhofs Berlin-Gatow Blumen nieder (Quelle: dpa)
Auf dem muslimischen Teil des Friedhofs Gatow wurde der Sarg in die Erde gelassen.

Opfer aus Syrien im März ertrunken

Ein weiterer weißer Sarg auf dem Friedhof Gatow stand symbolisch für die zweijährige Tochter der Frau. Er wurde nicht in die Erde eingelassen.

Nach Darstellung der Aktivisten ist das Boot der beiden Opfer und etwa 40 weiteren Flüchtlingen Anfang März auf dem Weg von Libyen nach Lampedusa auf offener See gekentert. Der Ehemann und drei Töchter hätten das Unglück überlebt. Sie befänden sich inzwischen in Deutschland und warteten auf Asyl, hieß es weiter. Die Residenzpflicht, die für Asylbewerber gilt, habe es der Familie nicht erlaubt, an der Beerdigung teilzunehmen.

Friedhof auf Sizilien, auf dem die toten Flüchtlinge beerdigt worden sein sollen. Auf dem Bild: Zwei Männer, die ein Loch graben. (Quelle: Zentrum für politische Schönheit)
Auf einem Friedhof auf Sizilien sollen mehrere Gräber geöffnet und die Leichen der toten Flüchtlinge exhumiert worden sein

Aktion war keine Inszenierung

Der "Eskalationsbeaufragte" des ZPS, Stefan Pelzer, wehrte sich gegen Vorwürfe, bei dem Begräbnis handele es sich um eine Inszenierung. "Wer ernsthaft glaubt, dieses Ereignis sei nur eine Geschichte, ist an Geschmacklosigkeit nicht zu überbieten", sagte er.

Die Verkehrspolizei im bayerischen Freising bestätigte, dass zwei Leichen von syrischen Flüchtlingen am Freitag auf dem Weg nach Berlin waren. Auf der A9 soll ein italienischer Transporter mit den Überresten der Flüchtlinge kontrolliert worden sein. Der 53-jährige Fahrer soll unter Drogenverdacht gestanden haben, weshalb die Särge auf dem Münchner Flughafen auf Rauschgift hin durchleuchtet worden seien. Das ZPS berichtete ebenfalls, dass es eine Verkehrskontrolle gegeben habe. Für 24 Stunden sei das Fahrzeug beschlagnahmt und dann die Särge zum Flughafen gebracht worden. Im Anschluss sei die Fahrt nach Berlin fortgesetzt worden.

"Die Toten kommen"

Bereits in dieser Woche sollen noch weitere Beisetzungen stattfinden. Die Orte und Termine würden jedoch erst jeweils sechs Stunden zuvor bekannt gegeben, heißt es in einem Video auf der Webseite der Aktivisten. Für Sonntag kündigten die Aktivisten zudem eine noch provokantere Aktion an: Vor dem Kanzleramt sollen Leichen von ertrunkenen Flüchtlingen bei einer Demonstration beerdigt werden. Unter dem Motto "Die Toten kommen" wollen sie damit gegen die europäische Flüchtlingspolitik protestieren: "Nach dem Willen des deutschen Innenministers sollten die Toten unsichtbar bleiben. Wir schaffen Abhilfe und bringen sie ins Zentrum der Macht: in das Berliner Regierungsviertel", heißt es beim ZPS.

Eine solche Ausstellung der Leichen ist aber nicht erlaubt. Die Würde des Verstorbenen stehe im Mittelpunkt und die müsse gewährleistet sein, sagte Mario Czaja (CDU), Senator für Gesundheit und Soziales, dem rbb. "Unter diesen Rahmenbedingungen ist eine Exhumierung möglich, aber eine politische Demonstration nicht", so Czaja. Am Mittwoch soll es deshalb ein Treffen zwischen Polizei und Aktivisten geben. Bereits am Dienstag hatten sich die Gesundheitsämter der Bezirke verständigt, wie man mit dem Protest umgehen will.

Modell vom Friedhofsfeld vorm Kanzleramt "Den Unbekannten Einwanderern" (Quelle: Manuel Ruge / Zentrum für Politische Schönheit)
So soll das "Friedhofsfeld 'Den Unbekannten Einwanderern' vorm Kanzleramt laut ZPS aussehen

Berliner Flüchtlingsrat zeigt Verständnis

Verständnis für die Aktionen kommt vom Berliner Flüchtlingsrat: Nachrichten von dem Sterben im Mittelmeer erreichen einen zwar täglich, aber der große Aufschrei in der Bevölkerung und in der Politik fehle, bemängelt Martina Mauer vom Flüchtlingsrat. Vielleicht sei es deshalb notwendig "solche radikalen Aktionen zu machen, um das Ausmaß der humanitären Katastrophe den Menschen und der Politik vor Augen zu führen", so Mauer.

Der Berliner Polizei liegt laut ihrem Sprecher Stefan Redlich für kommenden Sonntag eine Anmeldung für einen Aufzug unter dem Titel "Mahnwache für ertrunkene Flüchtlinge im Meer" vor. 500 Teilnehmer sollen von 14 bis 16 Uhr vom Boulevard Unter den Linden bis zum Forum vor das Kanzleramt laufen. Redlich sagte rbb online, das ZPS habe auch mehrere Fahrzeuge für den Aufzug angemeldet. So seien drei Kleinbusse und ein Bagger angekündigt worden. Zudem seien vom ZPS auch Tote angekündigt worden. "Ich kann mich nicht erinnern, dass wir so etwas schon einmal bei einer Demonstration hatten", so Redlich.

Mit Crowdfunding gegen Flüchtlingspolitik

Per Crowdfunding hatten die Initiatoren Geld für die Überführung und Beerdigung der Toten gesammelt. Jeder Transfer und jede Beisetzung koste 14.900 Euro, hieß es. Mit so genannten "perks", also Leistungsanreizen, sollten Unterstützer der Aktion zusätzlich motiviert werden, Geld zu spenden. Diese "perks" reichen von 10 Euro für ein "psychiatrisches Gutachten über De Maizières Geisteszustand" bis hin zur 5.000 Euro-Spende, für die es im Gegenzug ein "Wochenende an der EU-Außenmauer im griechischen Hinterland mit Führung zu den Massengräbern" gibt - mit Einzelzimmer und Halbpension.

Es ist nicht das erste Mal, dass die politische Künstlergruppe "Zentrum für Politische Schönheit" (ZPS) mit seinen Aktionen provoziert und die Aufmerksamkeit auf brisante Themen lenkt. Zum Jahrestag des Mauerfalls am 9. November des vergangenen Jahres hatte die Gruppe 14 Kreuze an der Gedenkstätte "Weiße Kreuze" entwendet, um auf die Lage der Flüchtlinge an der europäischen Grenze aufmerksam zu machen. Bundesweit hatte die Aktion für Aufsehen und kontroverse Debatten gesorgt.

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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