Ausschnitt von der Abendschau vom 08.06.1990, in der Nachrichtensprecherin Regine Mahler verliest, dass die RAF-Aktivistin Susanne Albrecht in der DDR verhaftet wurde (Quelle: Berliner Abendschau vom 08.06.1990)

Vor 25 Jahren - Wie zehn RAF-Aussteiger in der DDR aufflogen

Es war eine kuriose und zugleich dubiose Kooperation: Stasi und RAF arbeiteten in der DDR zusammen – erst im Juni 1990 flogen die Verflechtungen auf, und zehn untergetauchte RAF-Aussteiger wurden festgenommen. "Die Zeit" beschrieb es damals als das "bisher überraschendste Ergebnis der Wiedervereinigung". Von Eva Kirchner

"Die Herstellung der Identität der mutmaßlichen  RAF-Terroristen wurde nach dem bisherigen Stand der Überprüfung zum Teil in einem Ferienobjekt des ehemaligen MFS in Briesen, Bezirk Frankfurt/Oder, vorgenommen."

Peter Michael Distel, der innenminister der DDR, spricht am 07.06.1990 auf einer Pressekonferenz über die von der Stasi unterstützten RAF-Mitglieder (Quelle: Berliner Abendschau vom 07.06.1990)
Der damalige Innenminister der DDR, Peter-Michael Distel

So stelzig formulierte der damalige Innenminister der DDR, Peter-Michael Diestel, in einer Pressekonferenz im Sommer 1990. Die bis dahin streng geheimen Verflechtungen von Staatssicherheit und der Terrorgruppe "Rote Armee Fraktion" waren aufgeflogen. Seit 1980 lebten insgesamt zehn RAF-Aussteiger unbehelligt unter anderem in Magdeburg, Senftenberg, Neubrandenburg, Ost-Berlin, Schwedt und Frankfurt/Oder.

Von der Staatssicherheit bekamen sie ihre neuen Identitäten und wurden zunächst in eben jenem Forsthaus bei Briesen untergebracht. Hier wurden sie umfangreich vernommen. Das Wissen über die Untergrundszene im Westen war der Stasi mehr als wichtig, so Tobias Wunschik, Mitarbeiter der Stasiunterlagenbehörde in Berlin. Der Historiker hat sich intensiv mit der sogenannten "Stasi-RAF-Connection" beschäftigt.

Im Briesener Forsthaus mussten die Terroristen alles preisgeben. Die Anschlagspläne ihrer Gruppe, welche gefälschten Pässe die RAF-Mitglieder benutzten würden und auch über ihre eigenen Taten mussten sie umfangreich berichten. Später wurden sie auf ihr neues Leben beim "kleinen Bruder" - wie die DDR bei der RAF intern hieß - vorbereitet, so Tobias Wunschik: "Sie wurden dann auf DDR-Bürger umgeschult – oder, besser gesagt: Ihnen wurde das politische System, die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR erklärt."

Aufnahme der Aussteiger als Sicherheit

Für die Staatssicherheit war die Aufnahme der Aussteiger Mittel zum Zweck und ein kostbares Faustpfand, so der Historiker: "Sie haben weiter im Westen als aktive Gruppenmitglieder der RAF ihr todbringendes Handwerk betrieben. Die Stasi aber Zugriff auf die ehemaligen Kampfgefährten in der DDR hatte, war zusätzlich sichergestellt, dass die RAF sich niemals gegen die DDR wenden würde."

Dem riesigen Apparat der Staatssicherheit, mit seinen tausenden offiziellen und inoffiziellen Mitarbeitern und den fast unbegrenzten Möglichkeiten in der DDR, war diese kleine Gruppe von Terroristen höchst suspekt. Sie lebten im Untergrund, der ganze westdeutsche Polizeiapparat suchte nach ihnen, fand sie aber nicht – all das schien der Stasi bedenklich.

Von der Staatssicherheit gut überwacht, führten die RAF-Aussteiger ab 1980 hinter dem Eisernen Vorhang ein durchschnittliches, fast spießiges Leben. Mit neuer Identität, gefälschten Geburts- und Heiratsurkunden, Schul- und Ausbildungszeugnissen wurden sie in verschiedenen Städten der DDR untergebracht. In Schwedt, Senftenberg oder Frankfurt/Oder. Städte, die möglichst weit weg waren von den Transitrouten. Hier war die Wahrscheinlichkeit geringer, dass Bundesbürger oder auch Messebesucher, wie zum Beispiel in Leipzig, sie hätten wieder erkennen können, so das Rechercheergebnis des Historikers Tobias Wunschik.

Eine normales, sozialistisches Leben

Anderseits durften die Städte auch nicht zu klein sein, damit eine gewisse Anonymität aufrecht erhalten werden konnte. Große Plattenbauten, wie in Berlin-Marzahn, schienen perfekt. Hier lebte Susanne Albrecht, alias Ingrid Becker. Die Tochter einer wohlhabenden Hamburger Juristenfamilie gerät 1973 in die Sympathisantenscene der RAF. 1977 ermöglicht sie den Mord an Jürgen Ponto, dem Chef der Dresdener Bank. 1980 taucht sie in der DDR unter. In Cottbus lernt sie ihren späteren Mann, einen nichts ahnenden Physiker, kennen, heiratet ihn, bekommt ein Kind und arbeitet später als Chemielaborantin. Ein normales, sozialistisches, kleinbürgerliches Leben, das war die oberste Devise der Staatssicherheit.

"Platte" in Marzahn um 1990 (Quelle: dpa)
Wohnblock in Berlin-Marzahn im Juni 1990 - hier war Albrecht untergetaucht

Eine Maßgabe, die auch für den Arzt Horst Winkler, alias Ekkehard von Seckendorf-Gudent galt. Er lebte bis 1990 mit seiner Frau, der Ex-Terroristin Monika Helbing, in Frankfurt/Oder. Im Krankenhaus Eisenhüttenstadt macht er zunächst seine Facharztausbildung und gründet später in Frankfurt/Oder eine Beratungsstelle für Alkohol- und Medikamentenabhängige.

Freilassung und Bewährung für RAF-Aussteiger

Im Juni 1990 kommt die Wahrheit ans Licht. Innerhalb weniger Tage werden die RAF-Aussteiger in der DDR verhaftet. Auch der Frankfurter Arzt Horst Winkler, alias Ekkehard von Seckendorf-Gudent. Mehrere Wochen bleibt er in Haft. Dann wird er als nicht tatverdächtig entlassen. In einen Radiointerview wenig später erinnert er sich: "Ich wurde am 15. Juni inhaftiert und bis zum 27. Juli in Untersuchungshaft gehalten. Nach einer Zeugengegenüberstellung bin ich als freier Mann entlassen worden."

Verhaftet wird im Juni 1990 in Ost-Berlin auch Susanne Albrecht. Nach ihrer Auslieferung an die Bundesrepublik wird sie – dank Kronzeugenregelung – zu lediglich zwölf Jahren Haft verurteilt. 1996 kommt sie auf Bewährung frei. Die Kronzeugenregelung machen sich auch andere ehemalige RAF-Mitglieder zu Nutze. Alle zehn in der ehemaligen DDR untergetauchten RAF-Aussteiger sind heute auf freiem Fuß. Die meisten von ihnen leben in Deutschland und arbeiten als Schriftsteller, Lehrerin, Fotografin oder Arzt.

Beitrag von Eva Kirchner

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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