Vor Italien ertrunkene Flüchlinge (Quelle: dpa)

Neue Aktion des Zentrums für Politische Schönheit - Künstlergruppe will ertrunkene Flüchtlinge in Berlin bestatten

Das Zentrum für Politische Schönheit ist bekannt für seine provokanten Aktionen, um auf das Leid der Flüchtlinge aufmerksam zu machen. Jetzt will die Gruppe tote Flüchtlinge in Italien exhumiert haben, um sie am Dienstag in Berlin zu beerdigen. Für Sonntag rufen die Aktivisten zur Demo vorm Kanzleramt auf - angemeldet sind "500 Menschen, mehrere Leichen und ein Bagger". Von Anika Hüttmann

Es ist nicht das erste Mal, dass die politische Künstlergruppe "Zentrum für Politische Schönheit" (ZPS) mit seinen Aktionen provoziert und die Aufmerksamkeit auf brisante Themen lenkt. Zum Jahrestag des Mauerfalls am 9. November des vergangenen Jahres hatte die Gruppe 14 Kreuze an der Gedenkstätte "Weiße Kreuze" entwendet, um auf die Lage der Flüchtlinge an der europäischen Grenze aufmerksam zu machen. Bundesweit hatte die Aktion für Aufsehen und kontroverse Debatten gesorgt.

Die Toten sollen sichtbar gemacht werden

Jetzt kündigten die Initiatoren nun erneut eine Aktion an, die wieder heftig polarisieren dürfte. "Das Zentrum für Politische Schönheit präsentiert die Toten Europas", heißt es in der Mitteilung des ZPS. "Die Toten Einwanderer Europas kommen vom Mittelmeer in die Schaltzentrale des europäischen Abwehrregimes: in die deutsche Hauptstadt", schreibt die Gruppe. Zunächst sollen am Dienstag "die ersten beiden Opfer der militärischen Abriegelung Europas" auf einem muslimischen Teil des Friedhofs in Berlin-Gatow beerdigt werden.

Zur Begründung für die Aktion sagte Stefan Pelzer, der sogenannte Eskalationsbeauftragte des ZPS: "Nach dem Willen des deutschen Innenministers sollten die Toten unsichtbar bleiben. Wir schaffen Abhilfe und bringen sie ins Zentrum der Macht: in das Berliner Regierungsviertel." Gemeinsam mit den Angehörigen habe man auf der italienischen Insel Sizilien "10 menschenunwürdige Grabstätten geöffnet und die Toten exhumiert". Jetzt seien sie auf dem Weg nach Deutschland. Bei den ersten beiden Opfern handele es sich um eine Mutter und ihr Kind, die Anfang März auf einem Schiff mit insgesamt rund 40 Flüchtlingen nach Italien unterwegs gewesen seien. Das Schiff sei im Mittelmeer gekentert, viele dabei ertrunken.

Friedhof auf Sizilien, auf dem die toten Flüchtlinge beerdigt worden sein sollen. Auf dem Bild: Zwei Männer, die ein Loch graben. (Quelle: Zentrum für politische Schönheit)
Auf einem Friedhof auf Sizilien sollen mehrere Gräber geöffnet und die Leichen der toten Flüchtlinge exhumiert worden sein

Mit Crowdfunding gegen Flüchtlingspolitik

Per Crowdfunding sammeln die Initiatoren Geld für die Überführung und Beerdigung der Toten. Dort heißt es, jeder Transfer und jede Beisetzung koste 14.900 Euro. Mit so genannten "perks", also Leistungsanreizen, sollen Unterstützer der Aktion zusätzlich motiviert werden, Geld zu spenden. Diese "perks" reichen von 10 Euro für ein "psychiatrisches Gutachten über De Maizières Geisteszustand" bis hin zur 5.000 Euro-Spende, für die es im Gegenzug ein "Wochenende an der EU-Außenmauer im griechischen Hinterland mit Führung zu den Massengräbern" gibt - mit Einzelzimmer und Halbpension. Bis Montagabend hatte die Gruppe schon mehr als 20.000 Euro sammeln können. Den Angaben nach kam das Geld innerhalb von zehn Stunden zusammen.

