Zwei Teilnehmer des Christopher Street Days demonstrieren am 27.06.2015 in Berlin für die Ehe für alle. (Quelle: imago/IPON)

Hunderttausende bei Berliner Christopher Street Day - "Wir sind alle anders. Wir sind alle gleich"

Die Ehe für alle und sichere Unterkünfte für homosexuelle Flüchtlinge: Das waren in diesem Jahr die zentralen Forderungen des Christopher Street Day in Berlin. Rund 200.000 Menschen sind dafür am Samstag zum Brandenburger Tor gezogen, Mehr als doppel so viele säumten die Umzugsstrecke.

Hunderttausende Menschen haben am Samstag den Christopher Street Day (CSD) in Berlin gefeiert. Die Polizei zählte am Ende rund 200.000 Teilnehmer, die bei der Parade auf den etwa 50 Wagen und in Fußgruppen zum Brandenburger Tor mitfuhren und -liefen. Am Straßenrand sammelten sich entlang der Route gut 550.000 Schaulustige.

Unter dem Motto "Wir sind alle anders. Wir sind alle gleich" setzte sich der Umzug am Mittag am Kurfürstendamm in Bewegung. Die Route führte über den Nollendorfplatz zur Siegessäule und von dort über die Straße des 17. Juni zum Brandenburger Tor.

Ehe für alle und Flüchtlinge im Fokus

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller und sein Vorgänger Klaus Wowereit (beide SPD) gehörten ebenso zu den Teilnehmern wie der Botschafter der USA in Deutschland, John B. Emerson. In den USA hatte am Freitag das höchste Gericht erklärt, dass Schwule und Lesben künftig in allen 50 Bundesstaaten heiraten dürfen.

Das Thema Ehe für alle stand in diesem Jahr im Mittelpunkt der CSD-Parade. Müller sagte, er erhoffe sich vom Christopher Street Day in der Hauptstadt "Rückenwind" für dieses Anliegen. "Ein bisschen Gleichstellung geht nicht." Im Berliner Senat war es darüber kürzlich zum Streit zwischen den Koalitionspartnern CDU und SPD gekommen. Die Union lehnt eine Gleichstellung bisher ab, will aber dazu ihre Mitglieder befragen.

Der Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg (LSVD) kritisierte das Vorgehen der CDU. "Sie meint, jetzt erst einmal eine Umfrage starten zu müssen - das hätte sie seit Jahren tun können", sagte LSVD-Geschäftsführer Jörg Steinert im Interview mit rbb online. "Seit Einführung der eingetragenen Partnerschaft hatte man 14 Jahre Zeit, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und voranzugehen."

Demonstration statt Parade

Auch Flüchtlinge waren ein wichtiges Thema beim diesjährigen CSD-Umzug. Homosexuelle Flüchtlinge seien noch längst nicht sicher, wenn sie in Deutschland angekommen seien, sagte CSD-Vorstandsmitglied Angela Schmerfeld. Sie hätten in den Flüchtlingsheimen extreme Probleme und bräuchten dringend sichere Wohnheime.

"Sozialsenator Czaja und das Lageso müssen tätig werden, um jeden einzelnen zu schützen und Diskriminierung und Gewalt in den Unterkünften nicht zuzulassen", forderte auch Steinert im Interview mit rbb online. Der LSVD habe dem CDU-Politiker schon vor zwei Monaten in dieser Hinsicht geschrieben, aber noch keine Antwort erhalten.

Die Politik sollte beim diesjährigen Umzug wieder stärker in den Fokus rücken. Der wurde in diesem Jahr von den Veranstaltern auch nicht mehr als Parade, sondern als Demonstration bezeichnet. Daher hatten die Organisatoren den vorderen Teil des Zugs für die eher leisen Gruppen reserviert - "für Leute mit Fahrrädern, Kinderwagen und Rikschas", wie die Pressesprecherin der CSD-Veranstalter, Tatjana Meier, vorab sagte. Die Wagen mit lauter Musik folgten dahinter. Und auch sie mussten ihre Bannerfläche zu mindestens 70 Prozent für politische Botschaften nutzen.