Am Sonntag, so kündigt das ZPS an, geht es weiter. Dann soll ein "Marsch der Entschlossenen" zum Kanzleramt führen - "um sie direkt vor den politischen Entscheidungsträgern zu beerdigen". So solle der Vorplatz des Kanzleramtes in eine Gedenkstätte der besonderen Art verwandelt werden. "Kanzlerin, Kabinett und Besucher müssen künftig über Leichen gehen", kündigt das Zentrum an.

Polizei: "Tote wurden angemeldet"

Laut Polizeisprecher Stefan Redlich liegt der Berliner Polizei seit Montagmorgen eine Anmeldung für einen Aufzug unter dem Titel "Mahnwache für ertrunkene Flüchtlinge im Meer" vor. 500 Teilnehmer sollen am Sonntag von 14 bis 16 Uhr von Unter den Linden bis zum Forum vor das Kanzleramt laufen. Philipp Ruch, Aktivist des ZPS, erklärte, man habe die Aktion bereits vor drei Wochen angemeldet. Sprecher Redlich sagte rbb online, das ZPS habe auch mehrere Fahrzeuge für den Aufzug angemeldet. So seien drei Kleinbusse und ein Bagger angekündigt worden. Außerdem wurden vom ZPS auch Tote angekündigt. "Ich kann mich nicht erinnern, dass wir so etwas schon mal bei einer Demonstration hatten", so Redlich. Man werde nun mit den Veranstaltern in Kontakt treten, um weitere Einzelheiten zum Ablauf und zu notwendigen Vorkehrungen zu besprechen. 

Auch die Verkehrspolizei im bayerischen Freising bestätigte, dass zwei Leichen von syrischen Flüchtlingen am Freitag auf dem Weg nach Berlin waren. Auf der A9 soll ein italienischer Transporter mit den Überresten der Flüchtlinge kontrolliert worden sein. Der 53-jährige Fahrer soll unter Drogenverdacht gestanden haben, weshalb die Särge auf dem Münchner Flughafen auf Rauschgift hin durchleuchtet worden seien. Das ZPS berichtete ebenfalls, dass es eine Verkehrskontrolle gegeben habe. Für 24 Stunden sei das Fahrzeug beschlagnahmt und dann die Särge zum Flughafen gebracht worden. Im Anschluss sei die Fahrt nach Berlin fortgesetzt worden.

Modell vom Friedhofsfeld vorm Kanzleramt "Den Unbekannten Einwanderern" (Quelle: Manuel Ruge / Zentrum für Politische Schönheit)
So soll das "Friedhofsfeld 'Den Unbekannten Einwanderern' vorm Kanzleramt laut ZPS aussehen

Weitere Beerdigungen geplant

Auf der Internetseite des Zentrums erklären die Aktivisten, dass sie die Anwesenheit von mehreren Vertretern des Bundesinnenministeriums zu den Aktionen erwarten. Auch eine Gästeliste veröffentlichte die politische Künstlergruppe. Auf Nachfrage, ob es bereits Rückmeldungen auf die Einladungen gab, erklärte Ruch: "Bis jetzt haben sie nicht den Anstand, nein."

Ob es sich bei den Aktionen um einen symbolischen Akt der Inszenierung handelt oder ob tatsächlich tote Flüchtlinge nach Berlin gebracht werden, ist unklar. Aber dass es authentisch wirkt, dafür hat die Aktionskünstlergruppe bereits gesorgt.

In der laufenden Woche sollen noch weitere Beisetzungen stattfinden. Die Orte und Termine würden jedoch erst jeweils sechs Stunden zuvor bekannt gegeben, heißt es in einem Video auf der Webseite der Aktivisten – "aufgrund der politischen Sprengkraft und der zu erwartenden Repression".

Beitrag von Anika Hüttmann

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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