Die CSD-Parade in Bildern

Für gleiche Rechte und gegen Diskriminierung

Auszeichnung für Wowereit

Für sein Bekenntnis im Jahr 2001 "Ich bin schwul und das ist auch gut so" wurde Klaus Wowereit (SPD) gewürdigt. Berlins Regierender Bürgermeister erhielt beim CSD die nicht dotierte Auszeichnung "Soul of Stonewall"-Award. Damit solle ihm Respekt gezollt und Dankeschön gesagt werden, wie die CSD-Organisatoren mitteilten. Seit Wowereits Outing sei offene Homosexualität in der Spitzenpolitik kein Thema mehr.

Wowereit habe auch im Berliner Senat grundsätzlich neue Strukturen eingeführt, sagte LSVD-Geschäftsführer Steinert. "Er hat eine Senatskanzlei hinterlassen, in der es jetzt eine Ansprechpartnerin für dieses Thema gibt. Der Kampf gegen Homophobie ist ein Querschnittsthema in vielen Senatsverwaltungen geworden."

Dass sich in anderen Ländern noch viel grundlegendere Dinge ändern müssen, daran erinnerte die Schleppe der diesjährigen Miss CSD. Das 40 Meter lange Tuch war zusammengesetzt aus den Flaggen von über 70 Staaten, in denen homosexuelle Handlungen strafrechtlich verfolgt werden.

Gagenverzicht für Schuldenabbau

Auch die insgesamt drei Demonstrationen zum CSD 2014 waren schon deutlich politischer als in den Jahren zuvor ausgefallen: mit Protesten gegen die homofeindliche Politik im Ausland, einer Kranzniederlegung und Forderungen nach einem verbesserten Adoptionsrecht.

Nachdem sich im vergangenen Jahr Veranstalter, Community und Politik zerstritten hatten, hat das Führungsteam mittlerweile gewechselt. Der Verein sitzt aber auf Schulden von rund 160.000 Euro. Die Künstler auf der Hauptbühne und ihre Teams verzichteten deshalb nach Angaben der Veranstalter in diesem Jahr auf eine Gage. In diesem Jahr werde bei der Veranstaltung wahrscheinlich ein kleines Plus erzielt werden, zeigte sich CSD-Vorstandsmitglied Schmerfeld sicher. Die Schulden seien damit aber noch nicht abgebaut.  

Höhere Kosten durch Queen-Besuch

Durch den Besuch der britischen Königin Elizabeth II. in der deutschen Hauptstadt bis zum Freitag wurde der Berliner Christopher Street Day (CSD) in diesem Jahr auch noch teurer. Die Personalkosten seien dadurch um einiges höher ausgefallen, weil alles in kürzerer Zeit aufgebaut werden musste, erläuterte Staeglich.

Die CSD-Demo ist einer der Höhepunkte der "Pride Weeks", bei denen Lesben und Schwule zu mehreren Veranstaltungen einladen, um Lebensfreude und Selbstbewusstsein zu zeigen. Die CSD-Paraden und -Demonstrationen, die an unterschiedlichen Tagen weltweit stattfinden, erinnern an einen Aufstand von Schwulen, Lesben und Trans-Menschen gegen Polizeiwillkür am 28. Juni 1969 in der Christopher Street in New York City.

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

Studio Frankfurt

Vom Landkreis Oder-Spree bis zur Uckermark: Das rbb-Regionalstudio Frankfurt (Oder) mit Nachrichten, Reportagen und Hintergründen aus der Region.  

Das könnte Sie auch interessieren

2014: Großer Streit um den Christopher Street Day - doch prominenter Besuch: Conchita Wurst (Quelle: dpa)

Eine statt drei Paraden am 27. Juni - Berliner CSD-Veranstalter arbeiten Schulden ab

Scharfer Streit unter den Veranstaltern prägte den Berliner Christopher Street Day im vergangenen Jahr. Doch ein Jahr später ist man sich einig: Es gibt wieder eine große CSD-Parade für alle statt drei kleinen Umzügen. Auch finanziell geht es für den Verein langsam bergauf, das Defizit schrumpft. Und aus dem Abgeordnetenhaus winkt Hilfe.